Obama in Kairo Neuer Blick auf die islamische Welt

Manchmal allzu nett, manchmal unverbindlich, aber in Teilen geradezu weise: US-Präsident Obama hat mit seiner Kairoer Rede den islamisch-amerikanischen Beziehungen eine neue Tür geöffnet - mit einer Mischung aus Inspiration, Realpolitik und Selbstkritik.

Von Yassin Musharbash


Berlin - An welchen Kriterien soll man diese Rede messen, die immerhin seit zwei Jahren angekündigt ist, seit Wochen fiebrig erwartet wird, von Dutzenden Experten geschliffen und schon vorab vom Weißen Haus selbst als "historisch" beschrieben wurde?

Man kann sie, schließlich ist Barack Obama noch neu in seinem Amt, als Versprechen lesen. Also als potentiell ungedeckten Scheck. Als eine Ankündigung von Taten, die erst noch folgen müssen und an denen man dann, im Rückblick, den Wert der Rede wird ermessen können.

Obama in Kairo: "Amerika und der Islam schließen sich nicht aus"
DPA

Obama in Kairo: "Amerika und der Islam schließen sich nicht aus"

Oder man kann sie, schließlich ist Barack Obama noch neu in seinem Amt, als eine Art Vorstellung betrachten - als eine Gelegenheit, den Blick eines wichtigen Mannes auf einen wichtigen Teil der Welt kennen zu lernen.

Von dieser zweiten Warte aus betrachtet ist die Kairoer Rede, die der US-Präsident an diesem Donnerstag an die islamische Welt richtete, schon jetzt ein Meilenstein. Denn Barack Obama hat gewissermaßen an einem kleinen Rädchen an Amerikas Fernglas gedreht - und das Bild, das die USA von der islamischen Welt haben, wieder scharf gestellt.

Genau getimtes Störfeuer al-Qaidas

"Amerika und der Islam schließen sich nicht aus, sie brauchen nicht im Wettbewerb miteinander zu stehen", sagte er zum Beispiel. Diese simple Tatsache erfüllt noch nicht einmal den Tatbestand der Schmeichelei - wie einige Allzunettigkeiten, die sich in sein Manuskript geschlichen haben. Aber man hat sie nicht oft gehört in den vergangenen acht Jahren.

Dasselbe gilt für diesen Satz: "Ich betrachte es als Teil meiner Verantwortung als Präsident der Vereinigten Staaten, gegen negative Stereotype über den Islam zu kämpfen, wo immer sie auftauchen." Oder diesen: Das gegenseitige Verhältnis dürfe nicht durch das bestimmt werden, was der Islam nicht sei.

Eine solche Neuausrichtung passt freilich nicht ins Kalkül von Terrorgruppen wie al-Qaida, für die eine unüberbrückbare Kluft zum Westen die Arbeitsgrundlage darstellt. Es ist daher kein Zufall, dass sich ausgerechnet Osama Bin Laden direkt nach Ende der Obama-Rede kurzzeitig den Zugriff auf die Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen sicherte, um seine Gegen-Rede unterzubringen: "Wir leben entweder unter dem Licht des Islam oder sterben in Würde", erklärte der Qaida-Gründer. Die Muslime sollten sich lieber auf einen langen Krieg gegen die Ungläubigen vorbereiten als Allianzen mit ihnen zu schmieden.

Auszüge aus dieser Rede waren bereits am Mittwochnachmittag, als Obama in Saudi-Arabien landete, über al-Dschasira verbreitet worden; am Donnerstag stellte al-Qaida die Rede Bin Ladens präzise zeitlich abgestimmt vollständig ins Netz.

Es steht der offenkundige Versuch dahinter, die eigenen Sympathisanten nicht unkommentiert Obamas Sog auszusetzen. Aber zugleich spricht aus der Betriebsamkeit al-Qaidas gegenüber dem Auftritt des US-Präsidenten eine kaum zu verbergende Sorge, dass genau das Folgen haben könnte. Auch al-Qaida hält die Worte des Gastes aus Washington also für wichtig. Oder doch wenigstens für gefährlich.

