Aus Unity berichtet Marc Pitzke
Unity - Ken Hall hat sich zur Feier des Tages neue Turnschuhe gekauft. So ein Anlass kommt schließlich so schnell nicht wieder. "Sonst schaut hier nie ein Politiker vorbei", sagt er und hievt seinen schwitzenden Körper keuchend durch die Sommerhitze. "Es ist uns eine große Ehre." Hall ist der Hausmeister der Grundschule und zugleich ehrenamtlicher Bürgermeister von Unity, einem Neuengland-Dörfchen im tiefsten New Hampshire, zwischen Bergen, Wäldern und gurgelnden Flüsschen. Nicht mal 1500 Menschen leben hier.
Doch Barack Obama und Hillary Clinton kommen nicht der Naturidylle wegen nach Unity, auf die sanft talwärts rollende Wiese hinter der Schule, die Ken Hall dafür extra gemäht hat. Sie kommen, weil der Name verspricht was sie selbst bisher nur schwer aussprechen konnten: Unity. Einheit.
Ein perfekt-symbolischer Akt soll es werden, um die gespaltene Partei zu versöhnen, notgedrungen, weil die Wahlen sonst schwierig werden könnten. Es ist der erste gemeinsame Auftritt der beiden bisherigen Rivalen, nach fünf bitteren Monaten der langen Messer. Ein Zeichen der Eintracht, des Friedens in diesem Ort, in dem bei den Vorwahlen im Januar - auch so was kann man nicht erfinden - 107 Personen für Obama gestimmt haben und 107 Personen für Clinton.
Der größte Quertreiber fehlt: Bill Clinton
Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein auf dieser angestrengt inszenierten Zweckhochzeit, zu der Obama rund 4000 Trauzeugen in einer Karawane gelber Schulbusse ankarren lässt. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich, dass zwischen beiden Lagern weiterhin tiefes Misstrauen herrscht - auch wenn die Protagonisten gute Miene machen. Nicht zuletzt, weil der bisher größte Quertreiber heute fehlt: Bill Clinton.
Dabei ist bei diesem Wahlkampf-Woodstock alles im Detail auf "Kumbaya" programmiert, wie die Amerikaner es nach einem alten Brauch nennen, wenn sich alle an den Händen fassen und selig summen. Auf der Wildblumenwiese haben sie zwei Tribünen errichtet. "Unite for Change" ("Vereint euch für den Wandel") steht an der einen - Obamas neuer Wahlkampfslogan. "Unity" an der anderen. Noch Fragen? Der ganze Tag ist eine TV-Kulisse bemühter, dick aufgetragener Symbolik.
Das beginnt schon in Washington, wo die Ex-Gegner, mit artigem Wangenkuss, gemeinsam in den Charterjet steigen. Es ist dieselbe Maschine, die Clinton schon im Vorwahlkampf benutzt hat und die nun Obama dient. Sie sitzen nebeneinander, auf mit Namen markierten Plätzen, Obama am Fenster, Clinton am Gang. Sie schäkern für die Kameras. Clinton trägt einen knallblauen Hosenanzug. Obama trägt eine knallblaue Krawatte. Zufall, schwören sie. Es ist eine arrangierte Ehe, um die beide nicht herumkommen. Er braucht sie und ihre 18 Millionen Vasallen für den Wahlsieg. Sie braucht ihn und sein schier unerschöpfliches Spendenpotential, um ihre rund 20 Millionen Dollar Wahlkampfschulden abzustottern.
Demonstrativ hat er ihr am Vorabend, als sie ihn ihren Top-Finanziers vorstellte, einen Spendenscheck über 2300 Dollar überreicht, die gesetzlich erlaubte Höchstsumme. Sie revanchiert sich auf dem Weg nach New Hampshire mit einem identischen Scheck.
Dutzende TV-Trucks und Satellitenschüsseln
Vom Flughafen Manchester legen sie die eine Stunde Fahrt nach Unity im klimatisierten Komfortbus zurück. Worüber sie da reden - wer weiß. Vielleicht darüber, wie Clinton Obama hier in New Hampshire im Januar überraschend schlug, nachdem ihr tags zuvor fast die Tränen gekommen waren bei einer Frage nach der persönlichen Bedeutung dieses Rennens.
Zur gleichen Zeit bekommen die Anhänger schon im Schulbus Verhaltensmaßregeln: "Keine Liegestühle, keine Schilder!" Sprich: keine Schilder, die nicht offiziell sanktioniert sind. Sondern nur die, die sie vom Obama-Team in die Hand gedrückt bekommen. Die Winkplakate tragen Obamas "Change"-Parolen - aber auch "Thank you Hillary" und "Women for Obama". Eintracht bis ins I-Tüpfelchen.
Dutzende TV-Trucks mit Satellitenschüsseln überragen die Holzhäuschen von Unity. Der Secret Service hat sich mit seinen Flughafen-Metalldetektoren mitten ins Gras postiert, von faustgroßen Schmetterlingen umflattert. "So was habe ich noch nie gesehen", murmelt Grundschuldirektor Chip Baldwin, der vorige Woche aus heiterem Himmel von einem Obama-Gesandten heimgesucht wurde. Er hielt ihn erst für einen Handelsvertreter.
