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Obamas Syrien-Strategie: Fluch des angekündigten Krieges

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DPA

Der Syrien-Konflikt stürzt die US-Regierung in ein tiefes Dilemma: Nur ein Militärschlag kann ihre Glaubwürdigkeit retten. Doch Experten warnen vor der Reaktion des Assad-Regimes. Der Despot könnte erneut Chemiewaffen einsetzen, die USA wären endgültig blamiert.

Hamburg - Die US-Regierung scheint entschlossen, Syrien anzugreifen - ungeachtet der Tatsache, dass selbst engste Verbündete wie Großbritannien nicht mitmachen wollen. Den Ton gab US-Außenminister John Kerry bereits am Freitag vor: "Manche glauben, es sei ein Risiko, etwas zu unternehmen", sagte Kerry. "Aber wir müssen uns fragen, wie riskant es wäre, nichts zu tun."

Das Kalkül dahinter: Würde man dem syrischen Diktator Baschar al-Assad den Chemiewaffen-Angriff vom 21. August durchgehen lassen, wäre das ein fatales Signal. Die Weltgemeinschaft hätte den Einsatz der geächteten Massenvernichtungswaffen tatenlos hingenommen. So argumentierte auch US-Präsident Barack Obama, als er am Samstag dem Kongress die Entscheidung über den Militärschlag übertrug.

Zwar wagt selbst die US-Regierung nicht zu behaupten, dass der ihr vorschwebende begrenzte Militärschlag den Syrien-Bürgerkrieg entscheidend beeinflussen oder gar beenden würde. Er soll "in Umfang und Dauer begrenzt" sein und ohne die Entsendung von Bodentruppen auskommen, betonte Obama. Das Ziel ist deshalb eher, Assad sichtbar zu bestrafen, ihn von einem erneuten Chemiewaffen-Einsatz abzuschrecken und die Glaubwürdigkeit der US-Regierung aufrechtzuerhalten.

Das Problem: Spielt Assad nicht so mit, wie es die US-Regierung hofft, wird sie keines dieser Ziele erreichen. Im schlimmsten Fall, warnen Experten, könnte sogar das genaue Gegenteil eintreten.

"Wir sind ziemlich ignorant, was Syrien betrifft"

"Unser größtes Problem ist die Ignoranz", sagte Ryan Crocker der "New York Times". "Und wir sind ziemlich ignorant, was Syrien betrifft." Crocker muss es wissen: Er amtierte als US-Botschafter in Syrien und im Libanon, war im Irak und in Afghanistan aktiv und arbeitet jetzt an der Texas A&M University.

Nach Angaben der "New York Times" ist Crocker mit dieser Einschätzung nicht allein: Mehrere mit Assad vertraute Diplomaten hielten es für völlig ungewiss, wie der Diktator auf einen westlichen Militärschlag reagieren würde. Dass er den Krieg gegen das eigene Volk unbeeindruckt fortsetzt, wäre eine Variante - es könnte aber noch schlimmer kommen. "Vielleicht führt er auch einen weiteren Chemiewaffen-Angriff durch, um uns zu provozieren", sagte Crocker. "Und was dann?"

In diesem Fall hätten die USA nicht nur nichts erreicht. Sie stünden politisch endgültig blamiert da und hätten den Konflikt am Ende sogar noch angeheizt. Wohl auch deshalb hat Obama die Entscheidung über den Angriff nun praktisch dem Kongress übertragen. Sollte das Parlament - wie zuvor das britische Unterhaus - eine Intervention ablehnen, wäre Obama zumindest einen Teil der politischen Verantwortung los.

Habe man den Weg einer Militärintervention erst einmal eingeschlagen, "ist es schwierig, ihn wieder zu verlassen, ohne seine politische Glaubwürdigkeit zu verlieren", so Crocker. Doch genau das könnte den USA passieren, sollte der geplante begrenzte Angriff wirkungslos verpuffen.

Ein massiver Luftkrieg gegen Syrien wäre dann nicht nur dem amerikanischen Volk schwierig zu verkaufen, sondern könnte die gesamte Region in Brand setzen. Die nächstmögliche Eskalationsstufe hat Obama bereits ausgeschlossen: Bodentruppen werde er auf keinen Fall nach Syrien schicken. Auch ein direktes Bombardement von Chemiewaffen-Depots ist unrealistisch: Weder ist bekannt, wo genau sie sich befinden, noch wären sie durch Luftangriffe zu vernichten. Vielmehr bestünde die Gefahr, dass die toxischen Substanzen freigesetzt werden und Zivilisten töten.

