Irak Obama will eingeschlossene Jesiden aus Gebirge befreien

Zehntausende auf einem Berg im Irak gefangene Jesiden können auf Hilfe hoffen. Man wolle sie über "humanitäre Korridore" in Sicherheit bringen, sagt US-Präsident Obama. Gleichzeitig stimmt er die US-Bürger auf einen längeren Einsatz ein.

US-Präsident Obama: "Keine Rettung durch die Kavallerie"
REUTERS

US-Präsident Obama: "Keine Rettung durch die Kavallerie"


Washington - Die USA suchen nach Wegen, um Zehntausende im irakischen Sindschar-Gebirge eingeschlossene Jesiden in Sicherheit zu bringen. Zusammen mit Verbündeten prüfe man Wege, wie "sichere Korridore" geschaffen werden könnten, sagte US-Präsident Barack Obama am Samstag. Der britische Regierungschef David Cameron und Frankreichs Präsident François Hollande hätten ihm telefonisch Unterstützung bei der humanitären Hilfe für Flüchtlinge im Irak zugesagt.

Angehörige der religiösen Minderheit waren vergangene Woche in das Sindschar-Gebirge im Nordirak geflüchtet, viele von ihnen in Todesangst vor den Milizen des "Islamischen Staates" (IS). Die radikalen Sunniten hatten die Jesiden als Teufelsanbeter bezeichnet, Beobachter vor einem drohenden Völkermord gewarnt.

Am Freitag hatten US-Kampfdrohnen und F-18-Kampfflugzeuge dann bewaffnete IS-Einheiten bombardiert. Bei einem der Angriffe wurden nach Angaben aus kurdischen Kreisen mindestens 20 Dschihadisten getötet, 55 weitere Personen seien verletzt worden. Auch Ausrüstung und Waffen der IS-Miliz seien zerstört worden, sagte Obama am Samstag. Die USA und die irakische Regierung hätten ihre militärische Hilfe für die kurdischen Streitkräfte erhöht, die im Norden des Landes gegen die Dschihadisten kämpfen.

Die Jesiden harren seit vergangener Woche in sengender Hitze und ohne ausreichend Wasser und Nahrung in den Sindschar-Bergen aus. Die USA haben inzwischen eine Luftbrücke errichtet. Laut dem Außenministerium in Washington haben US-Flugzeuge bis Samstagnachmittag mehr als 36.000 Packungen Fertigessen und Behälter mit mehr als 31.000 Litern Wasser zu den im Gebirge gefangenen Flüchtlingen gebracht.

Neue Luftangriffe möglich

Obama drohte mit weiteren Bombardements im Irak. Die Luftangriffe gegen die IS-Milizen dienten dem Schutz der Jesiden und der eigenen Diplomaten, sagte Obama in seiner wöchentlichen Radioansprache. "Wir werden tun, was immer nötig ist, um unsere Leute zu schützen."

Eine umfangreichere militärische Unterstützung für den Irak machte Obama von einer handlungsfähigen Regierung in Bagdad abhängig. Kritiker werfen dem schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki vor, die Sunniten im Lande zu benachteiligen und damit dem Aufstand der IS den Boden zu bereiten. Die USA fordern die Bildung einer Regierung, die alle Volksgruppen einbezieht.

Die USA würden nicht zulassen, dass die IS "irgendein Kalifat" in Syrien und dem Irak errichte, sagte der US-Präsident der "New York Times". Nötig sei jedoch ein schlagkräftiger Partner vor Ort. Die USA "sind nicht die irakische Luftwaffe", sagte Obama. Es werde "keine Rettung durch die Kavallerie" in Form von amerikanischen Bodentruppen geben. Bereits zuvor hatte Obama beteuert: "Ich werde es nicht zulassen, dass die USA in einen neuen Irak-Krieg gezogen werden."

Am Samstag nun stimmte Obama die US-Bürger aber auf einen längeren Einsatz im Irak ein. "Ich glaube nicht, dass wir das Problem innerhalb weniger Wochen lösen können", sagte er bei einer Pressekonferenz vor dem Weißen Haus. Der Kampf gegen die radikalsunnitischen Milizen sei ein "Langzeitprojekt".

Scharfe Kritik an Obama

Im eigenen Land steht Obama nach den Luftangriffen in der Kritik. Zwar wurde die Bombardierung von Stellungen der Extremistenorganisation parteiübergreifend begrüßt. Allerdings bemängelten nicht nur die oppositionellen Republikaner, sondern auch einige Regierungsvertreter das Fehlen einer langfristigen Irak-Strategie.

In US-Regierungskreisen wurde befürchtet, die Angriffe könnten die Vorstöße der IS vielleicht verlangsamen, ohne sie aber zu stoppen. "Zwei F-18, die einige 500-Pfund-Bomben auf Artilleriestellungen abwerfen, werden in diesem Konflikt nicht die Wende bringen", sagte Ryan Crocker, ein ehemaliger US-Botschafter im Irak. Die Islamisten könnten die US-Angriffe einfach aussitzen.

