Obama in New York: Balanceakt am Nullpunkt des Terrors

Von , New York

Bei dieser Zeremonie musste jeder Schritt, jedes Wort stimmen: Vier Tage nach der Tötung Bin Ladens hat US-Präsident Obama Ground Zero besucht. Er gedachte der Terroropfer, tröstete Angehörige, dankte Polizisten und Feuerwehrleuten. Trotz vereinzelter Kritik gelang die Inszenierung.

AFP

Sie schütteln ihm die Hand. Sie umarmen ihn. Sie drücken ihn, klopfen ihm auf die Schulter, reiben ihm den Rücken, streicheln seinen Anzug. Viele lachen, irgendwie befreit. Ein paar verdrücken still eine Träne. "Sir", murmelt ihm ein Polizist zu, "das ist ein ganz guter Anfang."

Jedes Detail ist sorgfältig choreografiert, als US-Präsident Barack Obama Ground Zero besucht. Es ist eine Zeremonie, bei der jeder Schritt, jedes Wort, jeder Ton stimmen muss. Doch am Ende sind es diese kleinen, spontanen Dinge, die am meisten bewegen.

Allen voran die Hinterbliebenen der Opfer des 11. September 2001. Für sie bedeutet diese Visite wohl mehr als für alle anderen. Rund 60 Angehörige hat das Weiße Haus eingeladen.

Ihre Reaktionen sagen mehr als alle Worte: Einer nach dem anderen nimmt kurz von Obama Besitz. Als sei er jetzt einer der Ihren.

Spätestens da wird klar: Dies ist der Moment, der Obamas Amtszeit auf lange Sicht prägen wird. Vorgänger George W. Bush stieg nach 9/11 auf einen noch kokelnden Trümmerhaufen an Ground Zero, Megafon in der Hand, und eröffnete die Jagd auf Osama Bin Laden.

Perfekte Inszenierung an Ground Zero

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13  Bilder
Obama an Ground Zero: "Wir werden niemals vergessen"
Neuneinhalb Jahre später kehrt Obama an die gleiche Stelle zurück und überbringt den 9/11-Familien persönlich die Nachricht vom Ende Bin Ladens. Es sind unschlagbare Bilder: emotional, symbolkräftig, perfekt inszeniert.

Die Sonne strahlt, eine steife Brise weht, genau wie damals, bevor die Jets einschlugen. Herausgeputzt in Sommerkleidern, Anzügen, Gardeuniformen und weißen Handschuhen stehen sie am Rande des halbfertigen 9/11-Memorials, im Herzen des Terrors von einst. Seit Jahren pilgern sie hierher, um zu weinen und zu trauern. Doch diesmal ist alles anders.

Payton Wall, 14, verlor an 9/11 ihren Vater Glen James Wall, Vizepräsident der Wall-Street-Firma Cantor Fitzgerald. Sie schrieb einen Brief an den Präsidenten, der zufällig am Montag - dem Tag nach dem Tod Osama Bin Ladens - auf dessen Schreibtisch landete. Obama bat Payton, ihre Mutter, ihre Schwester und eine Freundin, die ebenfalls ihren Vater betrauert, sofort zur Feier nach Ground Zero. Payton ist die Erste, die Obama umarmt. Sie flüstert ihm ins Ohr, er flüstert zurück. Sie lacht und streicht sich das Haar aus der Stirn.

Kurz zuvor hat Obama einen Kranz in den US-Nationalfarben abgelegt. Weiße Gardenien, blaue Hortensien, rote Rosen. Das Gesteck stammt von Flowers of the World, das 2001 einen Laden im World Trade Center hatte.

Der Kranz hängt an einem Holzgerüst neben dem Survivor Tree, dem Überlebensbaum. Diese Eiche, 1971 gepflanzt, war damals unter den Trümmern fast verendet, wurde aber wieder hochgepäppelt und ragt heute mehr als zehn Meter hoch. Metaphern allerorten.

"Viele Familien sind am Boden zerstört, dass sie übergangen wurden"

Über der Szene erhebt sich der Rohbau von One World Trade Center, vormals "Freedom Tower": 64 Stockwerke, 16 davon schon verglast. 104 Etagen sollen es werden, mit der symbolischen Höhe von 1776 Fuß (541 Meter), analog zum Gründungsjahr der USA. "Dies ist nicht länger 'The Pit', die Grube", sagt Chris Ward, der Direktor der Hafenbehörde Port Authority, der das 6,5-Hektar-Areal gehört.

Nach der Kranzniederlegung verschränkt Obama die Hände, schließt die Augen und beugt das Haupt. Eine Minute steht er so da, schweigend, die Stirn gerunzelt, in sich versunken. Nur das Klicken der Kameras ist zu hören, ansonsten liegt Ground Zero still.

Schließlich öffnet er die Augen wieder, sagt leise "Alright" und beginnt, Hände zu schütteln. "Ist das deine Mutter?", fragt er ein Mädchen, das ein Foto trägt. "Du siehst ihr sehr ähnlich."

