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Obamas Berliner Rede: Völker der Welt, schaut auf mich

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Berlin erlebte den Charismatiker Barack Obama in seiner ganzen Wandlungsfähigkeit: zurückhaltend, integrierend, kämpferisch, fordernd. Doch am Ende galt die Botschaft von der Siegessäule allein seiner Heimat.

Berlin - Das Hotel Adlon betrat er durch den Hintereingang. Beim Termin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte er sich den Fotografen schon nach wenigen Sekunden wieder entziehen. Als am Nachmittag die Nachricht kam, er habe im Joggingdress ein Fitness-Center besucht, erreichte diese rasch den Stellenwert einer kleinen Sensation. Berlin im Barack-Obama-Rausch - doch der Präsidentschaftskandidat machte sich rar.

Bis 19.21 Uhr.

Da bekamen ihn die gut 200.000 Fans vor der Siegessäule endlich direkt zu sehen. Und fast wirkt es, als wolle der prominente Besucher das ganze Versteckspiel zuvor wiedergutmachen. Denn es treten vor der Siegessäule gleich vier Obamas auf - binnen weniger als 30 Minuten.

Es beginnt: ein zurückhaltender Obama. Der Senator läuft zwar so federnd-athletisch ans Mikrofon, wie er es bei seinen Wahlkampfauftritten in Iowa, Mississippi oder Kalifornien tut. Doch da ist ja auch immer klar, was er will. Hier in Berlin toben dazu seit Wochen Diskussionen: Wahlkampfgag, Staatsmannsprobe, Grundsatzrede?

"Ich bin ein stolzer Bürger der USA, aber auch Weltbürger"

Also eröffnet Obama seine Ansprache mit Sätzen darüber, was er alles nicht ist an diesem Donnerstagabend: kein Wahlkämpfer. Kein typischer Amerikaner. Stattdessen: "Ich bin ein stolzer Bürger der USA, aber auch ein Weltbürger." Und: "Ich weiß, ich sehe nicht aus wie Amerikaner in vorherigen Wahlen."

Mit einer Mutter aus dem Herzen Amerikas, einem Vater aus Kenia. Einem Großvater, der noch den Briten als Koch diente - also einer Lebensgeschichte, die ohne die Freiheit des Westens nicht möglich wäre.

Und so schlägt er elegant den Bogen zu Berlin. Viel Kritik kam auf, der Wahlkämpfer wolle dort nur schöne Fernsehbilder vor dem Brandenburger Tor einfangen. In Obamas Worten hört sich die Wahl des Ortes auf einmal ganz logisch an: "Keine Stadt kennt so die Bedeutung von Freiheit. Hier haben die Bürger nie aufgegeben und die Flamme der Hoffnung am Leben gehalten."

Dann sagt er: "Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!" Das ist ausgeliehen bei Ernst Reuter, dem einstigen Regierenden Bürgermeister West-Berlins, und aufs transatlantische Verhältnis übertragen. "Berlin ist der Ort, an dem Amerikaner und Deutsche gelernt haben, zusammen zu leben und zusammen zu arbeiten."

Zuckerbrot für die Europäer

Und da sind wir schon bei Obama Nummer 2, dem transatlantischen Brückenbauer. Man müsse ja nichts beschönigen, sagt der Kandidat. Da sei dieses Gefühl in Europa, in den USA sei einiges falsch gelaufen, die Amerikaner hörten nicht mehr zu. Dann sagt er die Sätze, die auf Transatlantik-Konferenzen immer wieder fallen - aber aus dem Mund vieler anderer seltsam hohl geklungen hätten: "Jetzt ist die Zeit, neue Brücken zu bauen."

Oder: "Wir brauchen Verbündete, die einander zuhören, voneinander lernen und einander vor allem vertrauen."

Und schließlich: "Amerika hat keinen besseren Partner als Europa." Das ist das Zuckerbrot für die Europäer.

Doch rasch darauf folgt die sanfte Peitsche - in Gestalt von Obama Nummer 3: dem gewieften US-Wahlkämpfer. Obamas Berater hatten lange Sorge, dass seine Rede daheim im Wahlkampf als zu "europäisch" empfunden würde. Also streut er Passagen ein, die auch der aktuelle US-Präsident George W. Bush locker aussprechen könnte. Mit einem Ziel: den Europäern die neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sehr deutlich vor Augen zu führen.

