TV-Duell zur US-Außenpolitik: Kopf an Kopf in den Endspurt

Aus Boca Raton, Florida, berichtet

So ist Mitt Romney nicht zu schlagen: In der finalen TV-Debatte zur Außenpolitik punktete Barack Obama als kompetenter Commander-in-Chief - doch auch sein Republikaner-Rivale war stark. Gewonnen oder verloren wird die Wahl nun in den Swing-States.

Romney und Obama: Ein Riesenspektakel - und nun alles auf Anfang Zur Großansicht
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Romney und Obama: Ein Riesenspektakel - und nun alles auf Anfang

Kaum sind die Kandidaten fertig, geht schon das Schönreden los. Dazu marschieren die Berater, Strategen und Parteifreunde beider Kontrahenten am Stirnende des Saals auf, um die Reporter zu überzeugen, dass ihr Mann gewonnen habe - und warum. "Spin Alley" nennen sie diese weitgehend faktenfreie Zone auf knallrotem Teppichboden. Die Gasse der Meinungsmacher.

Zum Beispiel Jim Messina, Barack Obamas Wahlkampfmanager: "Dies war ein Wettstreit der Stärke", diktiert er. "Der Präsident hat Stärke gezeigt." Etwas weiter steht David Plouffe, der Messinas Job vor vier Jahren hatte und jetzt als Chefstratege fungiert: "Wir fühlen uns sehr wohl", sagt er, was sonst wohl. "Wir glauben, dass diese Debatte geholfen hat."

Genau das glauben Mitt Romneys Leute aber natürlich auch. Etwa Bob Portman, der Senator aus Ohio, der im Debattentraining das Obama-Double spielte: "Ein toller Abend für Romney", übertreibt er. "Er war präsidialer." Dan Senor, Romneys außenpolitischer Guru, sekundiert: "Die Leute haben hier jemanden erlebt, der dynamisch und optimistisch war."

Nur wer von beiden war das? Beide Seiten haben recht, beide Seiten haben unrecht. Ja, Obama geht aus dem dritten und letzten TV-Duell dieses Wahlkampfs als "Sieger" hervor. Ja, auch Romney schlägt sich achtsam. Aber nein: Keiner schafft es, das Rad des Rennens wirklich herumzureißen. Es bleibt Kopf an Kopf.

"Debatten sind nutzlos und kontraproduktiv"

Die jüngsten Umfragen - so man ihnen noch glaubt - bezeugen eine nüchterne Realität: Der Wahlkampf ist nun wieder auf dem Stand, auf dem er vor den drei TV-Duellen war. "Debatten sind nutzlos und kontraproduktiv", beschwert sich die konservative "Washington Times". "Sie sind zu sinnlosen Spektakeln verkommen."

Sind sie das? Die erste Debatte gab Romney immerhin einen solchen Schub, dass Obama seither Mühe hat, allein das Patt zu wahren - obwohl er die beiden Folgeduelle "gewann". Weshalb auch der Punktsieg von Florida ein Pyrrhussieg ist, der die Waage bestenfalls ausbalanciert. Am Ende haben die Debatten beide Wählerschaften nur in sich verhärtet.

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Obama vs Romney: TV-Duell in Boca Raton
Dabei sollte es ja die Entscheidung bringen, dieses finale Gefecht an Floridas "Goldküste". Hunderte Reporter sind dazu nach Boca Raton geeilt, mit hoher Hoffnung auf den Durchbruch oder, besser noch, den großen Fauxpas. Einige bleiben aber schon vorher mit dem Shuttle-Bus im Stau stecken, wie ein Omen, dass auch ihre Prognosen in der Sackgasse enden würden.

Um die Außenpolitik geht es diesmal. Auf dem Papier jedenfalls, die Kandidaten reden aber immer wieder lieber von der Wirtschaftspolitik - ein Versuch, die gelangweilten Zuschauer bei der Stange zu halten. Es gibt ein paar schöne Momente, doch keine Patzer, ein paar knackige Bonmots, doch kein Knockout. Diese Wortwechsel werden schnell vergessen sein.

"Was uns wirklich wichtig ist?" Da entschlüpft David Plouffe doch mal kurz die Wahrheit: "Uns geht es jetzt nur noch um die Swing States."

Obama nimmt Romney in die Zange

Also gut, ein bisschen gibt's schon zu berichten über diese 93 Minuten (gefühlte drei Stunden). Obama prescht von Anfang an aggressiv auf Romney los, nimmt ihn in die Zange, will ihn als weltweiten Stümper diskreditieren. Dessen Außenpolitik? "Falsch und leichtsinnig", "völlig durcheinander", "verwirrend", "nicht dazu geeignet, Amerika sicher zu halten".

So landet Obama auch die zwei besten (einzigen) Treffer des Abends. Als Romney kritisiert, die US-Marine habe unter Obama viel weniger Schiffe als früher, erwidert der nur: "Tja, Gouverneur, wir haben auch weniger Pferde und Bajonette." Und legt kurz darauf noch einen nach: Dies sei kein Spielchen à la "Schiffe versenken". Treffer - versenkt.

Trotzdem, Romney hält wacker dagegen: "Ich sehe nicht, dass unser Einfluss auf der Welt wächst. Ich sehe, dass unser Einfluss schrumpft." Damit trifft er einen stillen Nerv vieler Amerikaner, vor allem konservativer.

Je länger das so geht, desto krasser wird der Rollentausch: Obama gibt den weltpolitischen Falken, Romney die handzahme Taube. Wer ist hier der Demokrat, und wer der Republikaner?