Obama verkündet nicht, er erklärt

Das erste Viertel seiner Rede verbrachte Obama damit, seinen Blick auf die islamische Welt ausführlich zu erläutern - er flocht seine eigenen Erfahrungen seiner Jugend in Indonesien ebenso ein wie die Errungenschaften der islamischen Geschichte und ausgewählte Koranzitate.

Und er tat etwas sehr Weises: Bevor seine Zuhörer wohlig dem Honig nachschmecken konnten, den er da verteilt hatte, forderte er denselben Respekt, dieselbe Unvoreingenommenheit für sein Land ein. Wichtig war der Ton: Obama erklärte seinem Publikum Amerika, anstatt es zu verkünden, wie es US-Präsidenten in der Vergangenheit allzu oft getan haben: "Amerika erfüllt nicht das krude Stereotyp eines selbstsüchtigen Empires. Wir wurden aus einer Revolution gegen ein Empire geboren. Wir wurden auf der Idee gegründet, dass alle als Gleiche geschaffen wurden."

Von diesem Angebot eines Neuanfangs ausgehend ackerte Obama sich durch die verschiedenen Themen: Terror (den er nur als "gewalttätigen Extremismus" bezeichnete), Afghanistan und Pakistan, Irak, Nahostkonflikt, Iran, Demokratie, religiöse Freiheit, Frauenrechte, Wirtschaft.

Er hantierte dabei mit zwei Leitmotiven: Der Prämisse, dass der Blick nach vorn, nicht in die Vergangenheit gerichtet sein müsse. Und einem geschickten Changieren zwischen seiner persönlichen Geschichte und seinem Amt. So präsentierte er sich als wahrhafter global Citizen: gewissermaßen Barack Hussein Globama, der lebende Beweis für die Möglichkeit, scheinbare Widersprüche zu versöhnen.

Selbstkritik fällt knapp aus

Etwas knapper als es das Publikum erwartet haben dürfte fiel die Selbstkritik aus: Abu Ghuraib erwähnte Obama gar nicht, Guantanamo nur kurz. Er betonte, dass er Folter verboten habe. Er nannte den Irak-Krieg einen "gewählten Krieg", in Abgrenzung zu jenem in Afghanistan, der "notwendig" gewesen sei, aber er nannte ihn nicht einmal ausdrücklich einen Fehler. Und Obama entschuldigte sich für nichts.

Dafür fand er an anderen, nicht weniger zentralen Passagen klare Worte. Er nannte, mit Blick auf den iranischen Präsidenten und andere, den Holocaust eine Tatsache, deren Leugnung "ohne Basis, ignorant und hasserfüllt" ist. Ebenso deutlich wandte er sich gegen all jene in der islamischen Welt, die die Täterschaft von al-Qaida an 9/11 in Zweifel ziehen.

Und: Obama fand die wohl bisher klarsten Worte eines amtierenden US-Präsidenten mit Blick auf die Rechte der Palästinenser: "Sie erleiden die täglichen, großen und kleinen Erniedrigungen, die mit einer Besatzung einhergehen. Die Situation ist für das palästinensische Volk unerträglich", sagte er - und bekräftigte noch einmal, dass er nicht gewillt ist, die expansive israelische Siedlungspolitik hinzunehmen.

Die israelische Politik, zumal die amtierende Rechtsregierung, wird Obama dafür hart attackieren. Aber der US-Präsident steht spätestens jetzt im Wort.

Die USA als ehrlicher Makler?

Es gab auch Schwächen in Obamas Rede: Der Teil über die Wirtschaft hätte ohne Verlust wegfallen können. Die Passage über den nur angedeuteten Mangel an persönlichen Freiheiten in den Staaten des Nahen Osten war zu zahm. Der Prediger-Gestus drohte gelegentlich, ins Unverbindliche abzugleiten.

Trotzdem: Die Reise nach Kairo hat sich gelohnt, auch wenn es nur Worte, keine Taten waren, die Obama im Gepäck hatte. Auch Worte sind wichtig, vielleicht gerade in diesem Teil der Welt. Denn die angekündigten Taten des US-Präsidenten sind eine Sache, das Mitziehen der anderen Seite aber ist ebenso unentbehrlich. Und die wird nur dann zu einem Aufbruch aus der Resignation der vergangenen Jahre bereit sein, wenn sie in den USA wieder den ehrlichen Makler erahnen kann - wenigstens in Umrissen.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.