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Obama contra Merkel: Fremde Freunde

Von und Gabor Steingart, Washington

Barack Obama kommt nach Deutschland, allerdings ist er nur auf der Durchreise. Längere Gespräche mit Angela Merkel sind nicht eingeplant. Die Kanzlerin gilt in Washington als "sperrig", außerdem scheinen die USA Deutschland im Moment nicht zu brauchen - das kann sich aber schon bald ändern.

Die wahren Geschenke unter Staatenlenkern bestehen nicht aus Blumengebinden und Porzellanservice, sondern aus Schmeicheleien, die der eine dem anderen gewährt. Also überschüttete der amerikanische Präsident die deutsche Kanzlerin mit einer Vielzahl hochwertiger Nettigkeiten.

Ihre Herangehensweise an politische Probleme sei nicht nur "smart", sondern "einzigartig". Die Kanzlerin strahlte wie bei einer Bescherung.

Obama und Merkel (im April 2009 in Baden-Baden): So schnöde ließ den neuen Superstar noch keiner abblitzen.
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Obama und Merkel (im April 2009 in Baden-Baden): So schnöde ließ den neuen Superstar noch keiner abblitzen.

Der Nachteil dieser Schmeicheleinheiten ist nur: Es war George W. Bush, der so über Merkel redete. Im Washington des Barack Obama wird anders über die Frau aus Berlin gesprochen.

Die Deutsche gilt im persönlichen Umgang als sperrig. Politisch hält man die Kanzlerin für zögerlich. In ökonomischen Fragen traut man ihr - nach den Erfahrungen bei der Bekämpfung der Finanzkrise - wenig Expertise zu.

Das Etikett "sperrig" verdankt sie ihrer Weigerung, den Kandidaten Obama vorm Brandenburger Tor sprechen zu lassen. Als unhöflich und damit auch unklug wurde empfunden, dass sie im April einer Einladung des neu gewählten Präsidenten ins Weiße Haus nicht folgte, obwohl bereits ein Termin gefunden war.

Merkel scheute die lange Flugreise und verwies auf die Kürze der gewährten Audienz und das wenige Tage später ohnehin verabredete Treffen mit Obama beim G-20-Treffen in London. So schnöde ließ den neuen Superstar der internationalen Politik noch keiner abblitzen.

Daher hatte es durchaus symbolischen Wert, als in einer Rundmail, die das Weiße Haus zu Barack Obamas "International Trip" in dieser Woche verschickte, der Deutschland-Besuch gar nicht vorkam. Von der Abflugzeit in Kairo war da zu lesen. Als nächster Stopp tauchte Frankreich auf.

Der Fehler wurde später entdeckt und korrigiert. Doch politisch verhält es sich genau so: Deutschland ist auf der Reise des US-Präsidenten bloß ein Zwischenstopp - reingezwängt zwischen der mit Spannung erwarteten Rede an die muslimische Welt in Kairo und die Gedenkfeier für die Landung alliierter Truppen in der Normandie 1944.

In Deutschland will Obama das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besuchen und den amerikanischen Kriegsverletzten im US-Militärhospital Landstuhl Trost zusprechen. Für ausführlichere Gespräche mit der Kanzlerin bleibt da nicht viel Zeit. Der Versuch deutscher Diplomaten, den US-Präsidenten nach Berlin zu locken, schlug fehl. Auch Obama kann zickig sein.

Dem Werben des französischen Präsidenten um den amerikanischen Amtskollegen war mehr Erfolg beschieden. Obamas Aufenthalt in Frankreich verlängerte sich auf Drängen von Nicolas Sarkozy um eine zweite Übernachtung. Das Obama begleitende White House Press Corps wurde in einem Schreiben über die außerplanmäßige Verlängerung der Reise unterrichtet.

Beobachter der transatlantischen Szenerie verwundert diese Bevorzugung nicht. "Derzeit ist Frankreich angesagt. Der Eindruck ist, dass man die Deutschen im Moment zu nichts wirklich gebrauchen kann", sagt Stephen Szabo, Leiter der Transatlantic Academy in Washington.

Sarkozy versuchte von Anfang an, einen auch persönlichen Draht zum neuen Machtinhaber in Washington zu entwickeln. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik folgte er Obamas Wunsch nach einem milliardenschweren Konjunkturprogramm. Mit Dominique Strauss-Kahn sitzt ein Franzose an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF), dessen Mitarbeit in Zeiten der Krise für Obama von großer Bedeutung ist. Hinzu kommt: Mit der Rückkehr Frankreichs in die Nato-Kommandoebenen hat Sarkozy aus US-Sicht Führungsqualität bewiesen. Außerdem gilt Frankreich, jetzt mit einer Militärbasis am Persischen Golf, sicherheitspolitisch als Global Player.

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