Von Marc Pitzke, New York
Der Lunch der Delegationen ist stets ein Höhepunkt der Uno-Generaldebatte. Nicht nur, weil die Uno-Küche für ihre Vielfalt gepriesen wird. Sondern vor allem, weil Staatschefs und gekrönte Häupter dort am ersten Tag ihres Mammuttreffens ganz zwanglos plauschen können, ohne Stab und Sicherheitsbeamte.
Auch am Dienstag bittet Generalsekretär Ban Ki Moon mehr als 120 Staatenlenker an mit weißen Blumen geschmückte Tische im Uno-Foyer - eines der größten Bankette in der Geschichte der Vereinten Nationen. In seinem Trinkspruch beklagt er aber spitz die "auffällige Abwesenheit" eines Ehrengasts: "Ich nehme an, er ist gerade anderweitig beschäftigt."
Gemeint ist US-Präsident Barack Obama. Der hat zwar seine Rede vor der Vollversammlung gehalten, schwänzt aber den Gastro-Gipfel. Das wagte zuletzt Bill Clinton 1996. Der Grund war der selbe, damals wie heute: Wahlkampf.
Die Plenarrede ist Pflicht. Die multilaterale Massenspeisung jedoch passt nicht in Obamas Terminkalender, sieben Wochen vor der Wahl. An seiner Stelle sitzt US-Außenministerin Hillary Clinton, rechts neben Ban in illustrer Tischgesellschaft - darunter Jordaniens König, Ägyptens Präsident und der Emir von Katar.
Es ist ein vielsagender Moment an diesem Tag, da Obama wie auch sein Rivale Mitt Romney kreuz und quer durch New York jagen. Die beiden übertrumpfen sich hier geradezu mit Reden und Auftritten, vom intimen TV-Interview in einer Hotelsuite bis hin zur Mega-Kulisse des Uno-Plenums mit seinen mehr als 1800 Sitzen.
Die Staatschefs, Monarchen, Botschafter, Delegierten und Hollywood-Stars, die ebenfalls in Manhattan eingefallen sind, sehen sich zu Statisten eines endlosen Wahlspots reduziert. Das wichtigere Publikum sind die US-Wähler.
Bei denen dürfte Obama mehr gepunktet haben, zumindest an diesem Tag. Schon dank der Insignien seines Amtes, die ihm das Uno-Marmorpodium garantieren, vor den schillernden Nationaltrachten der ganzen Welt.
Romneys größtes Forum dagegen ist hier ein zwar ebenfalls prominent besetzter, aber spürbar engerer Ballsaal, wo zeitgleich die Clinton Global Initiative (CGI) tagt, die Wohltätigkeitsorganisation Bill Clintons. Leider spricht auch Obama dort später - und beweist: Er ist der Bessere, egal in welchem Ambiente.
Glanz und Gloria bei der Uno
Sein Morgen beginnt mit viel Glanz und Gloria. Das hallende Uno-Auditorium kommt Obamas Redestil entgegen. In Kadenzen verurteilt er Extremisten, doch verteidigt die Redefreiheit, fordert Toleranz und Respekt und erhebt den getöteten US-Botschafter Chris Stevens zur Personifizierung amerikanischen Goodwills.
Hehre Worte, gerichtet an die Wähler daheim, die sich eigentlich nicht um die Außenpolitik scheren, doch nach den Unruhen der vergangenen Wochen verunsichert sind. Ihnen will Obama zeigen, dass er das Heft fest in der Hand hält.
Um konkrete Lösungen der akuten Krisen drückt er sich aber. Israel, Palästina, Iran, Syrien: Neue Ansätze bleibt Obama schuldig. "Mehr Fragen als Antworten", nörgelt "Time". Es soll reichen, jedenfalls für die Zielgruppe: Staatsmännische Bilder, live auf allen Kanälen.
