Obamas Krisen-Dilemma Pakt mit dem Ölteufel

Barack Obama gerät wegen der US-Ölkatastrophe immer stärker unter Druck: Den staatlichen Krisenteams fehlt Technik, Know-how, Manpower - so muss sich der Präsident weitgehend auf den Übeltäter BP verlassen. Nun startet er eine neue Blitzreise an die Küste. Für viele nur eine PR-Aktion.

Kampf gegen die Ölpest: "Bombenleger muss die Bombe entschärfen"
AP

Kampf gegen die Ölpest: "Bombenleger muss die Bombe entschärfen"

Von , New York


Erneut sagen sie, es sei ihre letzte, ihre beste Chance. Erneut liegt alles in Händen des Ölmultis BP. Erneut weiß keiner, ob es klappen wird. "Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs auf 60 bis 70 Prozent", sagt BP-Vorstandschef Tony Hayward nüchtern.

Alles schon mal da gewesen, alles schon mal gehört. Mit wachsender Frustration, inzwischen sogar offener Wut, verfolgen die Amerikaner die jüngsten Versuche von BP, die Ölpest im Golf von Mexiko endlich in den Griff zu bekommen, mehr als einen Monat nach der Katastrophe auf der BP-Bohrplattform "Deepwater Horizon".

Doch wie bei allen vorherigen Experimenten ist auch die neueste Option ein "crapshoot", eine reine Glückssache. Ab diesem Mittwoch schickt sich BP an, das geborstene Rohr rund 1600 Meter unter dem Meeresspiegel mit schweren Bohrschlamm zu stopfen. "Top Kill" heißt diese Methode, doch noch nie wurde sie in dieser Tiefe ausprobiert. Selbst BP warnt vor zu hohen Erwartungen.

Unterdessen sprudelt das Öl weiter aus dem Leck, fast 30 Millionen Liter bisher, wahrscheinlich mehr. Längst hat es Strände, Marschen und Naturschutzgebiete erreicht. Fischer stehen vor dem Ruin. Pelikane, die Wappentiere Louisianas, sind zu ölverklebten Symbolen des Desasters geworden. "Wir werden hier angegriffen", sagt Gouverneur Bobby Jindal. "Unsere Lebensart ist in Gefahr."

PR-Blitzreise an die Golfküste

Die hilflose Rage der Betroffenen - und zusehends der Lokalpolitiker - richtet sich mittlerweile aber nicht mehr nur gegen BP, den primären Übeltäter. Sondern immer mehr auch gegen das Weiße Haus und US-Präsident Barack Obama. Dem werfen sie vor, sich von BP - auf dessen Technik sich die Regierung in der Krise bis heute stützt - gutgläubig an der Nase herumführen zu lassen. BP diktiere Obama das Vorgehen, schimpft Mike Frenette, ein Charterkapitän aus Louisiana, im Sender MSNBC.

Die Stimmung kippt landesweit. In einer CNN-Umfrage zeigen sich 51 Prozent der Befragten "unzufrieden" mit Obamas Reaktion auf die Ölpest. 53 Prozent glauben nicht mehr an eine Eindämmung der Ölflut - genauso viele, wie sich davon für "indirekt" betroffen erklären.

Schon hoffen die Republikaner, den Ölteppich als Obamas "Katrina" vermarkten zu können: Der Hurrikan zerstörte 2005 nicht nur New Orleans, sondern die letzten Rest an Glaubwürdigkeit von Obamas Vorgänger George W. Bush.

Ein schiefer Vergleich. Trotzdem steht fest: Das Öldesaster wird zum politischen Problem für Obama. Prompt setzte der für Freitag eine zweite PR-Blitzreise an die Golfküste an, um "die jüngsten Bemühungen einzuschätzen".

Das kommt für viele allerdings zu spät. "Hier am Ground Zero", beschreibt Stephanie Grace, Kolumnistin der Zeitung "Times-Picayune", die Stimmung in ihrer vom Unglück verfolgten Heimatstadt New Orleans, "ist die Schlacht um die Herzen und die Seelen längst verloren."

Die US-Regierung geht nun in die Offensive: Obama wird wohl am Donnerstag deutlich schärfere Regelungen für Ölbohrungen im Meer ankündigen. Laut "Wall Street Journal" will er die Industrie zur Einhaltung strengerer Sicherheitsbedingungen verpflichten und die Ölplattformen vor der Küste rigider kontrollieren lassen.

Die Ankündigung der Reise verband das Weiße Haus zudem mit der Beteuerung, es tue alles, was in seiner Macht stehe: "Die Regierung hat mit die umfassendsten Katastrophenmaßnahmen in der Geschichte eingeleitet - mehr als 1200 Schiffe in der Region und mehr als 22.000 Menschen, die rund um die Uhr arbeiten."

