SPD buhlt um Jim Messina Obamas rotblonder Vollstrecker

Jim Messina ist einer der engsten Vertrauten von US-Präsident Obama, 2012 inszenierte er dessen Wiederwahl. Jetzt will die SPD ihn anwerben: Messina steht für Internet-Wahlkampf - aber auch für eiskalte Methoden.

AP

Von , New York


Seit 1978 saß der populäre Demokrat Max Baucus unangefochten im US-Senat. Auch 2002 schien der populäre Demokrat nichts fürchten zu müssen: Sein republikanischer Herausforderer Mike Taylor blieb in Baucus' rustikaler Heimat Montana ein Nobody.

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Heft 7/2015
Strategien gegen den Anlagenotstand

Wie Baucus den Republikaner Taylor allerdings auf Abstand hielt, ist ein schön-schmutziges Kapitel US-amerikanischer Wahlkampfgeschichte: Taylors Ende kam in Form eines gegnerischen TV-Wahlspots mit Aufnahmen einer Fernsehshow aus den Siebzigerjahren. Darin ist Taylor als junger Mann zu sehen. Angetan in brustentblößendem, breitkragigem Hemd gibt er in einer Sendung namens "Beauty Corner" Schönheitstipps. Dazu massierte er einem anderen Herrn Feuchtigkeitscreme in die Schläfen.

Der unterschwellig homophobe 30-Sekunden-Clip, der den Eindruck erwecken konnte, der zweifache Vater sei schwul, kostete Taylor alle Chancen. Taylor schmiss hin; Baucus gewann mit 63 Prozent der Stimmen.

13 Jahre ist das her. Urheber des kontroversen Spots, den Taylor als "Rufmord" beklagte, war Baucus' politischer Ziehsohn und Wahlkampfmanager, ein 33-jähriger Tech-Nerd namens Jim Messina. Baucus blieb bis 2014 im Senat, heute ist er US-Botschafter in China. Messina erlangte derweil Ruhm als Barack Obamas Vize-Stabschef und Architekt von Obamas Wiederwahl ins Weiße Haus. "Obamas Vollstrecker" nannten sie ihn dank seiner rücksichtslosen Natur. Oder auch "Obamas Karl Rove".

Demnächst aber soll Messina, 45, seine Tricks in die Dienste eines ganz neuen Klienten stellen: Nach SPIEGEL-Informationen ist die SPD dabei, den Obama-Guru für den Bundestagswahlkampf 2017 zu verpflichten, um Angela Merkel zu schlagen. Man erhoffe sich einen "Erkenntnisgewinn" aus den US-Wahlkämpfen, bestätigte die SPD-Zentrale die Verhandlungen. Moderner gesagt soll Messina das leisten, was er schon in den USA bravourös für Obama organisierte: einen Internet-Wahlkampf mit dem richtigen Social-Media-Wumms.

Auch wenn sich die US-Verhältnisse nicht so einfach auf die deutsche Wahlgemütlichkeit übertragen lassen: Messinas Gegner können sich warm anziehen. Der Profi gilt zwar als Fachmann für Datenanalysen und den Einsatz sozialer Netzwerke in Wahlkampagnen. Doch hinter diesem betörenden High-Tech-Kenner-Image verbirgt sich ein abgebrühter Stratege.

Die Baucus-Episode war nicht Messinas erster Streich. Als College-Student in Montana fädelte er 1993 die hart umkämpfte Wiederwahl von Dan Kemmis ein, des Bürgermeisters von Missoula - jene Stadt, die voriges Jahr durch den erschossenen deutschen Austauschschüler Diren Dede bekannt wurde. Im Kongress wurde er zum begehrten Strippenzieher. 2005 brachte er George W. Bushs Versuch zu Fall, die Renten zu privatisieren, Bushs größte legislative Niederlage. Messinas Stil ging dabei oft an die Grenzen des guten Geschmacks. Er nutzte die Hautkrankheit eines Kandidaten aus, dessen grau-blaues Gesicht von der Schwäche seines eigenen Klienten ablenkte. Er setzte renitente Basisgruppen unter Druck. Er bestand auf totaler Kontrolle.

Gelernt ist gelernt

Sein Meisterstück aber war Obama. Erst agierte er als Obamas harte Hand im West Wing und balgte sich mit dem noch explosiveren Stabschef Rahm Emanuel. Bald wurde er, so sein Kollege Dan Pfeiffer, "zur mächtigsten Person in Washington, von der du noch nichts gehört hast". Dann wechselte er an die Spitze des Wahlkampfteams für 2012.