In der Zwischenzeit seien Saudi-Arabien oder Jordanien mögliche Ziele der Miliz. "Sie halten von den Grenzen zu den Saudis und zu Jordanien genauso wenig wie von der zwischen Syrien und dem Irak", sagte Crocker. Der Anführer der IS hatte vor einigen Wochen ein grenzüberschreitendes Kalifat ausgerufen.

Obama hatte im Wahlkampf 2008 den Abzug der US-Truppen aus dem Irak zu einem Kernziel erklärt und die Soldaten dann vor zweieinhalb Jahren nach Hause geholt. Nach dem Blitzvorstoß des IS war er in den vergangenen Wochen jedoch von der irakischen Regierung, Mitgliedern des Kongresses und auch eigenen Beratern wiederholt zum Eingreifen in den Konflikt aufgefordert worden - und hatte schließlich nachgegeben.

Die religiöse Minderheit der Jesiden
  • REUTERS
    Die Jesiden stammen aus dem Irak, Syrien, der Türkei und Iran. Sie sind Kurden und leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Weltweit soll es nach Schätzungen rund 500.000 bis 800.000 Jesiden geben. Ihre Religion ist monotheistisch. Viele Muslime betrachten die Jesiden als "Teufelsanbeter".

ssu/AFP/dpa/Reuters

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
noahg 09.08.2014
1.
Wenn die USA die Rettung der Jesiden gelingen sollte, könnte Obama endlich mal zeigen dass er den Nobelpreis zurecht bekommen hat. es wäre das erste mal seit langem dass die USA militärisch was richtiges tun.
wahnsinnisch 09.08.2014
2. Und die Deutschen?
Während Frankreich und Großbritannien Hilfe anbietet - um Menschenleben, ja sogar die Freiheit, zu verteidigen - schaut Deutschland einfach nur zu. Wie immer. Ich schäme mich für unsere passive Regierung!
JKStiller 09.08.2014
3. Dies ist ein Religionskrieg
um die Deutung des Islam. Ich habe das schon oft geschrieben, doch es ändert nichts an dem Wahrheitsgehalt der Aussage. Die IS ist nicht einfach so aufgetaucht aus dem Nichts, sondern hat sich über Jahre zu einer schlagkräftigen Bewegung entwickelt. Und das auch noch unter den Augen der US-Streitkräfte, bevor sie abgezogen sind. Die Radikalität, mit der ein Kalifat angestrebt und dieses Ziel mordend durch alle Konfessionen mit Nachdruck betrieben wird, ist für mich Ausdruck einer zutiefst zerrissenen Region und nicht nur eines Landes. Hier destilliert sich das Erbe von hundert Jahren Unterdrückung durch wechselnde Besatzer mit aller Wut, Scham und Ohnmacht zu einem Gebräu von Hass und Mordlust gegen jeden, der nicht die neue, saubere, unbefleckte Herrschaft mit trägt. Für mich eine Apokalypse, die irgendwann zwangsläufig kommen musste, nimmt man die westlichen Werte und vergleicht sie mit den vom Glauben geprägten, arabischen Werten. Zehn Jahre Terror im Irak waren die Saat, die nun aufgeht: Die verhassten Amerikaner sind weg, nun kann die große Abrechnung beginnen. Ob Amerikaner, Nato oder wer sonst: Diesen Kampf werden wir nicht entscheiden. Es sind allein die Sunniten, Schiiten, Jesiden, Kurden und all die Minderheiten, die zusammen diesen von der IS begonnenen Krieg beenden können. Ich hoffe, sie finden endlich zusammen.
analyse 09.08.2014
4. Und wer soll wieder helfen ? Die Amerikaner ! Und womit ?
Mit bewaffneten Drohnen ! Hinterher wird natürlich wieder geschimpft: Es ginge ja nur ums Oel,es gab Kollateralschäden,es wurde j doch weitergekämpft im Nahen Osten usw.usw..Den Foristen wird schon was einfallen,und immerhin haben sie ja Indianer getötet ! Deutsche,Engländer,Spanier und Franzosen waren es nicht ,die haben ihre Staatsangehörigkeit zu Hause gelassen und sind flugs auf amerikanischem Boden zu bösen Amis geworden !
compan 09.08.2014
5. Nicht so schnell ...
Zitat von noahgWenn die USA die Rettung der Jesiden gelingen sollte, könnte Obama endlich mal zeigen dass er den Nobelpreis zurecht bekommen hat. es wäre das erste mal seit langem dass die USA militärisch was richtiges tun.
Naja, er ist auch für die Lage mit verantwortlich, und sich jetzt als Samariter darzustellen, finde ich etwas scheinheilig. Es waren doch die USA und EU, die die "Rebellen" in Syrien unterstützt und damit der/dem ISIS einen Rückzugsraum geschaffen haben. Die ISIS konnte dort in Ruhe ihre Strukturen aufbauen und angeblich hat es niemand bemerkt ... Wenn er sagen würde, er möchte die staatliche Integrität Syrien und Iraks wieder herstellen, denn könnte man drüber reden, aber jetzt geht's nur noch um Schadensbegrenzung. Mehr kann und will auch Obama nicht leisten. ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.