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Obamas neue Medienpolitik: Der YouTube-Präsident düpiert die Starreporter

Von , New York

US-Präsident Obama liebt es, sich im Internet direkt an die Bürger zu wenden - das Nachsehen haben die etablierten Korrespondenten im Weißen Haus. Sie fürchten um ihre Exklusivität und reagieren vergrätzt.

Barack Obama sitzt vor einem penibel sortierten Bücherregal im Weißen Haus. Links das Sternenbanner und die US-Präsidentenflagge ("E pluribus unum"), rechts ist ein Beistelltischchen ins Bild gerückt, darauf ein Blumenstrauß und ein Kerzenleuchter. Obama blickt direkt in die Kamera. "Wenn wir nicht kühn und rasch handeln", sagt er ernst, "wird eine schlechte Situation dramatisch schlechter werden."

Obama vor Journalisten im Weißen Haus: Bruch mit Traditionen
DPA

Obama vor Journalisten im Weißen Haus: Bruch mit Traditionen

Die erste wöchentliche Videoansprache des neuen US-Präsidenten stellte Rekorde auf. Allein auf YouTube wurde der Fünf-Minuten-Clip vom Samstag, in dem Obama sein Konjunkturpaket propagierte, bis Montagabend mehr als 878.000-mal angeklickt, von den Zugriffen über die Website des Weißen Hauses ganz zu schweigen. Dies, postuliert die "New York Times", markiere endgültig den Beginn der "YouTube-Präsidentschaft".

Samstagsreden - bisher in Form von Radioansprachen - gehören zum US-Präsidenten wie "Hail to the Chief", der Bläsermarsch, der zu seiner Begrüßung stets gespielt wird. Seit den "Fireside Chats", mit denen Franklin Roosevelt die Bürger ab 1933 durch harte Wirtschafts- und Krisenzeiten tröstete, sind sie ein Vehikel präsidialer Propaganda.

Zuletzt wurden sie jedoch kaum mehr registriert. Erstens wegen der abnehmenden Relevanz des Mediums. Zweitens wegen des unpopulären Redners George W. Bush. Obama ist nun der erste US-Präsident, der seine "Weekly Address" als Video ins Netz stellt, mit durchschlagendem Erfolg.

Mehr noch: Das Weiße Haus hat sich auf YouTube einen eigenen Kanal eingerichtet. Dort wurde allein der 21-minütige Clip von Obamas Antrittsrede, trotz windig-verwackeltem Bild, bereits fast eine Million Mal angeklickt.

Obamas YouTube-Auftritt ist nur eine vieler Methoden, mit denen er sich über die Köpfe der etablierten Medien hinweg direkt an die Amerikaner zu wenden versucht. Sehr zum Ärger des Korrespondentenkorps im Weißen Haus: Den Starreportern schmeckt es gar nicht, nur noch die zweite Geige zu spielen.

"Wir haben eine Tradition, wie wir über den Präsidenten berichten", erinnerte CBS-Veteran Bill Plante den neuen Regierungssprecher Robert Gibbs auf dessen erster, konfrontativer Pressekonferenz vergangene Woche säuerlich. Doch um diese Tradition schert sich Obama wenig. Wie schon im Wahlkampf kommuniziert er lieber ohne den Medienfilter - oder nutzt ihn als Verstärker.

Und zwar nicht nur auf YouTube. Sondern auch auf Social-Networking-Sites, etwa mit seinen Profilseiten auf Facebook und MySpace, und über die frischrenovierte White-House-Website. Die enthält sowohl eine Kommentarspalte für Bürger wie einen "Blog", der allerdings nichts anderes ist als ein cooles Megafon für Pressemitteilungen.

Ende der Cliquenwirtschaft

Was die White-House-Korrespondenten jedoch am meisten irritierte: Obama ließ ihre internen Pool-Berichte, in denen sie jeden seiner Schritte protokollieren, anfangs an Tausende weitere Journalisten außerhalb des erlauchten Dunstkreises mailen - ein drastischer Bruch zur inzestuösen Cliquenwirtschaft im West Wing. Denn diese "pool reports" waren früher nur den akkreditierten Reportern zugänglich.

Wie sehr Obama die alten Gepflogenheiten ignoriert, zeigte sich auch Montagabend: Da gab er sein erstes TV-Interview als Präsident - doch nicht einem US-Network, wie bisher üblich, sondern dem arabischen Sender Al-Arabija aus Dubai. Das gab es noch nie.

Obama will mit all diesen neuen Formen "die offenste und zugänglichste Regierung in der US-Geschichte" schaffen. In der Tat gibt die direkte Vernetzung den Bürgern zumindest die Illusion des Zugangs. Aber sie bietet vor allem auch dem Weißen Haus einen offenen Kommunikationskanal, den es fest kontrolliert.

Kein Wunder, dass die Korrespondenten im West Wing darüber verschnupft sind: Sie fürchten um die Exklusivität ihrer Jobs, beziehungsweise, wie sie es formulieren, um die Pressefreiheit. Schon länger sehen sie ihren Einfluss schwinden: Dank der neuen Informationskanäle, des Aufstiegs der Bloggerszene und dank Obamas medialer Allgegenwärtigkeit ist ihre einst legendäre Rolle fast zur Statistenfunktion verkommen.

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Obama aus der Nähe: Private Momente des Machtwechsels
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