Für diese Aufgabe holte sich der Obama-Flüsterer auch im Silicon Valley Rat. Google-Chairman Eric Schmidt wurde sein Freund und Mentor, er zeigte ihm den Nutzwert von Datenbanken und Tabellenkalkulation und stellte ihm die anderen Tech-Bosse vor. Der 2011 verstorbene Apple-Chef Steve Jobs soll Messina überzeugt haben, dass sich ohne Facebook, Twitter und YouTube kein Wahlkampf mehr führen lasse.

Hilfe kam auch aus Hollywood und aus der Modeszene. Regisseur Steven Spielberg lehrte ihn, das Publikum im Bann zu halten, etwa mit bösen Filmchen über Mitt Romney. "Vogue"-Chefredakteurin Anna Wintour warb 22 Designer für eine schicke Obama-Kollektion ("Runway to Win", Laufsteg zum Sieg), die weiteres Geld in die Wahlkampfkasse spülte.

Nach dem Erfolg von 2012 nutzte Messina die umfangreiche Datenbank der Obama-Basisgruppe Organizing for Action (OFA) als Vehikel für dessen legislative Agenda. Seit 2014 ist Messina Co-Vorsitzender von Priorities USA, Obamas ehemaligem Schattenwahlkampf-Büro, das 2016 dessen Ex-Rivalin unterstützen soll. "Wir wollen, dass Hillary Clinton die nächste US-Präsidentin wird", sagt Messina in einem Interview mit dem Nachrichtensender MSNBC.

Um politische Überzeugungen geht es Messina am Ende aber nie. Seit 2013 hilft er den britischen Konservativen beim Anlauf zur Unterhauswahl in diesem Jahr. Manche US-Kollegen rümpfen die Nase, Messina stört es nicht: "Ich fühle mich sehr wohl bei meiner Entscheidung, für David Cameron zu arbeiten", verteidigte er sich in der "New York Times".

Strategie statt Ideologie: Ein Erfolgsrezept auch für die SPD? Sigmar Gabriel soll an der Verpflichtung Messinas besonders interessiert sein.

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Seite 1
Badener1848 08.02.2015
1. Bessere Idee für die SPD:
Anstatt auf Wahlkampfhelfer zu setzen, die ihre Erfahrung in anderen politischen Systemen gemacht haben, sollte die SPD mehr auf Ihre Basis hören: Nein zu TTIP, mehr direkte Demokratie und nicht mehr dieses ewige Ducken vor Merkel. Und keinen öffentlichen Spott mehr über die ? reiche und hysterische Bevölkerung?, die unverständlicherweise TTIP und andere demokratieabbauende Abkommen ablehnt. Zu 97%!
meinefresse 08.02.2015
2. Find ich gut
Nachdem man bei der SPD ohnehin keine eigenen Inhalte mehr finden kann macht sie wenigstens einen auf Show und Personenkult... moment, dafür bräuchte man wiederum Personal welches zumindest rudimentär für einen Personenkult geeignet wäre. Verflixt.
derpublizist 08.02.2015
3. Werbung für die SPD-Resterampe
Glaubt der Vorstand der ehemaligen Volkspartei wirklich, ein US-Verkäufer könne die deutschen Wähler komplett verschaukeln. Für wie dämlich halten Gabriel, Oppermann, Stegner & Co die eigene Bevölkerung? Wenn es an eigenen Ideen, an Kompetenzen, Visionen und Programmen mangelt, wird sich das Wahlvolk auch von einem US-Werbeonkel nichts "verkaufen" lassen.
Subversives Element 08.02.2015
4. Logisch
Da die Amerikaner mit Gabriel und Maas (lt. amerik. Botschafter ein guter Kontakt) die Spitze der SPD eh schon mit ihren Leuten besetzt haben, ist die Wahl von "Obamas Vollstrecker" eigentlich nur noch logisch. Hoffentlich rutscht die SPD auf 10% ab. Das sage ich übrigens als SPD-Mitglied.
localpatriot 08.02.2015
5. Das Geld in der Partiekasse verpulvern
Consultants aller Art kommen in den USA nicht billig und wenn man eine Spitzenperson nach Deutschland locken will, dann kostet das ziemlich. Man muss sich fragen was der Zweck ist? Die letzten der Parteitreuen mögen noch irgendwie mitlaufen und man hat das Gefühl als wäre man zurück in der Zeit des Endsieges durch die Wunderwaffen. Abwarten und sehen wo die Herren nach der nächsten Wahl in den diversen Think Tanks untertauchen. Armes Deutschland, kleiner Fuchs kann man dazu nur sagen.
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