Obamas Amtseinführung Das neue Amerika-Gefühl

Die Vereinigten Staaten vibrieren wieder. Der neue Präsident hat seine Landsleute wachgeküsst. Auch im Ausland bewundert man Barack Obama. Aber folgt man ihm auch?

Von Gabor Steingart, Washington


Washington - Es gibt Tage im Leben einer Nation, da geht es nicht um große Entscheidungen, sondern um große Gefühle. Ein solcher Tag war der gestrige Dienstag in Amerika.

Zunächst und vor allem anderen: Die Menschen waren stolz auf sich und ihren neuen Präsidenten Barack Obama. Nummer 44 ist der erste Schwarze in der Geschichte eines Landes, das seine Minderheiten oft schäbig behandelt hat. Die Amerikaner afrikanischer Abstammung waren Sklaven und Arbeitstiere, bevor sie Bürger und Wähler wurden. Auch das Kapitol, jenes Prunkstück des amerikanischen Parlamentarismus, das am Dienstag als Kulisse für die Antrittsrede diente, wurde von Arbeitssklaven erbaut.

Die Selbstbefreiung Amerikas, die im Bürgerkrieg vor rund 150 Jahren begann und sich in der Bürgerrechtsbewegung hundert Jahre später fortsetzte, feiert mit Obamas Amtsantritt einen furiosen Schlussakt. Geschichte vollendete sich. Das Land sei aus diesem dunklen Kapitel gestärkt und geeint hervorgegangen, sagte Obama: "Wir können gar nicht anders, als zuversichtlich zu sein."

Das zweite starke Gefühl des Tages war Angst. So deutlich hatte noch kein Regierungschef vor der sich epidemisch ausbreitenden Weltwirtschaftskrise gewarnt. Es waren Sätze, die wie Nackenschläge auf das Publikum niedersausten: "Unsere Wirtschaft ist geschwächt", sagte der neue Präsident. Diese Schwächung sei das Werk gieriger Banker, aber nicht nur. "Wir als Gemeinschaft" haben es versäumt, "harte Entscheidungen zu treffen." Es gehe die Angst um im Lande, dass Amerikas Niedergang nicht abzuwenden ist, fuhr er fort. Doch anstatt vor Schwarzmalerei zu warnen, wie es andere Regierungschefs bevorzugen, entschied sich der neue Präsident für zwei schmucklose Sätze: "Ich sage Ihnen heute, dass die Herausforderungen real sind. Sie sind ernst zu nehmen und zahlreich." Da lag Stille über der Stadt.

Damit sind wir beim dritten, starken Gefühl, das der Tag hinterließ. In Reihe zwei vor dem Rednerpult glaubte man dieses Gefühl zuweilen mit Händen greifen zu können: seine Einsamkeit.

Von links blendeten ihn die Scheinwerfer der Fernsehkameras, so dass schon die Kameramänner dahinter für ihn nicht zu erkennen waren. Geradeaus verschwommen mehr als eine Million Zuschauer zu einer bunten, aber eben auch gesichtslosen Masse. Dicht vor ihm ragte eine schussfeste Glaswand empor.

So sprach Obama seinen Text scheinbar in eine Kapsel aus Glas und Licht. Für die zu seinen Füßen sitzende und stehende Menge erinnerte das Ganze an eine Kinoszene, die im Hochsicherheitstrakt spielt, wo Angehörige und Inhaftierte sich sehen, aber nicht berühren können, wo Nähe und Ferne zwei Worte für den selben Zustand sind.

Im Innersten der Blase angekommen

Obama hatte in den Tagen vor der Amtseinführung immer wieder von der "bubble", der Blase, gesprochen, in die er und seine Familie nun bald eintauchen würden. Jetzt ist er in ihrem Innersten angekommen.

Der Moment der Amtseinführung ist flüchtig, die Gefühle aber, die dieser Tag freilegte, sind morgen nicht verschwunden. Der Stolz der Amerikaner dürfte ihn weit tragen. Sein Kredit ist derzeit nicht limitiert.

Auch die Furcht vor dem Kommenden wird sich als langlebig erweisen. Im Land des Optimismus hat sich Pessimismus eingeschlichen. Ihn zu vertreiben - nicht rhetorisch, sondern tatsächlich - ist sein Auftrag.

Dafür muss er nicht die persönliche, wohl aber die politische Einsamkeit überwinden, die die heutigen USA umgibt. Wenn Europa die Kriege im Irak und in Afghanistan weiter als amerikanische Kriege betrachtet, wenn die arabische Welt ihn zurückweist, wenn die Finanzkrise weltweit vor allem als amerikanische Verfehlung gesehen wird und man ihm auch bei der Schließung des Strafgefangenenlagers in Guantanamo Bay die kalte Schulter zeigt, wie es der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble vergangene Woche tat, könnte Obama in allseits bewunderter Einsamkeit scheitern.

Sein Erfolg hängt auch davon ab, dass es ihm gelingt, in den äußeren Angelegenheiten Skeptiker in Bewunderer und Bewunderer in aktive Gefolgsleute zu verwandeln. Wenn man Barack Obama zur Amtseinführung eines wünschen darf, dann dieses: dass er sich zu einem modernen Tom Sawyer entwickelt.

Wir erinnern uns, wie der clevere Junge vom Mississippi von Tante Polly verdonnert wurde, den Zaun zu streichen. Da stand er nun, den Pinsel in der Hand und die endlose Plackerei vor sich.

Die Jungen des Ortes verspotteten ihn, bis, ja bis er das Anstreichen als etwas ganz Besonderes ausgab. "Kannst Du vielleicht jeden Tag einen Zaun streichen?" fragte er. Und als der erste um den Pinsel bat, zierte er sich noch. Da strömte plötzlich ein Bube nach dem anderen herbei, um den Zaun streichen zu dürfen. Tom Sawyer verlangte nun sogar Bezahlung. Am Ende des Tages glänzte der Zaun und der Junge besaß Murmeln, Äpfel, ein paar Kaulquappen und Zinnsoldaten.

Wenn die Welt einst über Obama urteilt, wie Mark Twain über seinen Romanhelden Tom Sawyer, wäre schon viel gewonnen. Für den nämlich, schrieb er, war nach der Anstreichaktion "die Welt nicht mehr ganz so uneben".

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