Die Band spielt: "Your Love Keeps Lifting Me Higher." Trotzdem widersetzen sich einige der Jubelchoreografie. "Nur Hillary hat das Know-how und das Charisma", schimpft Carol Stone-Oaks aus Massachusetts, die zwei Stunden mit dem Auto angefahren ist, um hier ihren ungemilderten Ärger zu Protokoll zu geben.
Körpersprache ist "nicht authentisch"
Die Menge ringsum nennt Stone-Oaks "Obamanatiker". Sie selbst werde nun den Republikaner John McCain wählen. Warum sie dann hier sei? "Wir lassen uns nicht totschweigen." Und: "Barack Obama, leck mich am Arsch!" Stone-Oaks repräsentiert eine kleine, aber störrische Parteiminderheit, die immer noch gegen Obamas Nominierung ist. "Er ist ein arroganter Chauvinist", kritisiert auch Stone-Oaks Nachbarin Malka Yaacobi, die mitgekommen ist.
Viele andere freilich lassen sich mitreißen. "Für uns ist dies historisch", strahlt Susan Seitz aus dem nahen Chester in Vermont. "Als ich das erste Mal demokratisch wählte, da haben mich die Leute hier alle schief angeguckt." Ihr Mann Stephen wischt sich Sturzbäche des Schweißes vom Gesicht. Er ist der einzige Redakteur der Lokalzeitung "Black River Tribune": "Eine einmalige Story, so was passiert nicht oft." Schließlich kommen sie, wie Verlobte auf dem Weg zum Freiluftaltar, zu den Klängen von U2's "Beautiful Day". Er legt ihr die Hand auf die Schultern, beugt sich zu ihr herab, wispert ihr lächelnd etwas ins Ohr. Sie kichert kokett.
CNN bemüht später eine "Expertin für Körpersprache", um die Gestik des Polit-Paars zu analysieren. "Näher als 45 Zentimer - intimer Kontakt", erkennt Janine Driver. "Doch der Augenkontakt: Weniger als zwei Sekunden." Fazit: "Nicht authentisch." Die Dame hat Vortritt. "Unity ist nicht nur ein wunderschöner Ort", ruft Clinton, "es ist ein wunderbares Gefühl." Sie preist Obama über alle Maßen, gelobt ihm ihre Unterstützung, sogar ihr Herz. Verklärt die zerstörerischen Vorwahlen zur gemeinsamen Reise, zu einem sprühenden Dialog.
Das ist so plump, dass selbst die Zuschauer lauthals lachen. "Ich weiß", sagt Clinton, "das war die netteste Formulierung, die mir dafür einfiel." Solche Spontanscherze bleiben selten. Wo der Moment doch so viel Anlass böte für etwas erlösenden Galgenhumor. Stattdessen belässt es Clinton - und später auch Obama - bei steifen Versöhnungsformeln und platten Standardsätzen. Als hätten beide Angst, dem anderen auf die Zehen zu treten.
Brimborium endet als profane Wahlkampfveranstaltung
Man stehe "Schulter an Schulter", sagt Clinton. "Wir sind eine Partei." Und an Kritiker wie Stone-Oaks, die nun zu McCain neigten: "Ich bitte euch dringend, es euch anders zu überlegen." Schöne Worte, die die bis heute tiefe Kluft zwischen den Lagern übertünchen sollen. So tief ist die, dass Staranwalt Robert Barnett als Vermittler angeheuert wurde. Barnett - der sowohl Clinton wie Obama millionenschwere Buch-Deals verschafft hat - soll aushandeln, wie Clintons Schulden beglichen werden und welche Rolle sie auf dem Wahlparteitag bekommen soll. Von den nicht totzukriegenden Spekulationen um eine Vizekandidatur mal ganz zu schweigen.
Dann beginnen die Leute, mitten in Clintons Rede hinein, "Obama! Obama!" zu skandieren. Clinton hält inne, ein paar Frauen hinten links stimmen sofort einen Gegenchor an: "Hillary! Hillary!" Obama, etwas verlegen, spornt sie an.
Auch er beginnt mit überschwänglichem Lob. "Ich könnte heute nicht glücklicher, nicht geehrter, nicht bewegter sein, dass wir gemeinsam auf dieser Bühne stehen." Er nennt Clinton "gut", "hart", "leidenschaftlich". Sie steht stocksteif daneben, Hände verschränkt, Blick ins dunstige Nichts. Obama legt nach: "Wir brauchen sowohl Bill wie Hillary Clinton." Das sagt er gleich zweimal, ein klares Signal an den abwesenden Ex-Präsidenten, der seit dem Ausstieg seiner Gattin kein Wort über, aber auch zu Obama gesagt hat. Dann mündet Obama nahtlos in eine seiner typischen Reden, nur diesmal ohne Feuer, Biss oder Inspiration. Als lese er staubige "talking points" vom Blatt.
Und so endet das ganze Brimborium in einer ganz profanen Wahlkampfveranstaltung. Düstere Wolken ballen sich am Himmel. Wenige Minuten nach Ende der Reden entlädt sich ein schweres, nasses Gewitter. In ganz Unity fällt mit einem Schlag der Strom aus.
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