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Obama in Arabien: Aspirin für die Muslime

Aus Riad berichtet

Wohlwollend, aber nicht gerade enthusiastisch erwarten viele Muslime Barack Obama in Arabien. Sie wünschen sich vom US-Präsidenten harte Worte gegen Israel - sind aber skeptisch, was seinen Einfluss auf die zerstrittenen islamischen Staaten angeht.

Wie schwer sich die Muslime mit Amerika tun, lässt sich freitags an der Ringautobahn von Riad studieren, an der Rampe zum "Exit 5". Dort hat die US-Motorradmarke Harley-Davidson ihre Saudi-Arabien-Zentrale.

Souvenirshop in Kairo wirbt mit Obama-Besuch: Das Image der US-Führung hat sich verbessert
REUTERS

Souvenirshop in Kairo wirbt mit Obama-Besuch: Das Image der US-Führung hat sich verbessert

Im Morgengrauen füllen die Autos gutgelaunter Männer den Parkplatz vor dem Harley-Showroom. Sie lassen die Limousinen stehen und holen ihre Motorräder aus der klimatisierten Tiefgarage. Sie tauschen ihre weißen Dischdaschas gegen die schwarze Lederkluft, ihre rot-weiß-karierten Kopftücher gegen Motorradhelme mit Stars and Stripes und Totenkopf-Emblemen - und machen sich auf den Weg über die Freeways von Riad, hinaus in die Wüste, in die Oasenstädte des frommen Königreichs.

"Es ist bequemer, die Motorräder und die Kutten gleich bei uns zu lagern. Wir halten sie in Schuss", sagt Marwan al-Mutlak, der die Geschäftsidee hatte und selbst ein leidenschaftlicher Harley-Fahrer ist.

"Es gibt noch einen anderen Grund", sagt einer seiner Mitarbeiter. "Nicht alle Mütter hier sehen es gern, wenn ihre Söhne Motorrad fahren. Nicht alle Väter wollen ihre Söhne in solchen Klamotten sehen." Es macht zwar Spaß, das Wochenende wie ein Amerikaner zu beginnen. Aber nicht jeder mag sich zu Hause in US-Kleidung blicken lassen.

Zynisch, zerstritten, schadenfroh

Wenn US-Präsident Barack Obama nach Riad und Kairo kommt, um Amerikas Verhältnis zur islamischen Welt zu reparieren, trifft er auf ein schwieriges Publikum. Zwar hat das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup gerade festgestellt, in sechs ausgewählten Ländern der Region habe sich das Image der US-Führung verbessert. Zwar flattern an den Freeways von Riad die Fahnen der USA und Saudi-Arabiens in trauter Eintracht, zwar hat die ägyptische Regierung sogar die Straße neu asphaltieren lassen, die Obama zur Universität Kairo bringt, wo er seine Rede an die Muslime halten wird.

Doch viele Muslime sind zynisch geworden, was Amerika betrifft. Sie sind zerstritten und - nach der Wirtschaftskrise, die den Westen befallen hat - auch ziemlich schadenfroh und selbstbewusst. Und das gilt für die, die Amerika eigentlich noch ganz gern mögen.

"Ich salutiere vor Obama. Der neue Ton, den er anschlägt, ist bemerkenswert", sagt der Konservative Chalil al-Chalil, der 17 Jahre in Los Angeles gelebt hat und heute an der islamischen Mohammed bin Saud-Universität in Riad lehrt. "Aber ich glaube nicht, dass er im Nahen Osten Frieden stiftet. Ich glaube nicht, dass irgendwer Frieden stiftet, solange Washington Israel so verwöhnt, wie es das seit 50 Jahren tut."

An den Muslimen liege das nicht. Saudi-Arabiens König Abdullah habe schließlich einen Friedensplan vorgelegt, dem 2002 alle arabischen Staaten zustimmten und den von Nigeria bis Indonesien fast alle Muslime unterstützten: Rückzug Israels auf die Grenzen vom Juni 1967 - und dafür normale diplomatische Beziehungen mit allen Nachbarn. "Glaubt irgendwer im Ernst, dass Amerika und Israel sich darauf je einlassen? Ich nicht."

