Obama gegen Romney: Tschüs USA, hallo Swing States!

Das US-Wahlblog von

Die TV-Duelle sind abgehakt. In den wenigen Tagen bis zur Präsidentenwahl dreht sich für Barack Obama und Mitt Romney alles um die neun Swing States, die noch zwischen den Bewerbern schwanken. Vor allem ein Bundesstaat wird zum Brennpunkt - und eine Wählergruppe ist entscheidend.

AFP

Das war's. Jedenfalls für die Mehrheit der Amerikaner. Das TV-Duell ist durch, und damit sind die Vereinigten Staaten für Barack Obama und Mitt Romney ab sofort passé. Statt der Gesamtnation zählen allein die neun Staaten von Amerika. Das sind jene Swing States, auf die es am 6. November ankommt.

Jene Staaten, die zwischen Demokraten und Republikanern schwanken und wegen des amerikanischen Winner-takes-all-Wahlsystems am Ende darüber entscheiden werden, ob der 44. Präsident weitermachen darf oder ob Romney die Nummer 45 sein wird. Wer es genau wissen will: Ohio, Virginia, North Carolina, Florida, Iowa, Wisconsin, New Hampshire, Colorado und Nevada.

Hält der Romney-Trend an?

Diese neun bringen es zusammen auf gut 65 Millionen Einwohner, sind vier mal so groß wie Deutschland. Klar, das ist auf den ersten Blick nicht beeindruckend für US-Verhältnisse. Doch die neun Staaten bringen insgesamt 110 Wahlmännerstimmen ein, 270 benötigt es für einen Sieg bei den Präsidentschaftswahlen. Das ist dann doch beeindruckend.

Legt man aktuelle Umfrageergebnisse aus den Nicht-Swing-States zugrunde - sorry, jetzt wird's ein bisschen zahlenlastig - dann kann sich Obama auf derzeit 237, Romney auf 191 Stimmen verlassen. Reicht also nicht für eine Mehrheit, beide sind auf die Wechselwählerstaaten angewiesen.

Hier kommt der zentrale Punkt: Den von der Demoskopieplattform RealClearPolitics errechneten Durchschnittswerten zufolge kann der Präsident in den neun Staaten aktuell 40 und Romney 70 Stimmen holen. Heißt: Es stünde insgesamt 277 zu 261, Obama wäre der Sieger.

Fotostrecke

12  Bilder
Obama vs. Romney: TV-Duell in Boca Raton
Wäre - wenn jetzt gewählt würde. Doch ist der Trend seit Obamas schläfrigem Auftritt in der ersten TV-Debatte auf Seiten Romneys. In den landesweiten Umfragen hat der Republikaner bereits gleichgezogen: Bei 47 zu 47 Prozent sahen NBC und "Wall Street Journal" das Rennen am Sonntag; am Montag veröffentlichte "Politico" gar 49 zu 47 Prozent für Romney. Und es steht zu vermuten, dass auch Obamas Sieg im letzten TV-Duell an dieser Entwicklung kaum etwas zu ändern vermag, hat sich doch der vermeintliche Verlierer im Gegenzug reichlich präsidentiell zeigen können.

Während also die nationale Stimmung kippt, liegt Obama in vier der neun Swing States weiter vorn: In Nevada, Iowa, Wisconsin, Ohio. Und in Virginia ist er mit Romney gleichauf. Von der "Firewall" des Präsidenten ist derzeit in US-Medien die Rede, wenn es um jene Swing States geht, die noch bei Obama sind. Eine Brandmauer gegen jeden nationalen Trend. Bisher jedenfalls.

Noch ein Detail: Ohne Ohio ist noch kein Republikaner Präsident geworden. Um den alten Industriestaat im Norden und seine 18 Wahlmännerstimmen werden die Kontrahenten in den kommenden zwei Wochen einen erbitterten Kampf führen. Obamas Vorsprung ist hier geschmolzen: Ende September lag er zehn Prozentpunkte vor Romney, die jüngste Erhebung sieht ihn noch mit 50 zu 45 Prozent vorn.

Rasante Tour durch die Swing States

Unablässig werden Romney und Obama jetzt durch die Swing States ziehen. Schon am Morgen nach dem Duell ging es für Romney nach Nevada, am Abend wird er in Colorado auftreten. Obama hat seinerseits eine rasante Tour gestartet, drei Tage, sechs Swing States: Florida, Iowa, Colorado, Nevada, Virginia und - natürlich - Ohio.

