Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Wer den Wahlkämpfer Barack Obama heute beobachtet, diesen ergrauten Mann, kann den Hoffnungsträger von 2008 kaum noch erkennen. Damals war er das jugendliche Symbol des Wandels, und jedes seiner Worte ein Versprechen. So auch in einem TV-Interview am 25. Januar 2010, da war er gerade zum Friedensnobelpreisträger gekürt worden: Er wollte kein "kleiner" Präsident sein, als den er selbst Demokraten-Idol Bill Clinton einschätzte, der in seiner Amtszeit auch mal für neue Schuluniformen kämpfte. Obama plante, sein Land von Grund auf zu verändern. Also sprach er an diesem Januartag: "Ich wäre lieber ein wirklich guter Präsident mit nur einer Amtszeit als ein mittelmäßiger Präsident mit zwei Amtszeiten."
Er klang noch wie der Politiker, der in seiner Antrittsrede gelobt hatte, "die Kindereien zu beenden, sich harten Realitäten zu stellen und die Nation auf ein neues Zeitalter vorzubereiten".
Dieser mutige Mann ist seither Tag um Tag im Oval Office ein wenig verzagter geworden - und sein Mut wird auch nicht zurückkehren, sollte Obama dort bleiben dürfen. Der einstige Hoffnungsträger hat einen der am wenigsten hoffnungsreichen Wahlkämpfe aller Zeiten geführt, er hat sich in negativen "Kindereien" verstrickt, in bitterbösen Spots über Mitt Romneys Millionen und Macken. Zuletzt hat er den Republikaner einen "Dummschwätzer" genannt, ein Wort, das kein höflicher Amerikaner benutzt.
Der Mann, der Amerika von George W. Bush erlöste, hat sich Bush-Taktiken bedient - der 2004 lieber seinen Herausforderer John Kerry demontierte, statt über seine umstrittene Bilanz zu reden. Und auch Obama, der Wahlkämpfer, begann die harten Realitäten zu verschweigen, denen Amerika sich stellen müsste.
Traurige Evolution
Dass der Demokrat gegen einen prinzipienlosen Rivalen antritt, der viel Kritik verdiente, macht die Sache nicht besser. Man kann die Schuld für diese traurige Evolution Barack Obama geben. Man kann sie aber auch den Amerikanern geben. Denn diese wollen, und das klingt hart, belogen werden. Einen Politiker, der dies nicht tut, würden sie schlicht nicht wählen.
Stellen wir uns einmal vor, Obama hätte die Bewerbung für seine Wiederwahl so begonnen: "Hört her, unsere Schulen zählen weltweit nicht mehr zu den Top Ten, jede vierte unserer Brücken wackelt, unsere Kinder sterben häufiger und unsere Alten früher, obwohl wir doppelt so viel für unser Gesundheitssystem ausgeben als etwa Deutschland. Wir bereiten uns so schlecht auf einen Hurrikan vor, dass Millionen New Yorker tagelang im Dunkeln sitzen. Und unsere Schnellzüge ruckeln kaum schneller als Vorortzüge in China. Wir müssen neu anfangen."
Kurzum: Er hätte gesagt, dass Amerika nicht mehr in jeder Hinsicht das großartigste Land der Erde ist, sondern wie jede andere Nation ein "work in progress".
Ein Präsident hat sich dies einmal getraut, Jimmy Carter. Der Demokrat redete der Nation 1979 ins Gewissen, sie müsste ihren Energiekonsum ändern. Die Amerikaner mochten es nicht hören. Sie spotteten über Carters Miesmacherei - und jagten ihn aus dem Amt.
Spätestens seither wagt kaum ein US-Politiker mehr, das Volk nach Opfern zu fragen. Obama, immerhin, hat es kurz versucht. Er hat angemahnt, Amerikaner hätten an Schwung verloren. Er hat auf seinen Auslandsreisen gezeigt, dass das große Amerika die Größe haben sollte, sich auch mal zu entschuldigen.
Abschied von der Wahrheit
Bald schon aber galt er als der "Entschuldigungspräsident", der nicht stolz sei auf sein Land. Die Angriffe begannen auf der Rechten, aber auch Amerikas Linke schreit reflexhaft auf bei Kritik an störrischen Lehrergewerkschaften oder übermächtigen Ärztelobbys. Amerika verfüge schließlich über die engagiertesten Lehrer und Mediziner der Welt, so ihr Mantra, ganz gleich, wie oft Statistiken dies widerlegen.
Also wurde aus dem politischen Messias Obama ein typischer US-Politiker, seine Vision ist täglich geschrumpft. Sicher, er hat seine Gesundheitsreform durchgesetzt, eine historische Leistung, doch die explodierenden Kosten ließ er fast unangetastet. Er hat die lähmende Staatsverschuldung nicht reduziert, den Klimawandel erwähnt er nicht einmal mehr.
Er hat keine ernsthafte Debatte über soziale Ungleichheit angestoßen, ebenso wenig wie über das irrsinnige Credo, dass in Amerika Steuern nie steigen dürfen. Und sein Konjunkturpaket, fast 900 Milliarden Dollar schwer, vermarktete er als kleinkariertes Krisenmanagement statt als gründliche Runderneuerung.
Beinahe folgerichtig schwieg er schließlich über seine Pläne für eine zweite Amtszeit - wohl aus Resignation, dass den US-Bürgern jede Staatsinitiative unheimlich geworden ist (wie rasch selbst Republikaner nach Hurrikan "Sandy" Staatshilfe forderten, ist traurige Ironie).
Mit dieser Taktik wird Obama wohl die Wiederwahl gelingen. Aber er vergab die historische Chance, "die Nation auf ein neues Zeitalter vorzubereiten". Denn das würde verlangen, Amerikaner an Ehrlichkeit zu gewöhnen - statt sie mit Phrasen über die "greatest nation on earth" einzulullen. Gewiss, dass Politiker Ehrlichkeit fürchten, ist kein amerikanisches Phänomen. Auch Helmut Kohl versprach lieber blühende Landschaften und sichere Renten. Quer durch Europa wurden gerade Regierungschefs abgewählt, die Wahrheiten über die Euro-Krise verkündeten.
Aber Amerika, dieses großartige Land, wollte immer mehr sein, eine Staat gewordene Idee. Seine Gründerväter beschworen einst "common sense", gesunden Menschenverstand. Heute strafen die Bürger jeden Politiker gnadenlos ab, wenn er pragmatisch Unpopuläres durchsetzt. Schlimmer noch: Es reicht sogar, wenn ein Kandidat nur über Unpopuläres redet. Über die Wahrheit zum Beispiel.
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