Obamas Flickr-Familienalbum Backstage in der Sieger-Suite

Barack Obama beim Fernsehen, im Kreis seiner Familie, Hand in Hand mit der Schwiegermutter: Der künftige US-Präsident hat persönliche Aufnahmen der historischen Wahlnacht ins Internet gestellt. Die Aktion ist der letzte Beweis, dass Obama die Welt an seinem Privatleben teilhaben lassen will.

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Hamburg - Er ist der Mann, dessen Hemd stets perfekt gebügelt ist. Der in seinen Reden immer die richtigen Worte findet. Der viel, sehr viel lächelt. Und nun ins Weiße Haus einzieht.

Kritiker warfen Barack Obama im Wahlkampf immer wieder vor, er wirke trotz seiner jungenhaften Art zu kühl und kontrolliert. Daran änderten auch die zahlreichen Auftritte mit seiner Familie wenig. Frau Michelle und die beiden Töchter, die siebenjährige Sasha und die zwei Jahre ältere Malia, begleiteten Obama monatelang zu allen großen Auftritten - Hand in Hand schritten sie auf die Bühnen dieses Wahlkampfs, umjubelt von Hunderten Anhängern, bis zum Triumph über John McCain.

Jetzt hat Obamas Team einen Coup gelandet, der die Fangemeinde noch mal an diesen historischen Siegeszug erinnern wird - und der das Bild vom angeblich unnahbaren künftigen Präsidenten endgültig durchkreuzt.

Was die Welt von jener Wahlnacht des 4. November 2008 zu sehen bekommt, ist ein faszinierender halb privater, halb offizieller Einblick in die persönliche Welt des Barack Obama. Es sind Fotos, die von keiner Agentur versendet, in keiner Zeitung abgedruckt wurden - sondern auf dem größten Online-Bilderportal Flickr.com stehen.

Sie sind festgehalten von Chef-Wahlkampffotograf David Katz und zeigen Obama mit seiner ganzen Familie - Cousinen, Schwiegereltern, Tanten, Schwager - am historischen Wahlabend in einer Hotelsuite in Chicago. Enge Berater und der künftige Vizepräsident Joe Biden samt Anhang sind dabei.

"Hochgeladen am 6. November 2008 von Barack Obama", liest der User neben den Bildern.

"Ein unglaublicher Moment"

Wer sich die Bilder anschaut, bekommt einen Backstage-Pass für die persönliche Welt des US-Präsidenten: Obama mit seiner Schwiegermutter auf einer durchgesessenen Couch, sie schauen auf einen schlichten Fernseher, der die ersten Ergebnisse auflistet. Sie halten sich bei den Händen. Oder Obama, wie er in einem Moment neben Michelle die Füße auf den Tisch legt und in Richtung Bildschirm schaut.

"Das ist einfach bezaubernd", schwärmt Userin Diana Zuleta, "es ist so eine große Ehre, Teil dieser Momente zu werden." Ein anderer Kommentar zu einem der Familienfotos lautet: "Michelle, du bist eine großartige Mutter!"

Angesichts der spontanen Schnappschüsse scheint die Sympathie für die neue Präsidentenfamilie überbordend. Unter einem Foto, auf dem Sasha ihrer Schwester Malia einen liebevollen Wangenkuss gibt, wird der kollektiven Verzückung in allen Varianten ("So sweet" / "sweet Moment" / "this is so sweet") Ausdruck verliehen. Die User überschlagen sich mit begeisterten Kommentaren: "Ein unglaublicher Moment", heißt es da, und: "So viel Hoffnung spiegelt sich auf Obamas Gesicht wieder. Wundervoll!"

Erfolgsfaktor "Obama-Girl"

Das Kalkül scheint aufzugehen. Denn dass der neue Präsident sein Familienalbum freigibt - auch das ist natürlich alles andere als ein Zufall. Freilich wurden die Fotos nicht gedankenlos auf die Seite gespült.

Die Wahlstrategen von Barack Obama versuchen die Obama-Euphorie, die in den vergangenen Wochen ihren Höhepunkt erreichte und sich in einem fulminanten Wahlsieg entlud, noch über die historische Wahlnacht fortzutragen, ihn so lange wie möglich auszukosten - mit Hilfe von Obamas Erfolgsmedium, dem Internet.

Seinen Triumph verdankt Obama nicht zuletzt seinem perfekten Engagement im Netz. Wie kein Präsidentschaftsanwärter vor ihm nutzte der Senator aus Illinois seine Möglichkeiten, um Anhänger zu gewinnen und zu mobilisieren. Als erster Kandidat hatte Obama mit seinem Wahlkampfteam eine hochprofessionelle Internet-Kampagne auf die Beine gestellt, er ließ sich dabei von Dutzenden New-Media-Experten unterstützen.

Auch ungeplante Nebenprodukte wie das freizügig singende "Obama-Girl" sicherten ihm einen Großteil seiner jüngeren Anhängerschaft. Und als erster Präsident präsentiert Obama nun private Aufnahmen auf eine solch charmante, unkomplizierte Weise.

Obamas Einblick in sein Familienalbum zeigt, dass er das Medium auch weiterhin für sich zu nutzen gedenkt. Die Flickr-Aktion ist nun der letzte Beweis, dass der neue Präsident durchaus eine - kontrollierte - Teilhabe der Medien und Bürger an seinem Familienleben zulassen will.

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