Einen "erleuchtenden Dialog zur Zukunft unserer Nation" hat sich Kevin Ross gewünscht, der Chef der Lynn University, die fünf Millionen Dollar investiert hat, um diese Show auszurichten. "Eine Debatte, die der Präsidentschaft des großartigsten Landes der Welt würdig ist", ergänzt Moderator Bob Schieffer, als er das Saalpublikum warmredet.

Diskussion um Libyen erstickt in Geschwafel

Doch Erleuchtendes gibt es schließlich nur wenig. Schon die Diskussion um Libyen, die für Obama zur Falle hätte werden können, erstickt in Geschwafel. Keiner will Schieffers Fragenköder schlucken, zu diffus ist die Lage.

Außenpolitische Differenzen? Nicht zwischen diesen zwei Herren. Iran, Libyen, Afghanistan, Drohnen? Immer wieder stimmt Romney Obama zu, sagt nur: "Ich wünschte, wir hätten eine bessere Vision für die Zukunft gehabt."

Aber seine eigene Vision entspricht weitgehend der Vision Obamas - zumindest die Version der Vision, die er hier präsentiert. Das merkt auch Obama: "Sie würden die gleichen Sachen machen wie wir, nur würden Sie das lauter sagen."

Irgendwann gleitet die Debatte ganz ab. Auf einmal reden sie von der Bildungspolitik, von Mathe-Lehrern, von der Gesundheitsreform, der Staatsverschuldung, dem Defizit, der US-Autoindustrie. "Ich liebe Lehrer", versichert Romney. Worauf Moderator Schieffer trocken versetzt: "Ich glaube, wir alle lieben Lehrer."

Ganz oder fast unerwähnt bleiben: Europa, Südamerika, Kuba, der Klimawandel, der Aufstieg Asiens. Ach ja, China kommt vor - aber erst ganz zum Schluss, fast beiläufig und als stereotyper Buhmann beider Kandidaten.

Na dann, auf in die Swing States. Obama bricht schon an diesem Dienstag von hier aus zu einer dreitägigen Sause durch die wenigen noch wahlentscheidenden US-Staaten auf: Iowa, Colorado, Nevada, zurück nach Florida, Virginia, Illinois, Ohio. Auch Romney reist weiter. Ebenfalls nach Colorado und Nevada.

Aha, dort werden die Wahlen also gewonnen. Nicht in der dunstigen Halle von Boca Raton.

Einen klaren Sieger gibt es in dieser Nacht übrigens dann doch noch. Das Baseballteam der San Francisco Giants schlägt die St. Louis Cardinals 9:0, eindeutiger geht's kaum, und zieht damit in die Finalrunde der World Series.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Was Solls wer gewinnt?
rolandjulius 23.10.2012
Keiner von Beiden wird sich den inneren Problemen der US stellen. Wie wollen sie dann die Welt regieren? Das war doch stets deren Ziel, und haben es nie geschafft.Ohne innere Stärke verliert jede Macht seine Position. Adiós USA.
2.
kjartan75 23.10.2012
SPON sollte die Faktenlage der Umfragen nicht schweigen: In den letzten Monaten hat Romney zu keinem Zeitpunkt vor Obama gelegen, wenn es um die Wahlmännerstimmen ging. Auf 538 kann man das z. B. sehr gut nachvollziehen. Daher ist auch die Gesamtbewertung einleuchtend, die Obama eine 70%ige Wahrscheinlichkeit des Sieges zumisst. Wenn Romney sogar nach dem 1. TV-Duell, das er so klar für sich entscheiden konnte, immer noch hinten lag, obwohl er einen spürbaren bounce bekam, so kann man festhalten, dass er Obama gestern hätte sehr deutlich schlagen müssen, um seine Siegchancen zu verbessern. Das ist nicht geschehen. Da die Briefwahl schon längst begonnen hat und Obama sehr viel Geld investiert hat in die Briefwahlstimmen, kann man davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Obama Präsident bleiben wird, sehr viel höher ist, als der SPON hier glauben machen möchte.
3. Daumen drücken für Romney. Schicksalswahl auch für deutsche Steuerzahler.
Argentinien_Holdout 23.10.2012
Angeblich ist Romney auch ein betrogener Argentinienholdout. Er würde den Argentinienbetrug beenden und für die Einhaltung von Recht und Gesetz in der Finanzwelt sorgen, und somit die Schuldenkrise beenden. Die Schuldenkrise hängt mit den Schuldenschnitten (Enteignungen) zusammen. Staatsanleihen in Friedenszeiten sind erst seit dem Argentinienbetrug unsicher geworden. Wegen der ständigen Enteignungsgefahr und dem Dominoeffekt (aktuell Griechenland) traut sich kein Sparer mehr in Staatsanleihen zu investieren. Deswegen können sich Staaten nicht mehr refinanzieren die Schuldenkrise entstand. Deswegen wirft die EZB jetzt die Notenpresse an und kauft selber die Staatsanleihen. Die Zeche zahlen wir alle, durch Inflation. Romney hätte die Macht, dies zu ändern.
4. Aber...
zTyphoon 23.10.2012
... gestern hieß es hier auf SPON noch, dass das dritte Fernsehduell den Wahlkampf entscheiden wird? Ich bin enttäuscht. ;)
5.
qvoice 23.10.2012
Zitat von rolandjuliusKeiner von Beiden wird sich den inneren Problemen der US stellen. Wie wollen sie dann die Welt regieren? Das war doch stets deren Ziel, und haben es nie geschafft.Ohne innere Stärke verliert jede Macht seine Position. Adiós USA.
Den Untergang der USA haben mir schon die Lehrer in der DDR voraussgesagt. Kam aber irgendwie anders.
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