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Obama gegen McCain: Hartes TV-Duell ohne klaren Sieger

Aus Oxford, Mississippi, berichtet

Sie duckten und sie keilten sich: Im ersten TV-Duell blieben die US-Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain klare Antworten zur Finanzkrise schuldig - dafür lieferten sie sich bei den Themen Irak und Terrorabwehr harte Wortgefechte. Verlierer? Die Zuschauer.

Oxford - Eine knappe Viertelstunde ist um in dieser ersten Präsidentschaftsdebatte, Jim Lehrer, der Moderator, blickt zu den mächtigen Stehpulten der Kandidaten, er wirkt frustriert. "Sagen Sie es ihm direkt", fordert er Barack Obama auf. Obama schaut irritiert, Lehrer wiederholt: "Sagen Sie es direkt zu ihm." Obama blickt etwas scheu zu McCain, setzt an: "Nun, John, vor zehn Tagen haben Sie gesagt, die Fundamentaldaten der US-Wirtschaft seien in Ordnung." McCain grinst, Richtung Moderator: "Haben Sie Angst, ich hätte das nicht verstanden?" Lehrer seufzt: "Ich will doch nur, dass sie miteinander reden. Ich werde es versuchen."

Da tut er. Lehrer hat das Publikum ermahnt, nur ja keinen Mucks von sich zu geben, damit die beiden Kandidaten ganz im Mittelpunkt stehen. Er hat am Anfang klargestellt: "Es wird zwar vor allem um Außenpolitik gehen, aber das schließt natürlich die globale Finanzkrise ein." Lehrers erste Frage lautet: "Was halten Sie vom Rettungsplan der Bush-Regierung?"

SPIEGEL 40/2008:

Foto A1Pix Ltd.
Der Preis der Überheblichkeit
Eine Wirtschaftskrise verändert die Welt

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Doch alles vergebens. Amerika mag mitten in der dramatischen Finanzkrise auf einen regen Austausch der beiden Präsidentschaftskandidaten zur Wirtschaftslage hoffen. Aber McCain antwortet Obama auf seine Frage nach den Fundamentaldaten nicht, allen Ermunterungen Lehrers zum Trotz. Die Bewerber reden und reden zur trüben Konjunktur. Doch sie reden nacheinander, nebeneinander - nicht miteinander. McCain blickt während der ganzen Debatte kein einziges Mal zu seinem Rivalen.

Obama rasselt einen Plan herunter: "Wir müssen schnell und klug handeln." Mehr Kontrolle, denn 700 Milliarden Dollar Staatshilfe sei viel Geld. Keine Mittel für Vorstandsbosse und deren goldene Handschläge. Lieber Hilfe für Hausbesitzer mit drückenden Hypotheken.

McCain hat auch einen Plan: Optimismus. Demokraten und Republikaner würden im Kongress gemeinsam ein Paket schnüren (dass McCain das schon vor der Debatte durch seine Reise nach Washington mitverabschieden wollte, erwähnt er nicht). "Man muss an die Stärke der US-Arbeiter glauben", sagt er.

Bald verstricken sich beide Senatoren in ihren Lieblingsthemen. Für McCain: Ausgabenkürzungen und die Abschaffung der Vorzugsprojekte, die Abgeordnete in Washington ins Budget schmuggeln. "Die Staatsausgaben sind total außer Kontrolle geraten", wiederholt er immer wieder, er reckt einen Stift hoch: "Ich habe hier einen Stift, mit dem ich jedes Ausgabengesetz blockieren werde." Er stilisiert das zu einer echten Wertentscheidung - obwohl sich mit den 18 Milliarden für alle Vorzugsprojekte pro Jahr gerade mal rund 2,5 Prozent des aktuellen Finanz-Rettungsplans decken ließen.

Obama versucht sich auch an Werten, aber er bleibt gleichfalls in Formeln stecken. Er redet über Eltern, über Krankenschwestern, über Gesundheitsversorgung für alle. Über ungerechte Steuersenkungen für Reiche, die McCain vorschlage. Jeder Satz klingt gut, aber auch sehr vertraut.

So geht das fast 45 Minuten, zur wachsenden Frustration Lehrers. Soll das heißen, unterbricht er schließlich die Bewerber, die Finanzkrise beeinflusse ihre Pläne für die Machtübernahme gar nicht?

