Obama siegt in drittem Fernsehduell McCain verspielt die letzte Chance

Es war John McCains Jetzt-oder-nie-Moment: In der letzten Fernsehdebatte mit Barack Obama wollte er mit Aggressivität den Sieg-Trend des Demokraten stoppen - doch er scheiterte an dessen ruhiger, präsidialer Art. Daran konnte nicht einmal der ominöse Klempner namens Joe etwas ändern.

Aus Hempstead berichtet


Joe Wurzelbacher ist ein bulliger Mann mit Glatze und Ziegenbärtchen. Er lebt in Toledo in Ohio, wo er als Klempner arbeitet und hofft - wie er sagt -, sich eines Tages den "American Dream" erfüllen zu können.

In dieser Nacht jedoch, bei der letzten Fernsehdebatte zwischen John McCain und Barack Obama, erfüllte sich eher der Traum von den legendären 15 Minuten Ruhm. Mr. Wurzelbacher war der Star des Abends.

Er war nicht mal anwesend. Doch wie ein Phantom spukte er durch den 90-minütigen Showdown, in dem sich die beiden Kandidaten härter beharkten als je zuvor. 26-mal wurde sein Name zitiert: 18-mal von McCain, achtmal von Obama - meist betont jovial als "Joe" oder "Joe der Klempner". Weder George W. Bush (zehn Nennungen) noch die Vizekandidaten Joe Biden (sechsmal) und Sarah Palin (drei) konnten da mithalten.

Wie kam der Klempner aus Ohio zu der Ehre?

Als Obama am Sonntag in Toledo Wahlkampf machte, da hatte es sich Wurzelbacher nicht nehmen lassen, den Demokraten persönlich anzusprechen. Er erzählte ihm von seinen Steuersorgen als Kleinunternehmer, die unter einem Präsidenten Obama doch noch schlimmer würden, weil er Menschen ab einer Viertelmillion Dollar Einkommen stärker besteuern wolle - und er wolle eine Firma kaufen, die "250.000 bis 280.000 Dollar jährlich macht". Der Kandidat redete auf ihn ein, doch Wurzelbacher zog unbefriedigt davon.

McCains Souffleure schrieben den Disput offenbar fleißig mit. Und bei der Fernsehdebatte nun zog der Republikaner "Joe, den Klempner" als sein scheinbar bestes Ass aus dem Ärmel. Wieder und wieder führte er Wurzelbacher an, um Obama als Steuertreiber anzuprangern, als Feind des kleinen Mannes, als einen, der dem Wähler die Dollar aus der Tasche ziehen werde. Obama, echauffierte sich McCain gleich zweimal laut-gekünstelt, "will Joe das Geld abnehmen!"

Wie das meiste aber, das McCain in diesem besten aller drei TV-Duelle furios und aggressiv versuchte - und er versuchte vieles -, war auch dies am Ende zu dick aufgetragen. Es ging nach hinten los. Selbst durchs Publikum im Saal, dem absolute Stille eingebläut worden war, ging ein leises Glucksen, als McCain schon wieder verkniffen von seinem Freund Joe sprach. Obama konnte es sich schließlich nicht verkneifen: "Mein alter Kumpel Joe, Joe der Klempner, hört uns zu", schmunzelte er, derweil McCain düpiert in sich hineinschnaubte.

Bei den Testzuschauern, die auf CNN live über die Performance der Kandidaten abstimmen durften, kam Joe Wurzelbacher übrigens nicht gut an. Sobald die Rede auf ihn kam, gingen die Kurven nach unten.

McCain gegen Obama - Umfragen zur letzten TV-Debatte

Obama McCain
Wer hat gewonnen? 58% 31%
Meinung unter Demokraten 88% 5%
Meinung unter Unentschiedenen 57% 31%
Meinung unter Republikanern 18% 68%
Wer attackierte mehr? 7% 80%
Wer hat sich klarer ausgedrückt? 66% 25%
Wer wirkte wie ein klassischer Politiker? 35% 54%
Wer kommt besser mit der Wirtschaft zurecht? 59% 35%
Wer kommt besser mit Steuerpolitik zurecht? 56% 41%
Wer kommt besser mit Gesundheitspolitik zurecht? 62% 31%
vor der Debatte: Wie sympathisch finden Sie...? 63% 51%
nach der Debatte: Wie sympathisch finden Sie...? 66% 49%

Quelle: CNN, 620 Befragte direkt nach der Debatte

Am Ende verspielte John McCain - vorbehaltlich unvorhersehbarer Zwischenfälle - mit dieser Debatte seine beste und vielleicht letzte Chance, Obamas Aufstieg aufzuhalten.

Zwar schlug er sich wacker und besser denn je. Aber in der Summe trotzdem nicht genug. Alle anschließenden Blitzumfragen krönten Obama zum Debattensieger. Und zwar einmütig, haushoch, bei CNN (siehe Tabelle), CBS und Fox. Gerade bei den bisher unentschiedenen Wählern ist Obama vorn - jenen Wählern, die McCain zum Durchbruch bräuchte.

Normalerweise sind solche Wertungen flüchtig. Diesmal allerdings sind sie entscheidend. Die dritte Debatte in Hempstead auf Long Island galt als "point of no return", wie es einer der McCain-Leute im Pressezentrum selbst sagte, freilich ohne damit zitiert werden zu wollen.