Die Skeptiker besänftigt das nicht. Denn ein Großteil dieser Schiffe und Menschen steht in Diensten des Schmutzfinken BP - und daran dürfte sich wenig ändern, trotz wachsender Kritik an dem Konzern, selbst seitens Obamas. Die beißende Ironie der Geschichte: Keiner außer BP scheint die Technologie, Manpower und Maschinerie zu haben, das von BP verschuldete Unheil in den Griff zu bekommen.

"Die Regierung muss das Kommando übernehmen"

"Ehrlich gesagt, es ist doch klar, dass wir mit BP zusammenarbeiten", sagte Obamas Vizesprecher Bill Burton neulich. "Sie haben ja die nötige Ausrüstung." Obamas Öl-Dilemma: Ohne BP wird er der Sache nicht Herr werden - doch mit BP droht ihm jetzt ein Polit-Debakel.

Da offenbart sich sowohl das Versagen der Privatwirtschaft wie das Versagen des Staates, der diese regulieren sollte. Washington war der Ölindustrie immer schon entweder hörig oder ausgeliefert, durch Wahlspenden, durch die engen Beziehungen vor allem in der Bush-Ära, durch die ungebrochene Abhängigkeit Amerikas vom Öl. Nun wiederholt sich das triste Muster erneut - mit katastrophalen Konsequenzen.

"Warum sitzt der Übeltäter noch am Ruder?", fragt jetzt nicht nur Kristine Stratton, die Chefin der Umweltorganisation Waterkeeper Alliance. "Die Regierung muss das Kommando übernehmen." Es ist, als vertraue Washington einem Bombenleger, seine eigene Bombe zu entschärfen, obwohl sie längst explodiert ist.

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Das zeigt auch ein Untersuchungsbericht, den der US-Kongress am Dienstagabend veröffentlichte. Demnach hätte BP das heraufziehende Unglück absehen können, dank "mehrerer Vorwarnungen" in den 24 Stunden zuvor. Es habe Hinweise auf massive Probleme auf der Plattform gegeben. "Die Crew hätte versuchen können, einzugreifen", erklärte Henry Waxman, der Vorsitzende des Energie-Unterausschusses.

Solche Rügen sind für BP nichts Neues. 2005 starben bei einer Explosion in der BP-Raffinerie Texas City 15 Arbeiter. Die Ermittler warfen BP "organisatorische und sicherheitstechnische Mängel auf allen Ebenen des Konzerns" vor. BP kam damals mit 373 Millionen Dollar Strafe davon - 0,14 Prozent seines Jahresumsatzes.

Da hilft es nun auch wenig, dass BP den Fischern Entschädigung zugesagt, Forschungsgelder für die US-Golfstaaten in Aussicht gestellt und bisher eine halbe Milliarde Dollar ausgegeben hat. Das Vertrauen in den Konzern ist zerstört - auch dadurch, dass BP die Menge des auslaufenden Öls immer wieder unterschätzt hat.

Trotzdem hat sich das Weiße Haus mit seinen teils unklugen Äußerungen fest an BP gekettet. "Ich habe Tony Haywards private Handy-Nummer", prahlte Admiral Thad Allen, Obamas Top-Mann an der Golfküste, noch am Wochenende über sein Verhältnis zum BP-Vorstandschef. "Ich vertraue Tony Hayward." Solche jovialen Töne, schreibt Kate Sheppard, die Umweltreporterin des Magazins "Mother Jones", "sind nicht gerade die Botschaft, die die Regierung zurzeit aussenden möchte".

Kein Wunder also, dass der Zorn auf BP von den turbulenten Bürgerversammlungen an der Golfküste inzwischen "bis ins Oval Office schwappt", wie die "New York Times" schreibt. "Ich bin wütend, und die Leute in meinem Bundesstaat sind sehr wütend", rief der republikanische Kongressabgeordnete Steve Scalise aus Louisiana am Montag im Plenum. Obama habe seine Macht an BP "abgetreten".

Selbst bei den Demokraten rührt sich Unmut. "Sie sind nicht hart genug", scholt die demokratische Strategin Donna Brazile das Weiße Haus im TV-Sender ABC. Ihr Kollege James Carville nannte Obamas bisheriges Verhalten in der Ölkrise auf CNN "lustlos".