Obama, als ungesellig bekannt, verzichtet nicht nur auf den Delegationslunch. Auch lässt er die Gespräche mit Amtskollegen sausen, die man sonst in dieser Uno-Woche führt. Selbst Netanjahu lässt er abblitzen. Solche Politik per Fernbedienung funktioniere nicht, klagt ein arabischer Diplomat in der "New York Times".
Obamas Wahlkampfspender haben da bessere Chancen auf ein Tête-à-Tête: Unter denen verlost der Kandidat am Dienstag ein "Dinner mit Barack": "Wir übernehmen die Flugkosten." Die Uno-Talks dagegen muss Ministerin Clinton übernehmen, ein geopolitisches Speed-Dating.
Obama setzt auf andere. Schon am Vortag der Uno-Sitzung ist er hier, um sich mit First Lady Michelle in einem TV-Studio viel brennenderen Fragen zu stellen - in der Frauen-Show "The View" bei ABC. Da lässt er sich von Whoopi Goldberg anhimmeln und überreicht Talk-Queen Barbara Walters einen Präsentkorb zum Geburtstag.
Was trägt Romney im Bett? "So wenig wie möglich"
Romney mokiert sich über Obamas Ausflug zu diesen "hochriskanten" Quasselstrippen. Dabei sollte der lieber schweigen: Exakt eine Woche zuvor war er hier selbst in der Talkshow "Live with Kelly und Michael" und gestand, was er im Bett gerne anziehe: "So wenig wie möglich."
Beim Wähler schlägt Trash die hohe Politik. Es sei "unwahrscheinlich", dass Obamas Uno-Rede "so folgenschwer ist wie seine Diskussion mit Whoppi Goldberg", sagt der Wahlstratege Doug Schoen der Website "Daily Beast".
Doch alles hat seinen Zweck hier. Die Uno gibt Obama staatsmännisches Flair, die Damenrunde ein Jedermann-Image - und der abschließende Besuch bei Bill Clintons Wohltäterverein das Etikett Mann von Welt.
Dort leistet sich Obama unter den Fittichen seines besten Wahlkampf-Buddys den Luxus, 23 Minuten lang ausschließlich über das Thema Menschenhandel zu dozieren. Auch verkündet er eine präsidiale Exekutivanordnung zur Unterbindung dieser "modernen Sklaverei".
Das Publikum springt zu einer langen Ovation auf die Füße. Darunter: Chanteuse Barbra Streisand, Hollywood-Star Geena Davis, Ex-Außeninisterin Madeleine Albright, Rapper Will.i.am. Eine Viertelstunde später sitzt Obama schon wieder im Helikopter "Marine One", auf dem Weg zum Kennedy-Flughafen.
Attacke in der Publik Library
Im Vergleich zu diesem umjubelten Gastspiel verkümmert Romneys Rede bei der GCI zum reinen Obama-Vorprogramm. Mit seinem steifen Auftreten ist der auf verlorenem Posten in diesem VIP-Saal, der ihm höflichen, doch nur mäßigen Beifall spendet.
Auch Romneys Gedanken zünden kaum. Er predigt die freie Marktwirtschaft als Heiler der Welt, eine Art "Neocon Light". Doch das wirkt kleingeistig vor den großen Zügen dieser VIP-Konferenz - und Obamas humanitären Gesten.
"In einem Jahr hoffe ich, zu diesem Treffen als Präsident zurückzukehren", verabschiedet sich Romney. Doch auch eine Runde TV-Interviews, mit denen er Obamas Außenpolitik attackiert, verblassen vor dessen Globalbombast. Und anschließend, auf einer Bildungskonferenz in der Public Library an der Fifth Avenue, wird er mit aggressiv-kritischen Fragen konfrontiert.
An diesem Mittwoch sind die Kandidaten längst woanders - beide touren durch den "Swing State" Ohio. "Wir werden versuchen", hofft Uno-Generalsekretär Ban, "ihn beim nächsten Mal zu sehen." Er meint natürlich Obama.
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