Über Terroristen redet Obama, die in Hamburg an die Uni gingen. Über schlecht geschützte Atomwaffen in Russland, die Paris treffen könnten. Über Armut in Somalia, die neue Terroristen hervorbringe.

Sicher, Obama macht auch in diesem Redeteil Zugeständnisse bei Themen, von denen er weiß, dass sie bei Europäern populär sind. Er träumt von einer Welt ohne Atomwaffen.

Er findet neue Töne zum Klimawandel, den die aktuelle US-Regierung bis vor kurzem noch geleugnet hat. "Wir müssen sicherstellen, dass alle Nationen der Welt - einschließlich meiner eigenen - den Ausstoß an Treibhausgasen mit jener Ernsthaftigkeit reduzieren, wie es Ihr Land tut." Da gibt es mit den meisten Applaus während der gesamten Rede.

Doch dann spricht er sie aus, die erwarteten Forderungen:

  • Mehr europäische Hilfe in Afghanistan. "Amerika schafft das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre Truppen", sagt er.
  • Mehr europäische Hilfe im Irak: "Jetzt muss die ganze Welt den Irakern dabei helfen, sich wieder ein Leben aufzubauen, auch wenn wir jetzt mehr Verantwortung an die irakische Regierung abgeben, und schließlich den Krieg zu einem Ende zu bringen."
  • Mehr europäische Hilfe im Kampf gegen den Terror - der auch unter einem Präsidenten Obama nicht aufhören wird: "Wenn es uns mit der Nato gelungen ist, die Sowjetunion in die Knie zu zwingen, dann können wir auch eine neue und weltweite Partnerschaft aufbauen, um die Netzwerke außer Gefecht zu setzen, die in Madrid und Amman zugeschlagen haben, in London und Bali, in Washington und New York."

Was das genau heißen soll? Wie viele Truppen in Afghanistan, welche Hilfe im Irak? Was für eine neue Strategie gegen Terroristen?

Zu hören ist davon wenig, was manche Obama auch im US-Wahlkampf vorwerfen. Seine Berater versuchen seit Tagen zu warnen: Obama ist immer noch ein Präsidentschaftskandidat, kein Präsident. Er kann über die Vision nur allgemein reden, er kann keine konkrete Politik anstoßen. Vielleicht hätte man dann nur keine "transatlantische Grundsatzrede" ankündigen sollen.

Allerdings: Vielleicht braucht das transatlantische Verhältnis gar nicht so sehr neue Politikprojekte, sondern vielmehr eine neue Rhetorik. Wie angespannt die Beziehungen geworden sind, zeigt sich daran, dass eigentlich ganz selbstverständliche Sätze am meisten Beifall bekommen. Sätze wie: "Die Mauern zwischen armen und reichen Ländern müssen fallen. Die Mauern zwischen Christen, Muslimen und Juden müssen fallen." Oder ganz schlicht: "Wir Amerikaner lehnen Folter ab." Da gibt es viel Applaus.

Am Ende heißt es: Sorry, Berlin

Und schließlich weckt solcher Beifall doch noch Obama Nummer 4, den Weltrettungsrhetoriker, der so viele seiner US-Ansprachen prägt. In den letzten Minuten seiner Ansprache ruft er dem Publikum zu: "Zusammen müssen wir den Planeten retten."

"Wir müssen den Kindern eine Zukunft zurückgeben."

"Unsere Zeit ist gekommen."

"Wir müssen dem Ruf des Schicksals antworten."

Immer lauter werden die Sätze, sie schallen über den Beifall hinweg. In den USA verkündet Obama am Ende seiner Ansprachen den Menschen meist, dass er sie liebe. In Berlin sagt er nur danke. Und doch könnte man einen Moment glauben, er wolle mit diesen 200.000 Zuhörern ganz rasch die Veränderung der Welt beginnen.

Während Obama die letzten Sätze seines Manuskriptes in die Menge ruft, holen seine Mitarbeiter schon den mitreisenden Pressetross von der Gästetribüne. Die Journalisten sollen noch kurz mit Obama sprechen dürfen. Es sind nur Reporter aus den USA, 40 an der Zahl. CNN, "New York Times", "Newsweek", "Chicago Sun-Times". Ausländische Presse ist ausdrücklich nicht erwünscht. Die USA waren die Zielgruppe.

Sorry, Berlin.

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