Das diplomatische "Geplänkel" Obamas und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sei sehr interessant und für die Muslime sehr deprimierend, sagt ein saudi-arabischer Geschäftsmann, der in Chicago Kommunikationswissenschaften studiert hat. "Sie streiten über einen Siedlungsstopp im Westjordanland", sagt er. "Als ob es um einen Stopp der Siedlungen ginge! Es geht doch um den Abbau der Siedlungen, nicht darum zu zementieren, was heute schon da ist."

Einig gegen Teheran

"Im Nahost-Konflikt, fürchte ich, werden erst meine Enkel mit Amerika einer Meinung sein", sagt Mohammed al-Zulfa, Historiker mit Cambridge-Abschluss und einer der prominentesten Reformer Saudi-Arabiens. "Auf anderen Feldern wird es schneller gehen: Rechtsstaatlichkeit und gute Regierungsführung zum Beispiel, Afghanistan, Pakistan - und Iran."

Breite Mehrheiten in allen muslimischen Staaten lehnten radikale Regimes wie das der Taliban ab, von den Regierungen ganz zu schweigen. Ebenso sei es mit Irans Atomprogramm. Die Tatsache, dass er nach Riad und nach Kairo fahre, zeige, dass Obama die "moderaten Staaten" der Region auf Amerikas Iran-Kurs verpflichten wolle. "Iran, Syrien, die Hamas und die Hisbollah werden zwar weiter versuchen, diese Allianz zu brechen. Doch das ist ein aussichtsloser Kampf. In Wahrheit wird Obama nur zu uns gemäßigten Muslimen sprechen. Die Extremisten will er in die Ecke stellen." Iran sei nicht nur eine Gefahr unter anderen, pflichtet ihm sein konservativer Landsmann Chalil zu, Iran sei "die Gefahr schlechthin".

Im Frühjahr 1954 schmiedeten die USA und Großbritannien die Türkei, der Irak, das kaiserliche Iran und Pakistan im sogenannten Bagdad-Pakt zusammen - der gemeinsame Feind war die Sowjetunion. So etwas Ähnliches schwebe Washington wohl auch heute vor, sagt der Historiker al-Zulfa - nur dass die Gegner jetzt Iran und seine Verbündeten seien.

Doch nicht alle Staaten der islamischen Welt sind sich ähnlich. Selbst für den großen Redner Obama dürfte es nicht einfach sein, zu den Muslimen zu sprechen, ohne ihre tiefen Zerwürfnisse anzusprechen. "Ich bin gespannt, wie er das macht", sagt Chalil.

"Sie wollen Geld von uns"

Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise verebbt langsam der Schock, den der 11. September 2001 unter den Muslimen ausgelöst hat. "Wir sind heute selbstbewusster, als wir in den Jahren der Bush-Regierung waren", sagt Zulfa. "Und wir sind nicht ganz von gestern", ergänzt der saudi-arabische Geschäftsmann: "Obama will nicht nur unseren politischen Beistand gegen Iran - Amerika und der Westen brauchen auch Geld von uns."

Auf dem Londoner G-20-Gipfel im April wurde Saudi-Arabien bereits um Milliardenhilfe für die Weltbank und den Internationalen Währungsfond gebeten. Der Ölpreis, über Jahre kontinuierlich angestiegen und nach dem Absturz 2008 inzwischen wieder auf über 60 Dollar pro Barrel, hat die Gewichte verschoben - und nicht zum Nachteil der Muslime.

"Obama spürt das ganz genau, und er tut gut daran, wenn er die Wunden heilen will, die wir uns in den vergangenen Jahren geschlagen haben", sagt Mohsen al-Awadschi. Der Saudi-Dissident, der nach dem 11. September 2001 zwischen der Regierung in Riad und den im Königreich verbliebenen Dschihadisten vermittelte, sieht Obamas diplomatische Offensive eher als eine klinische Maßnahme: "Die Frage ist, welche Medizin Obama für uns alle hat. Eigentlich brauchen wir ein starkes Antibiotikum gegen den Bazillus, der uns damals befallen hat. Ich hoffe, er hat mehr in seinem Ärztekoffer als nur ein paar Schachteln Aspirin für uns Muslime."

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