Obama in Kairo Die unfertige Rede

Mit seiner Rede in Kairo hat US-Präsident Obama der islamischen Welt beide Hände gereicht. Ob es aber wirklich historische Worte waren, darüber entscheiden letztlich die Mullahs in Teheran und Israels Hardliner - erst dann kann die Botschaft ihre Wirkung in der Geschichte entfalten.

Ein Kommentar von Gabor Steingart, Kairo


Fest steht: Obama hat eine schöne Rede gehalten. Er sprach vom "gegenseitigen Respekt" und von "gemeinsamen Interessen". Der Kreislauf von Verdächtigungen und Misstrauen zwischen der muslimischen und der westlichen Welt müsse beendet werden.

US-Präsident Obama: Den Kreislauf von Verdächtigungen beenden
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US-Präsident Obama: Den Kreislauf von Verdächtigungen beenden

Er hat auch eine mutige Rede gehalten. Der Islam sei eine Kraft des Friedens, der Koran eine Aufforderung zur Friedfertigkeit, an verschleierten Frauen konnte der US-Präsident nichts Anstößiges finden. Die USA sollten endlich aufhören, ihre Vorstellung von Demokratie zu exportieren, sagte er.

So einfühlsam, so entgegenkommend hatte noch nie ein westlicher Regierungschef an die Adresse der 48 Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit gesprochen. Obama bot den Muslimen nichts Geringeres als Versöhnung und Partnerschaft an. Er hat eine großzügige Rede gehalten.

Aber hat der US-Präsident auch eine große, eine historisch bedeutende Rede geliefert?

Die Antwort darauf wird nicht an der Universität von Kairo gegeben, sondern in den Moscheen und Palästen der arabischen Welt. Erst wenn die dortigen Herrscher und ihre Einflüsterer die Hand annehmen, die Obama ihnen entgegenstreckt, wird die Rede Geschichte schreiben.

Er hat den eigenen Palästinenserstaat in Aussicht gestellt. Aber kann er Israel davon überzeugen? Er rief die islamische Jugend zum Dialog auf. Aber werden die Rekrutierungserfolge der Taliban jetzt abreißen? Er fordert Iran zum Verzicht auf die Atombombe auf. Aber werden die Mullahs in Teheran ihm überhaupt Gehör schenken?

Die historische Größe einer Rede besteht nicht in erster Linie aus dem, was gesagt wurde. Wichtig ist, was daraus wird. Die Worte müssen wirken.

Martin Luther Kings "I Have a Dream"-Rede, vorgetragen auf den Stufen des Lincoln Memorial im Washington des Jahres 1963, ging in die Geschichte ein, weil sie eine Befreiungsbewegung anführte, die Amerika veränderte. Der Traum vom Ende der amerikanischen Rassendiskriminierung ging in Erfüllung.

Ronald Reagans "Mr. Gorbachev, tear down this wall", vorgetragen 1987 in Sichtweite des zugemauerten Brandenburger Tores, galt zunächst als eher flachbrüstige Rede. Wunschdenken, sagten die Höflichen. Typisch amerikanisch, meinten die Bösartigen.

Heute gilt Reagans Rede als groß, weil Mr. Gorbatschow der dreisten Aufforderung Folge leistete - zumindest schien es so. Die Mauer fiel. Der Redner Reagan stand plötzlich nicht mehr als Einfaltspinsel, sondern als Künder des Kommenden da.

Selbst Willy Brandts Regierungserklärung aus dem Jahre 1969, die das Motto "Mehr Demokratie wagen" beherbergte, verdankt ihre Berühmtheit der Wirkung der Worte, nicht den Worten selbst. Brandts Ankündigungen folgte eine Phase der inneren Reformen. Er redete nicht nur. Er lieferte.

Ob Obama liefern wird und liefern kann, ist unklarer denn je. In der arabischen Welt stehen lautstarke Extremisten und Unwillige einer Minderheit von Pragmatikern gegenüber. Die einen wollen die ausgestreckte Hand annehmen, die die anderen am liebsten abhacken würden. Die einen wollen reden, die anderen Bomben bauen. Die einen verstehen die Rede als Auftakt zum Frieden, die anderen begreifen sie als Kriegserklärung, weil sie ahnen, dass dieser Friede nicht zu den Bedingungen des Propheten Mohammed zu haben ist.

Obama hat seine Mission definiert, aber nicht erledigt. Der Rede muss nun Politik folgen, mit allem was dazugehört: versprechen, verhandeln und drohen. Und man kann nur hoffen, dass der Tag niemals kommt, an dem Obama diese Drohungen mit Leben füllen muss. Der Weg zum Frieden führte schon oft über den Krieg.

Der amerikanische Präsident hat deshalb in Kairo eine schöne, aber eine unfertige Rede gehalten. Wenn das Scheinwerferlicht im Auditorium der Universität erloschen ist, wird der Präsident der USA für die historische Größe seiner Rede hart arbeiten müssen.

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