Obamas Amtseinführung USA sehnen sich nach Ruck-Rede

Seine brillanten Reden haben Barack Obama ins Weiße Haus getragen. Jetzt erwartet die Nation von ihrem neuen Präsidenten ein weiteres rhetorisches Feuerwerk - und Aufmunterung in einer tiefen Krise. Kann er schaffen, was nur wenigen Vorgängern gelang?

Aus Washington berichtet


Washington - Hunderttausende drängen sich auf Washingtons "Mall", dem gigantischen Park, der Kapitol, Weißes Haus und Lincoln Memorial verbindet. Seit Stunden harren sie in eisiger Kälte aus, um ihn zu sehen - und zu hören: Barack Obama, den ersten schwarzen Präsidenten der USA.

Die Erwartungen sind gewaltig, wenn Obama um kurz nach 12 Uhr mittags (Ortszeit) zum ersten Mal als vereidigter Präsident tun wird, was ihn wohl ins Weiße Haus getragen hat: reden. Die "Inaugural Address", eingeführt schon von US-Gründungspräsident George Washington, ist eine Art erster Gruß an das ganze Land, eher nationale Motivationsrede als Regierungserklärung.

Abschied von der "Ich zuerst"-Mentalität

Rund 20 Minuten soll sie lang sein, verraten die Helfer des gekürten Präsidenten, um stärkeres bürgerliches Engagement und den Abschied von der "Ich zuerst"-Mentalität soll es gehen. "Wir brauchen mehr Verantwortungsgefühl in unserer Regierung und die Bereitschaft, Rechenschaft abzulegen. Wir haben bei den Finanzinstituten gesehen, dass wir sonst in die Krise geraten", gibt Obamas Sprecher Robert Gibbs die Themen vor. Es ist kein leichter Spagat: Obama muss die Nation auf mögliche weitere Krisen einstimmen - aber auch eine optimistische Vision entwickeln.

Experten haben wenig Zweifel, dass ihm das gelingt. "Obama ist ein toller Orator, er hat ein tolles Team von Redenschreibern. Ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass er die beste Ansprache seit John F. Kennedy halten wird", sagt Ted Sorensen, der Kennedy bei seiner Antrittsrede half.

Ein kleines Team unter Federführung von Obamas gerade einmal 27 Jahre altem Chef-Redenschreiber Jon Favreau brütet seit Wochen über dem Manuskript. Doch am vergangenen Wochenende - so wird es zumindest von seinen Beratern gestreut - hat der designierte Präsident sie selbst fertig geschrieben.

Er hat damit Erfahrung: Als Obamas Präsidentschaftskandidatur im März vorigen Jahres an seinen Beziehungen zum umstrittenen Ex-Pastor Jeremiah Wright ("Gott verdamme Amerika") zu scheitern schien, verfasste der Bewerber eigenhändig in wenigen Tagen eine Rede, die Amerikas schwierige Rassenbeziehungen poetisch sezierte.

Der designierte Präsident hat bereits durchblicken lassen, ihm schwebe ein Gespräch mit dem amerikanischen Volk vor, im Stil Roosevelts, vom ersten Tag an. Die "Inaugural Address" soll den Anfang machen. Obama, der seinen Wahlsieg brandneuen Kommunikationsformen wie Facebook, YouTube oder Twitter mitverdankt, will seine Dialogbemühungen als Präsident mit der ältesten Form politischer Kommunikation beginnen: der Rede.

Seinen Vorgängern gelang das nur selten. Die meisten US-Präsidenten leierten sich durch ihre erste Rede, selten blieben ein paar Sätze hängen. Eine der Ausnahmen, nach der Chaos-Wahl von 1800, als die junge Nation auseinanderzubrechen drohte, Thomas Jefferson. "Wir sind alle Republikaner", rief er.

Vielleicht will Obama daran anknüpfen, mit seinen berühmten Sätzen über die "blue states" der Demokraten und die "red states" der Republikaner, seinem Versprechen von den "United States of America".

Der neue Hoffnungsträger könnte aber auch an den großen Versöhner Abraham Lincoln denken, der 1861 kurz vor dem Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges poetisch die "better angels of our nature" beschwor. Oder natürlich an John F. Kennedy im Jahr 1961. Sehr jung war der neue Präsident damals, nicht besonders erfahren, ungemein charismatisch, der erste Katholik im höchsten Amt Amerikas. Kennedy sprach bloß 13 Minuten und 59 Sekunden, kalt war es in Washington. Aber der junge Strahlemann trug keinen Mantel, und seine Worte wärmten eine Nation. "Wir sollten nie aus Furcht verhandeln, aber wir sollten uns nicht davor fürchten zu verhandeln", warb er - wie nun Obama - für neue Wege in der Außenpolitik. Kennedy kündigte einen Generationswechsel an und fand natürlich den Satz, der auch als Devise für den Ex-Sozialarbeiter Obama dienen könnte: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst."

Noch mehr ähnelt Obamas Ausgangsposition jedoch der von Franklin D. Roosevelt im Jahr 1933. Ungefähr jeder vierte Amerikaner war damals arbeitslos, kurz vor Roosevelts Ansprache krachte das US-Bankensystem so gut wie zusammen. Doch der frisch gekürte Präsident ermutigte seine Landsleute auf zupackende Art: "Wir haben nichts zu fürchten als die Furcht selbst." Eine moderne Version von Obamas "Yes, we can". Eine neue Vision für die Nation.

Wird Obama ebenfalls einen solchen Satz finden? Einen Satz, der den Hoffnungen einer zutiefst verunsicherten amerikanischen Nation gerecht wird? Laut Umfragen unterstützen ihn derzeit 80 Prozent der Amerikaner - so viel Zustimmung genoss noch kein anderer neugewählter Präsident.

"Obama hat die Erwartungen hochgeschraubt"

Was also, wenn Obama ein solcher Satz nicht gelänge? "Obama hat die Erwartungen mit seinen bisherigen Reden unheimlich hoch geschraubt. Übertrifft er die nicht sogar, sind vielleicht manche enttäuscht", sagt Jim Hoagland von der "Washington Post". Auch muss der Redner einkalkulieren, dass die vielen Zuschauer - anders als im Wahlkampf - räumlich weit von ihm entfernt stehen, in der Kälte auf der "National Mall". Lauter Jubel wird Obama nicht entgegenschallen. Außerdem interessiert die Amerikaner derzeit fast ausschließlich die Wirtschaftslage - für brillante Rhetorik könnten sie derzeit weniger aufgeschlossen sein.

Noch wichtiger als die Rede dürfte daher der Eindruck von Tatendrang in den ersten Tagen sein, gerade zur Wirtschaftslage - etwa Obamas versprochenes Konjunkturpaket, bis zu eine Billion Dollar schwer. Gleich nach Amtsantritt will er entschlossen dafür werben. Auch hier drängen sich die Parallelen zu Roosevelt auf. "Der wichtigste Satz in dessen Antrittsrede war nicht der berühmte Satz über die Furcht", sagt Jonathan Alter, Autor eines Bestsellers über Roosevelts Anfangstage, aus dem Obama häufig zitiert, SPIEGEL ONLINE. Es war ein eher schlichter Satz: "Wir brauchen Taten, und wir brauchen sie jetzt."

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