"Sie lagen falsch"

Obama sagt: "Ich werde meine Anliegen nicht aufgeben, aber man sie wird anders angehen müssen." McCain donnert wieder sein Credo vom Ausgabenstopp: außer fürs Militär, die Veteranen, laufende Sozialverpflichtungen. Da wendet sich Obama nach fast 40 Minuten das erste Mal wirklich zu McCain. "Dieser Präsident ist für gewaltige Budgetsteigerungen verantwortlich", sagt er. "Sie haben zu 90 Prozent mit ihm gestimmt." Doch bald guckt Obama wieder Richtung Lehrer, er redet weiter, aber seine Stimme fasert aus. "Das ist schwer zu schlucken", endet er schließlich matt - und schaut dabei fast auf den Boden.

Die ganze Woche versprachen Obama und McCain, ihre Strategie für einen Ausweg aus der Finanzkrise dem amerikanischen Volk mitteilen zu wollen. Aber nun, da bis zu 60 Millionen US-Bürger zuschauen, wirken beide froh, als Lehrer zur Außenpolitik überleitet.

Dabei geht es auch da nur um Krisen. Allen voran: Irak. Was man daraus lernen könne, fragt der Moderator. McCain: "Mit der falschen Strategie konnten wir nicht gewinnen. Aber jetzt sagen die Soldaten im Irak: Lass uns gewinnen." Obama hält dagegen: "Sie tun so, als habe der Krieg 2007 begonnen, nicht 2003. Damals haben Sie gesagt, es werde ein leichter Sieg. Sie lagen falsch. Sie haben gesagt, wir würden als Befreier begrüßt. Sie lagen falsch. Sie sagten, es werde keine Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten geben. Sie lagen falsch." Es ist vielleicht Obamas bester Moment. Er will die Urteilskraft McCains attackieren. Doch es geht dabei eben auch um die Vergangenheit.

"Das ist nicht nur naiv, es ist auch gefährlich"

Um die Zukunft gestalten zu können, muss Obama die Amerikaner von seiner Eignung als künftiger Oberbefehlshaber überzeugen. Gerade gegen McCain, der seine außenpolitische Erfahrung in dieser Phase der Debatte in jedem zweiten Satz unterstreicht - egal wie sehr das die Zuschauer an seine 72 Lebensjahre erinnert. Von Ronald Reagans Libanon-Abenteuer spricht McCain, vom Golfkrieg, vom Libanon, von Bosnien oder Kosovo. Alles für die eine These: "Ich habe mich intensiv mit diesen Themen beschäftigt." Will auch heißen: Obama nicht.

Und dieser geht ihm in der Debatte zur Iran-Politik in die Falle. Obama verteidigt sich: Er sei naiv genannt worden, mit Iran zu verhandeln, dabei tue die Bush-Regierung das jetzt auch. Doch McCain lässt nicht locker. "Das ist nicht nur naiv, es ist auch gefährlich", ruft er.

Obama will den Angriff weglächeln: Die Vorstellung sei doch lächerlich, in einem Treffen mit Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad werde dieser gegen Israel wettern - und man entgegne nichts. Da grinst McCain, fast boshaft, er wittert seine Chance: "Lassen Sie mich richtig zusammenfassen: Wir treffen Ahmadinedschad. Der sagt: 'Lasst uns Israel ausradieren.' Und wir sagen: 'Nein, bitte nicht?'"

Der Satz könnte hängenbleiben von diesem Abend. Er bündelt perfekt McCains These: Obama rafft es nicht.

Hat es McCain bis zur Mittellinie geschafft?

Der Demokrat findet zwar noch kluge Worte zu anderen Gefahren als Irak, der strategischen Herausforderung durch China, dem Umgang mit Russland. Er redet viel von vorausschauender Planung. Er wirkt sehr klug in diesen Passagen, vielleicht auch präsidial. Aber Außenpolitik ist für Amerikaner auch eine Wertefrage, daran hat ihn McCain deutlich erinnert.

Der Streit um die Auslegung beginnt gleich nach Debatten-Ende. Naiv und gefährlich habe sich Obama geäußert, beteuern McCains Spin-Doktoren. Obama habe den Test als Oberbefehlshaber locker bestanden, halten Obamas Helfer entgegen. "Wenn das ein Heimspiel für John McCain war", diktiert dessen außenpolitische Chefberaterin Susan Rice, "hat es McCain nicht mal bis zur Mittellinie geschafft."

So verkeilen sich beide Seiten. Am Wochenende, verlautet aus Washington, soll der US-Kongress über eine Lösung der Finanzkrise beraten. Überparteilich, versteht sich.

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McCain vs Obama: Das erste TV-Duell


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