Wozu soll ein Militärschlag dienen?

Wenn aber nicht nur die militärische, sondern auch die politische Wirkung eines Militärschlags in Zweifel steht, stellt sich die Frage: Wozu soll er dann überhaupt dienen? Die Zerstörung von Flughäfen und Kampfflugzeugen, Luftabwehrstellungen und Kommandozentren könnte das Regime zwar durchaus schwächen. Doch die meisten Experten bezweifeln, dass man Assad auf diese Weise aus dem Amt bomben könnte.

Selbst wenn das gelingen würde, wäre unklar, was danach käme. Ob ein Sieg der Rebellen langfristig zu einer Verbesserung der Situation der Bevölkerung führen oder gar westlichen Interessen dienen würde, ist ungewiss. Die Erfahrung zeige, dass eine Intervention Bürgerkriege eher verlängere, warnt Wolfgang Mühlberger, Nahost-Experte an der Landesverteidigungsanstalt Wien. "Und wenn man Pech hat, verhilft man den radikalen Islamisten zum Sieg." Die Situation in Syrien sei so verfahren, dass ein Militärschlag das Mosaik erst recht explodieren lässt."

Denn in Syrien geht es längst nicht mehr nur um die Zukunft von Assad. Iran kämpft dort gemeinsam mit der schiitischen Hisbollah gegen die Rebellen und radikalislamische Gruppen wie al-Qaida. So könnte Iran seine Hilfe für das Assad-Regime im Falle eines US-Angriffs massiv ausweiten, was wiederum Folgen für den Atomkonflikt mit dem Westen hätte. Israel wiederum könnte nach einem westlichen Militärschlag zum Ziel von Racheakten werden und seinerseits zurückschlagen. Und auch die ohnehin angespannte Beziehung zwischen Washington und Moskau würde sich weiter verschlechtern, sollten die USA losschlagen.

Um all das zu verhindern und Assad dennoch wirksam zu bestrafen, müssten die USA einen genau begrenzten Militäreinsatz durchführen und ihn mit einer sorgfältigen diplomatischen Kampagne flankieren. Ob das gelingen kann, erscheint allerdings fraglich.

Auch Peter Mansoor, Professor für Militärgeschichte an der Ohio State University, äußerte sich gegenüber dem US-Sender NBC kritisch über einen Militärschlag. Im besten Fall könnten die USA beweisen, dass sie über die Situation in Syrien ernsthaft besorgt sind, meint der Ex-Offizier, der im Irak als rechte Hand des US-Oberkommandierenden David Petraeus galt.

Möglich sei aber auch, dass Assad nach den Luftangriffen überzeugt sei, nichts weiteres mehr befürchten zu müssen, sagte Mansoor. Das sei auch bei den begrenzten Marschflugkörper-Angriffen gegen al-Qaida in Afghanistan und Iraks Diktator Saddam Hussein in den späten neunziger Jahren geschehen. Die seien "nur ermutigt" worden - "und waren danach entschlossen, noch mehr zu tun".

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insgesamt 278 Beiträge
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1. Laberheinis
cdrenk 31.08.2013
Statt in Sprüchen das Gesicht weiter zu verlieren, sollte Obama endlich Assad in die Hölle schicken.
2. auch hier könnte die schlagzeile wie damals heissen:
johnnypistolero 31.08.2013
COUNTDOWN TO WAR...... und alles sitzt blutgeifernd vor dem fernsehempfangsgerät, und schaut sich an wie die zivilbevölkerung mit chirurgischen waffen massakriert wird
3. Aus Imagegründen ...
scharfekante 31.08.2013
um sich nicht zu blamieren einen Krieg anzetteln? SPON unterstellt hier dem Friedensnobelpreisträger ein VERBRECHEN, aber vielleicht merkt er es gar nicht?
4. Dieser Artikel ist ein Machwerk
ex_Kamikaze 31.08.2013
denn er transportiert einen unterschwelligen Konsens den es nicht gibt. Hier wird nämlich vorausgesetzt das es Assad war und aus einem Bürgerkrieg wird das "Abschlachten des eigenen Volkes" Widerliches Machwerk. Das ist Propaganda der gemeinsten Sorte!
5. ja ja
Stabhalter 31.08.2013
Zitat von cdrenkStatt in Sprüchen das Gesicht weiter zu verlieren, sollte Obama endlich Assad in die Hölle schicken.
und wenn er gleich mitfährt wäre es ein Segen fürt die USA.
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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki; Imad Khamis (designiert)

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