Noch vor wenigen Wochen schien das Spiel so gut wie gelaufen, Obama war der klare Favorit. Romney blieb nur die Hoffnung auf ein kleines Polit-Wunder. Und so kam es. Zweierlei geschah:

  • Erstens zeigte der Präsident Schwächen, siehe das TV-Duell in Denver. Viele Amerikaner schauten damals, Anfang Oktober, überhaupt das erste Mal richtig hin; begannen, sich für die Wahl zu interessieren. Sie erlebten einen müden Amtsinhaber und einen agilen Herausforderer. Plötzlich stellten sich Fragen wie: Warum eigentlich noch Obama wählen? Wollte der denn überhaupt? Und: War denn Romney wirklich so ungeeignet, wie man vom Hörensagen mitbekommen hatte? Irgendwie nicht.
  • Zweitens gelang dem flexiblen Romney in den vergangenen Wochen (mal wieder) eine Art Neuerfindung seines politischen Selbst. Der Mann ist zusehends in die Mitte gerückt, weit mehr, als das üblich ist - denn er wäre ja nicht der erste Kandidat, der einen rechten (oder linken) Vorwahlkampf macht, um die eigene Basis zu umgarnen und später dann mehr auf die unabhängigen Wähler zielt. Bei Romney ist es mehr, es geht da auch um die Persönlichkeit des Multimillionärs: Romney habe sich als "Technokrat mit Herz" neu erfunden, kommentierte die "New York Times", verschwunden sei der "Ideologe".

Letzteres hat Romney insbesondere für weibliche Wähler interessanter gemacht. Und die sind entscheidend. Frauen seien die Wechselwähler in den Wechselwählerstaaten, hat John Heilemann im "New York Magazine" treffend festgestellt.

Fakt ist: Wenn Romney den Präsidenten schlagen will, dann muss er bei dieser Wählergruppe punkten. Und wenn Obama im Amt bleiben will, dann muss er seinen Vorsprung bei den Frauen halten. Die "New York Times" hat gerade eine historisch große "Geschlechterlücke" zwischen den Kandidaten festgestellt: Jüngsten Umfragen zufolge liegt Obama bei Frauen durchschnittlich neun Prozentpunkte vorn, Romney dagegen ebenfalls neun Punkte bei Männern. Zuletzt war Vergleichbares der Zeitung zufolge im Jahr 2000 der Fall, beim Duell zwischen Al Gore und George W. Bush: Der Demokrat führte mit elf Prozentpunkten bei Frauen, der Republikaner mit neun Punkten bei den Männern.

Am Ende gewann Bush, dank seines knappen und umstrittenen Erfolgs im Swing State Florida. Landesweit lag er gut 500.000 Stimmen hinter Gore. Aber das spielte keine Rolle.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Man kann nur hoffen ...
enigmata 23.10.2012
dass nicht wieder ein Gericht entscheidet - wie bei der vorletzten Wahl für Bush gegen El Gore in Florida. Mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun.
2. ?
janne2109 23.10.2012
Zitat von enigmatadass nicht wieder ein Gericht entscheidet - wie bei der vorletzten Wahl für Bush gegen El Gore in Florida. Mit Demokratie hat das nichts mehr zu tun.
dieses Wahlsystem hört sich zwar drollig an, aber eine Diktatur ist es dennoch nicht.
3. Wer verliert schon gern?
dunnhaupt 23.10.2012
Zitat von enigmataMan kann nur hoffen,dass nicht wieder ein Gericht entscheidet - wie bei der vorletzten Wahl für Bush gegen Al Gore in Florida.
Es war natürlich idiotisch von Al Gore vor Gericht zu gehen, nachdem er längst verloren hatte. Typischer verwöhnter Sprössling reicher Eltern, dem man immer jeden Wunsch erfüllte. Er konnte sich einfach nicht mit seinem Verlust abfinden, und die armen Wahlbeamten mussten sämtliche Stimmzettel noch dreimal manuell nachzählen, aber es wurden nicht mehr. Doch es war sein demokratisches Recht.
4. Romney
tennessean 23.10.2012
war noch nie ein Ideologe, sondern immer schon Pragmatiker. Man muss ich nur ein wenig mit seiner - ziemlich erfolgreichen - Amtszeit als Governor von Massachussets beschaeftigen um das herauszufinden. Und wer im amerikanischen Wahlsystem "Demokratie" vermisst, soll sich mal das englische Mehrheitswahlrecht ansehen, oder auch nur die deutsche 5% Klausel. Zudem scheint kaum ein Deutscher zu wissen, dass wir am Wahltag eine ganze Menge mehr Kreuzchen machen: Es werden nicht nur Richter, schoolboards usw. gewaehlt, es gibt auch diverse Volksentscheide, z.B. hier in Memphis ueber 2 Steuererhoehungen. Wo bitte passiert denn so etwas in der Vorzeigedemokratie Deutschland??
5. 2-Parteien-Diktatur
ky3 23.10.2012
Rhetorik-Wettkampf statt inhaltlichem Mehr-Parteien-Programm, was für ein Affentheater.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema US-Wahlblog
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 33 Kommentare
  • Zur Startseite
Blog zur US-Wahl 2012
  • SPIEGEL ONLINE
    Es wird spannend, noch wenige Wochen bis zur Präsidentschaftswahl in den USA: Wer macht das Rennen - Barack Obama oder Mitt Romney? Unsere Korrespondenten Sebastian Fischer (rechts), 34, und Marc Pitzke, 49, berichten in diesem Wahl-Blog im wöchentlichen Wechsel aus Washington D.C., New York und von unterwegs über das Großereignis.

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite


Interaktive Grafik