Obamas historischer Wahlsieg Die Wiederauferstehung des amerikanischen Traums

Barack Obama hat die US-Präsidentenwahl für sich entschieden - dank seiner Kunst, den richtigen Ton zu treffen. Andere Bewerber waren lauter, aggressiver, erfahrener. Aber Obama schenkte den Amerikanern in Zeiten der Krise ein Versprechen. Jetzt muss er zeigen, dass er es halten kann.

Ein Kommentar von Gabor Steingart, Washington


Es war die Nacht großer Gefühle. Amerika vibrierte vor demokratischer Leidenschaft. "Mein Präsident", nannte ihn selbst der unterlegene Kandidat der Konservativen, John McCain. Es war der starke Abgang eines schwachen Kandidaten.

Barack Obama wurde nicht wegen seines politischen Programms zum 44. Präsidenten der USA gewählt. Hillary Clinton war präziser, John Edwards aggressiver, McCain erfahrener. Aber keiner von ihnen traf den Obama-Ton, den Ton dieser Zeit.

Sein Grundton ist versöhnlich, sein Oberton erhaben, der Klang wohltemperiert. Wer auch immer bezweifelt habe, dass der amerikanische Traum lebendig sei, rief er seinen Anhängern in Chicago zu: "Heute Nacht habt ihr eure Antwort gegeben. Der Wechsel kommt nach Amerika."

Der Obama-Ton schließt Menschen ein und grenzt sie nicht aus. Es ist ein Ton der politischen Romantik. Er löst kein Problem, aber er lindert die Schmerzen. Wo Bush Besorgnis auslöste, sorgt Obama für Beruhigung.

Der Ton ist nur die eine Hälfte des Erfolgs. Der Klangkörper entscheidet, ob er zur Geltung kommt. Im selbstzufriedenen, erfolgreichen Amerika in den neunziger Jahren wäre der Mann als zu weich, seine Überzeugungen als zu bescheiden, sein Ton als zu leise empfunden worden. Der Sieg über die Sowjetunion musste gefeiert werden. Amerika wollte laut sein.

2004 hätte er nicht einmal Außenseiterchancen gehabt

Noch im Jahr 2004 hätte einer wie Obama wahrscheinlich nicht einmal Außenseiterchancen gehabt. Amerika befand sich bereits im Krieg, war aber noch guter Hoffnung, ihn zu gewinnen. Die Wirtschaft brummte, da musste ein Präsidentschaftskandidat, der auf Ablösung drängte, schon ein bisschen forscher vorsprechen, als es John Kerry tat.

2008 dreht der Wirtschaftsmotor hörbar leiser. Das Wort von der "Sozialen Ungleichheit" ist im Amerika dieser Tage eine unerhörte Untertreibung. Fast 50 Millionen Menschen besitzen keine Krankenversicherung. Rund 30 Millionen benötigen Unterstützung durch Lebensmittelkarten, die der Staat ausgibt. Zuweilen muss man seinen Verstand schon zusammennehmen, um nicht Sozialist zu werden.

Es ist leise geworden in Amerika. In diese Stille hinein schickte Obama seine Botschaft, die von Hoffnung und Wechsel erzählt. Konzilianz, nicht Konfrontation, lautet sein Angebot an eine verunsicherte Gesellschaft. Das Wort "compassion", Mitgefühl, mit dem einst Willy Brandt eine Generation verzauberte, benutzt er nicht. Das Wort hat seinen guten Klang in Amerika verloren, seit Bush von sich behauptet hatte, er sei ein "mitfühlender Konservativer".

Obama brauchte das Wort nicht zu benutzen, sein Ton enthält es. Er will mitfühlen, zuhören, abwägen, das sind seine Versprechen. Mögen die anderen schneller und härter sein in ihren Entscheidungen, er wirkt nachdenklicher. Die anderen sagen "ich will", er sagt "wir werden".

Welch ein Kontrast zu seinen Vorgängern: Bill Clinton klang oft wie ein überdrehter Conférencier. George W. Bush hatte von Anfang an etwa metallisches in der Stimme. Den Ärger, den er bekam, hatte er gesucht. Zum Schluss seiner Amtszeit lieferte ein ergrauter Bush keinen Ton mehr, nur noch ein Geräusch.

Diese Wahl enthält auch eine Verpflichtungserklärung der Amerikaner an den Rest der Welt. Zweimal haben die Wähler, mit wachsender Mehrheit sogar, George W. Bush in das Weiße Haus gewählt. Gestern Nacht leiteten sie die Umkehr ein.

Obama ist Amerikas Angebot der Wiedergutmachung

Obama ist ihr Angebot einer Wiedergutmachung nach all den Jahren der vorsätzlichen politischen Provokation, der völkerrechtswidrigen Angriffe, der Doktrin vom amerikanischen Recht auf den militärischen Erstschlag. Die Bush-Doktrin wurde gestern Nacht abgewählt. Der Alleingang der westlichen Supermacht dürfte fürs Erste beendet sein.

Während in Deutschland nun der Tag beginnt, träumt Amerika einmal mehr den amerikanischen Traum. Es wird nach diesen unruhigen, traumlosen Jahren, in denen Terroranschläge, Frontberichte aus Bagdad und der Zusammenbruch der Wall Street ihnen den Schlaf und ihr Selbstbewusstsein raubten, ein tiefer und gefühlvoller Traum sein. Er handelt von einer Welt ohne Armut und Angst, von einem Leben voller Chancen und frei von George W. Bush.

Wenn die amerikanischen Wähler aufwachen, werden an ihrem Bett allerdings die alten Probleme stehen: Der nicht enden wollende Irak-Krieg, die sich ausweitende Finanzkrise, die parteipolitische und kulturelle Spaltung Amerikas. Bush zieht um, die von ihm verursachten Probleme sind hartleibiger.

Der neue Hausherr im Weißen Haus muss - bevor er die Welt verändert - sich selbst verändern. Er muss binnen weniger Monate vom Wahlkämpfer zum Regierungschef reifen. Der neue Ton ist sein großes Versprechen. Niemand weiß, ob er ihn dann halten kann.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.