Es ist ein sensibler Vorgang, der freilich nicht allen schmeckt. Manche Hinterbliebene wurden erst im letzten Moment eingeladen, andere gar nicht, aus Zeit- und Platzgründen. "Viele Familien sind am Boden zerstört, dass sie übergangen wurden", schreibt Elise Cooper vom konservativen Blog "American Thinker".

Debra Burlingame, eine der profiliertesten Opfer-Advokaten, ist zu einer separaten Zeremonie am Pentagon eingeladen, bei der Vizepräsident Joe Biden einen Kranz niederlegt. "Unsere Anwesenheit ist nur Requisite", schimpft sie. "Wenn sie wirklich etwas für die Familien tun wollen, sollten sie alle respektieren." Burlingames Bruder Charles war der Pilot des American-Airlines-Flugs 77, den die Terroristen ins Pentagon jagten. Es sind unvermeidliche Reibereien. Doch der Ärger verhallt im stillen Drama der Zeremonie, verblasst gegenüber der Dankbarkeit vieler 9/11-Familien.

"Ich bin ekstatisch, dass er Bin Laden gekriegt hat", sagt Bill Dolye, dessen Sohn Joseph an 9/11 starb. "Es war eine mutige Entscheidung."

"Ich will ihm nur in die Augen schauen und danken", sagt Charles Wolf, der seine Frau Katherine verlor, auf CNN. Als er vom Tod Bin Ladens erfahren habe, seien seine ersten Gedanken gewesen: "Endlich haben sie den Hundesohn erwischt." Besser tot als lebendig.

"Bittersüß", schlagzeilt die "New York Post", das konservative Hausblatt des Medienmoguls Rupert Murdoch, an diesem Morgen auf ihrer Titelseite über einem Bild des alten World Trade Centers. Die "Daily News" begrüßt Obama mit einem Foto Bin Ladens.

Obama will helfen, ein Gefühl des Friedens zu erreichen

Obamas Tag in Manhattan beginnt kurz nach 11 Uhr Ortszeit, als sein Helikopter am Ende der Wall Street landet. Dort wird er von Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani begrüßt, der sein entschlossenes Auftreten an 9/11 später in eine - kurzlebige - Präsidentschaftskandidatur ummünzte. Dann schließt sich Giulianis Nachfolger Michael Bloomberg dem Obama-Tross an. Viele Straßen sind von Schaulustigen gesäumt. Sie warten, winken, einige wedeln mit Flaggen.

Zuvor hat Obamas Sprecher Jay Carney an Bord des Regierungsjumbos Air Force One noch mal die Sprachregelung ausgegeben: Obama komme, "um den furchtbaren Verlust anzuerkennen, den New York an 9/11 erlitten hat". Auch hoffe der Präsident, "den New Yorkern und Amerikanern überall vielleicht zu helfen, ein Gefühl des Friedens zu erreichen".

Vom East River rollt Obamas Wagenkolonne ins Theaterviertel. Dort haben ihm die Männer der Feuerwache 54 an der Eighth Avenue Lunch angerichtet. Auberginen, Nudeln, Muscheln, Shrimps, sonnengetrocknete Tomaten. Die "Pride of Midtown", wie diese Station auch heißt, verlor bei den Anschlägen 15 Leute, mehr als sonst eine Wache. Es war die komplette Morgenschicht jenes Tages.

Über dem modernen Bau weht das Sternenbanner, auf einer Plakette ist "343" eingraviert - die Zahl aller an 9/11 getöteten Feuerwehrleute. Ein Dutzend Männer in blauen Uniformen erwartet den Präsidenten, darunter der New Yorker Feuerwehrchef Salvatore Cassano, der seine "extreme Wertschätzung" für Obama bekundet. Obama schüttelt jedem die Hand, lädt sie alle ins Weiße Haus ein.

Nach der Zeremonie fand ein privates Treffen mit 9/11-Familien statt

"Ich wollte euch danken", sagt er und lobt "die außerordentlichen Opfer", die an 9/11 gebracht worden seien. "Ich kann die Freunde, die ihr verloren habt, nicht zurückbringen." Doch die Ereignisse vom Sonntag hätten bewiesen: "Wenn wir sagen, dass wir nie vergessen werden, dann meinen wir das auch so."

Die Männer applaudieren. "Gott schütze euch", verabschiedet sich Obama von ihnen. "Gott schütze die Vereinigten Staaten von Amerika."

Er fährt weiter ins Viertel Tribeca in Lower Manhattan, zum First Precinct, der Wache Nummer eins des New York Police Departments (NYPD) eine Meile nördlich von Ground Zero. Shaun McGill, einer der jüngsten Cops dieser Wache, rannte an 9/11 in den brennenden Südturm, um noch Menschen zu retten. Er wurde unter den Trümmern begraben, doch er überlebte.

Obama lässt sich von den Beamten eine Vitrine zeigen, die an die Anschläge erinnert. Er signiert das Logbuch der Wache und schreibt "God Bless". "Ich bin hier", sagt er ihnen, "um euch die Hand zu schütteln und euch zu sagen, wie stolz ich auf euch alle bin."