McCains Jetzt-oder-nie-Moment: 19 Tage vor der Wahl hätte er das Steuer herum-, zumindest an sich reißen müssen, nachdem Obama in allen Umfragen an ihm vorbeigezogen ist, landesweit und vor allem in vielen wichtigen Schlüsselstaaten.

Die schlimmste Nachricht hatte McCain zwei Tage vor der Debatte erfahren, in Form einer gemeinsamen Umfrage von "New York Times" und CBS News: Obama 53 Prozent, McCain 39 Prozent - die größte Distanz bisher. Das größte Problem für den Republikaner: Am meisten fühlten sich die Wähler dieser Erhebung zufolge von den jüngsten persönlichen Attacken von McCain und seiner Vize Sarah Palin auf Obama abgestoßen. Und dennoch versuchte es McCain auch in der dritten TV-Debatte noch einmal mit solchen Attacken - ganz wie es rechte Kolumnisten, Partei-Insider und auch Palin geraten hatten.

Die Diskussion über Obamas Verbindungen zu dem früheren militanten Vietnamkriegsgegner Bill Ayers und die umstrittene Wählerregistrierungs-Organisation Acorn bot zwar gutes, dramatisches Fernsehen und brachte sicher McCains Basis zum Jubeln. Doch die hat er ohnehin sicher, und für die anderen Zuschauer schaffte es Obama, in ruhigen Worten auf Distanz zu beiden Gruppen zu gehen. Zugleich protestierte er gegen die hasserfüllte Stimmung auf Wahlveranstaltungen der Republikaner, bei denen ein Mann unter anderem "Kill him" geschrien hatte, als Obamas Name fiel.

Die Popularitätswerte Obamas, der in McCains Sperrfeuer seine Ruhe nicht verlor, stiegen während der Debatte sogar noch an. Selbst Demoskop Frank Luntz vom McCain-freundlichen Sender Fox News bilanzierte: "Ein guter Abend für Barack Obama."

Es ist nicht so, als hätte McCain keine guten Momente gehabt. Die erste halbe Stunde stand er geradezu unter Strom, ließ einen Vorwurf nach dem anderen auf Obama prasseln, trieb ihn in die Defensive - vor allem mit dem Lieblingsthema der Republikaner, der Steuerpolitik. Er warf Obama "Klassenkrieg" vor und legte seinen besten Spruch des Abends hin: "Senator Obama, ich bin nicht Präsident Bush. Wenn Sie gegen Präsident Bush antreten wollen, dann hätten Sie das vor vier Jahren machen sollen."

Je länger die Debatte lief, umso öfter begann McCain aber zu übertreiben. Er wiederholte sich immer öfter, verpatzte einstudierte Scherzchen, stotterte, blinzelte, machte sich dramatisch-demonstrative Notizen, klang herablassend, unterbrach Obama und warf gelegentlich zusammenhanglose Bemerkungen ein ("Ich werde keine Steuern erhöhen!"). Da war es dann wieder, das Bild eines verbissenen, alten Mannes, der von den wahren Sorgen der Leute wenig reden wollte und stattdessen alte Anekdoten runterbetete - so hatte er schon in den ersten beiden Debatten seine Chancen vertan.

Mehrere Beobachter verglichen ihn anschließend mit dem unseligen Republikaner-Kandidaten von 1996, Bob Dole. Wie er saß McCain steif aufrecht in seinem Stuhl, seine Miene zum falschen Grinsen gefroren, die Augen weit aufgerissen - während Obama sich locker zur Kamera vorlehnte und sein etwas müdes Auftreten als Coolness tarnen konnte. Jeden einzelnen Angriff parierte er, ohne mit der Wimper zu zucken - meist überzeugend, wenn auch nicht immer.

Neues kam dabei nicht zutage. Der Demokrat zog stattdessen durch, was er sich vorgenommen hatte: Ruhig bleiben, nichts riskieren - und John McCain ins Messer laufen lassen.

Dass Obama dabei oft oberlehrerhaft daherkam und mit seinen kryptischen Politrezepten eher langweilte, war beim Schlussfazit unwichtig. Obama gefiel den meisten einfach besser als McCain.

Im Mediensaal scharten sich nach der Debatte Vertreter der Kandidaten zur "Spin-Runde", einer beliebten, inzwischen fast komödiantischen Debatten-Tradition. Jede Seite erläutert dort den Reportern bierernst, warum ihr Mann gesiegt habe, und die Reporter schreiben artig mit, als habe das einen Wert. "Eins sage ich Ihnen", sagte der demokratische Senator Chuck Schumer: "McCain musste diese Debatte gewinnen. Stattdessen hat Obama gewonnen." McCain-Sprecher Tucker Bounds formulierte denselben Umstand etwas anders: "Alle drei Debatten führten auf diesen Punkt hin - Amerika will Wandel, McCain bringt ihn."

Und was hielt Joe der Klempner von all dem? Auf welche Seite schlug er sich schließlich? Wer war sein wahrer Kumpel, Obama oder McCain? Im Anschluss der Debatte sagte Wurzelbacher der Nachrichtenagentur AP: "Ich kann kaum glauben, dass mein Name in einer Präsidentschafts-Debatte fiel. McCain hat es so ausgedrückt, wie ich es selbst auch tun würde." Dennoch weigerte er sich zu sagen, wem er am 4. November seine Stimme geben werde. Gegenüber dem TV-Sender CBS sagte Wurzelbacher, Obama sei ein guter Redner, aber er wisse nicht, wofür der Demokrat stehe.



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