Vorwürfe von Kungelei, Schlamperei und skandalösem Verhalten

Erschwerend hinzu kommen Vorwürfe von Kungelei, Schlamperei und skandalösem Verhalten bei der US-Kontrollbehörde MMS, der die Ölkonzerne unterworfen sind. Am Dienstag enthüllte die "New York Times" einen internen Untersuchungsbericht des Innenministeriums: Beamte des MMS hätten unter der vorherigen US-Regierung mit der Ölindustrie gemeinsame Sache gemacht, sich bestechen lassen und vereinzelt sogar Drogenmissbrauch zugegeben.

Am Wochenende machte die Regierung zwar einen halbherzigen Versuch, sich offen von BP zu distanzieren: Innenminister Ken Salazar drohte, BP "aus dem Weg zu räumen". Doch schon tags darauf nahm Admiral Allen das Unternehmen wieder in Schutz: "Wer soll BP denn ersetzen?"

Das ist die Krux. Das Weiße Haus hat weder das Know-how noch das Personal für einen eigenen Öl-Großeinsatz. Und selbst wenn, würde das wenig ändern. "Wenn sie diese Situation besser handhaben könnten", sagte Larry Goldstein, ein Ölexperte der Energy Policy Research Foundation, der "New York Times", "dann hätten sie das schon getan".

So bleibt der Obama-Regierung nichts übrig, als ihr "unermüdliches" Krisenmanagement mit täglichen Erklärungen und Besuchen in der Ölzone zu bekunden. Jeden Abend verschickt der Krisenstab eine statistische Übersicht über die "laufenden Maßnahmen der Regierung". Überschrift am Dienstag: "Wachsam am Golf."

Den Vogel schoss aber wohl Innenminister Salazar ab. Er habe Vizeminister David Hayes schon am Tag nach der "Horizon"-Explosion nach New Orleans geschickt, berichtete er vorige Woche vor dem US-Senat störrisch - "ohne Unterwäsche oder Zahnbürste, wegen der Dringlichkeit, die wir der Sache zuweisen".

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Seite 1
nurmeinsenf 26.05.2010
1. Andere Optionen?
Geschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
Haio Forler 26.05.2010
2. .
Zitat von sysopBarack Obama gerät in der US-Ölkatastrophe in Louisiana zunehmend unter Druck: Der US-Präsident wird heftig kritisiert, weil er sich in der Krise weiter auf BP verlässt. Hat Barack Obama das Krisenmanagement im Griff?
Was soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
Simpso, 26.05.2010
3.
Zitat von Haio ForlerWas soll er machen? Tauchen und sich draufsetzen?
Ja, ne... wäre Bush das gewesen, wänrem it absoluter Sicherheit die Kommentare sehr viel bösartiger ausgefallen. Es ist aber aschon richtig, weder Bush noch Obama können zaubern.
Epic Fail 26.05.2010
4. ...
Zitat von nurmeinsenfGeschludert worden ist vor allem in der Vergangenheit. Die Tiefseebohrungen hätte nur unter anderen Sicherheitsauflagen durchgeführt werden dürfen. Jetzt wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist guter Rat teuer. Offenbar hat niemand so richtig gute Antworten darauf, wie man das Leck verschließt. Woher soll Obama die nehmen? Mehr als alle Ansätze zum Abdichten mit den nötigen Ressourcen zu unterstützen und anschließende Schadensbegrenzung/-seitigung zu treiben, wird nicht möglich sein. Wirklich schön ist das alles nicht, vor allem in der Region - Amerika hat seinen Umwelt-GAU.
Nicht? Der Iran hat angeboten das Leck zu schließen, die meinten das es eine Kleinigkeit wäre. Aber da gibts ja momentan Stress mit Atomverhandlungen und da kann man ja nicht so einfach die Hilfe annehmen. Und noch dazu schuldet man dann dem Iran noch etwas, das geht ja mal garnicht. Da wird lieber der Golf von Mexiko geopfert. ;)
Hilfskraft 26.05.2010
5. Technik, Know-how, Manpower
"Den staatlichen Krisenteams fehlt Technik, Know-how, Manpower" Wo ist der legendäre Patriotismus der Amis? Daß es an Technik und Know-how fehlt, leuchtet ein. Frage: Wie sieht es damit bei uns aus? Sind zwar "nur" 70 Meter, aber die müssen auch bewältigt werden, im Falle des Falles. Manpower fehlt? Ein 300Millionen-Volk und keine Manpower? Wenigstens die Küstenbewohner könnten Hand anlegen und Säuberungsaktionen organisieren. Auch wenn es nichts nützt, käme es besser in den Medien rüber. Mir scheint, daß das den meisten Amerikanern am Popöchen vorbei geht. Dann fahren sie eben woanders hin, zum Baden. H.
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