Nach der Zeremonie an Ground Zero wird Obama in ein Ladengeschäft geschleust. "9/11 Memorial Preview Site" steht über der Tür, drinnen sind Modelle der Neubebauung von Ground Zero zu sehen - und Filme vom Tag des Terrors. Das Weiße Haus hat diesen Ort für ein "privates Treffen" mit 9/11-Familien gewählt. Das findet, anders als alles andere an diesem Tag, hinter verschlossenen Türen statt.

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1. ....
stefansaa 05.05.2011
wie heisst es immer so schön: nach der wahl ist vor der wahl. Ich denke mal der Präsidentschaftswahlkampf hat mit dem "Tot" von Bin Laden begonnen und wir in den nächsten Wochen verschärft.
2.
ratxi 05.05.2011
Zitat von sysopBei dieser Zeremonie musste jeder Schritt, jedes Wort stimmen: Vier Tage nach der Tötung Bin Ladens hat US-Präsident Obama zum ersten Mal Ground Zero besucht. Er gedachte der Terroropfer, tröste Angehörige, dankte Polizisten und Feuerwehrleuten. Trotz vereinzelter Kritik gelang die Inszenierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760968,00.html
"...gelang die Inszenierung." Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Einfach etws tun, von Herzen, von sich aus, oder wie auch immer, geht nicht mehr. Authentizität ist nicht mehr möglich, auch nicht mehr gefragt. Inszeniert muss alles werden. Künstlich hergestellt für den dummen Zuschauer. Das ist sehr traurig...
3. Das war wohl die Hymne auf Amerika
pauline-luise 05.05.2011
Zitat von sysopBei dieser Zeremonie musste jeder Schritt, jedes Wort stimmen: Vier Tage nach der Tötung Bin Ladens hat US-Präsident Obama zum ersten Mal Ground Zero besucht. Er gedachte der Terroropfer, tröste Angehörige, dankte Polizisten und Feuerwehrleuten. Trotz vereinzelter Kritik gelang die Inszenierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760968,00.html
Nun stimmt sie wieder. Wenn das Amerika ist: eine durch und durch verlogene Politik, dann kann man sich nur noch mit Grausen abwenden. Die Opfer von Ground Zero werden Usama bin Ladin angelastet, er selber bekam nicht die mindeste Chance, die Dinge in ein anderes Licht zu rücken. Vielleicht ist dies genau der Grund, weswegen man ihn hingerichtet hat: man wollte keine Klarheit über 9/11. Bei dieser Präsentation eines Schmachtfetzens wird einem schlecht. Und Amerika verstrickt sich immer mehr in den verlogenen Krieg gegen den Terror. Und dieser Krieg wurde von Amerika aus angezettelt, indem man keinen Frieden gab in Afghanistan. Auf diese Weise ist Al Kaida entstanden. Die Welt wird so nicht besser.
4. An allem was zu meckern
geilundgemein 05.05.2011
Zitat von ratxi"...gelang die Inszenierung." Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Einfach etws tun, von Herzen, von sich aus, oder wie auch immer, geht nicht mehr. Authentizität ist nicht mehr möglich, auch nicht mehr gefragt. Inszeniert muss alles werden. Künstlich hergestellt für den dummen Zuschauer. Das ist sehr traurig...
Man darf nicht vergessen, dass SPON in *allem* das Haar in der Suppe findet, und ein äußerst negatives Menschenbild zu haben scheint. Obama's Auftritt ist natürlich inszeniert, aber das ist jeder Auftritt eines Politikers, und muss es heutzutage sein. Wichtiger ist, dass der Auftritt den betroffenen Familien, den New Yorkern, und den AmerikanerInnen im Allgemeinen hilft, ein wenig Ihren Frieden mit dem 11. September zu machen.
5. PR_Maetzchen
aceofspade 06.05.2011
Zitat von sysopBei dieser Zeremonie musste jeder Schritt, jedes Wort stimmen: Vier Tage nach der Tötung Bin Ladens hat US-Präsident Obama zum ersten Mal Ground Zero besucht. Er gedachte der Terroropfer, tröste Angehörige, dankte Polizisten und Feuerwehrleuten. Trotz vereinzelter Kritik gelang die Inszenierung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,760968,00.html
Ok. Der Chef hat einmal gezeigt, dass er Eier hat. Der Einsatz gegen Bin Laden war mit etwas Glueck fast fehlerlos. Nicht ueberraschend, weil das US Militaer nun mal das beste der Welt ist. Auch ein Grund fuer die ploetzliche Aufwertung des Dollars. Ueber den Crash des ultramodernen Hubschraubers auf Bin Ladens Hazienda kann man da leicht hinwegsehen. Der Chef hat keine Minute gezoegert, seinenm Erfolg noch am Sonntag abend rauszuposaunen. Symbolisch wichtig, militaerisch wohl weniger. Wir haben es zu Kenntnis genommen. Jetzt ist also die Zeit fuer Victory Laps auf dem Gelaende des weltweit groessten Terroranschlags gekommen? Was fuer Bush eine Sache der Ueberzeugung war, ist fuer Obama eine Sache der Public Relations. Wieso werde ich einfach nicht warm mit diesem Typen?
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