Obama beim Parteitag: Auftritt ohne Zauber

Aus Charlotte, North Carolina, berichtet

Der große Wurf war es nicht: Barack Obama ist mit einer zwar kämpferischen, aber nüchternen Rede in die heiße Phase des US-Wahlkampfs gestartet. Die Amerikaner hätten es jetzt in der Hand - sie müssten über das Schicksal der Nation entscheiden. Reicht diese Botschaft gegen Mitt Romney?

REUTERS

Es ist keine hochfliegende Rede wie vor vier Jahren. Kein historisches Glanzstück, kein großer Wurf, keine Gänsehaut-Inspiration. Und erst recht keine furiose Vernichtung des Gegners, wie sie Bill Clinton am Vorabend ablieferte.

Nein, die Rede, mit der sich US-Präsident Barack Obama in der Nacht zum Freitag vor dem Wahlparteitag der Demokraten für eine zweite Amtszeit empfiehlt, verzichtet auf Glorie und Girlanden. Sicher, sie mündet ins typisch rhythmische Schlusscrescendo. Sonst aber ist sie nüchtern - kämpferisch zwar, doch ernst, stellenweise defensiv, fast introspektiv.

"Auch wenn ich stolz bin auf das, was wir gemeinsam erreicht haben", gesteht Obama, "bin ich mir meiner eigenen Mängel weitaus bewusster." Dann bittet er ganz schlicht um mehr Zeit, die Probleme der Nation zu lösen.

Aber vielleicht ist das ja genau die Rede, die er jetzt auch halten muss. 2008 ist lange her, danach kam der große Bruch der Rezession. Die Amerikaner wollen keine Predigt hören, sondern Pragmatik. "Die Zeiten haben sich verändert", sagt Obama. Pause. "Und ich mich auch."

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US-Wahlkampf 2012: Die Stunde Barack Obamas
Überflieger Obama bleibt bewusst am Boden. Vor vier Jahren warb er mit Hoffnung. "Dann", sagt er jetzt, "kam die Bewährungsprobe."

Die Menge im Saal hört begeistert zu. 22.000 Demokraten wollen ihre Liebe zum Präsidenten zeigen, unterbrechen Obama immer wieder mit Sprechchören: "Four more years! Four more years!" Doch Tränen wie damals, im Mile-High-Stadion von Denver, sie sind diesmal selten.

Das kann natürlich auch an der Lokalität gelegen haben. Obama sollte auch hier ja in einer Open-Air-Arena sprechen, dem Bank of America Stadium, vor 74.000 Fans. Dräuende Gewitter zwangen ihn aber in eine viel kleinere Sporthalle. Da prallen seine Worte schnell an der Wand ab - auch im übertragenen Sinne.

Bildung, Steuern, Staatsverschuldung: "Dies fühlt sich an wie eine Rede zur Lage der Nation", kommentiert der Blogger Andrew Sullivan, ein konservativer Obama-Fan, "aber nicht wie ein Schlachtruf." Das ist kaum Zufall: Obama hat seine Basis in der Tasche, appelliert statt dessen an die "Independents", die unideologischen, pragmatischen Wechselwähler, die Konkretes fordern, nicht abgehobene Rhetorik.

Wird das funktionieren? Fest steht jedenfalls: Vom Republikaner-Parteitag vorige Woche ist heute nur noch Clint Eastwoods bizarrer Stuhl-Monolog in Erinnerung, keiner redet mehr von Mitt Romneys Rede. Und vom Demokraten-Parteitag? Da wird sich Bill Clintons Parforceritt halten - doch Obamas Vortrag sicher weniger.

Und so ziehen die Delegierten in die Nacht - befeuert, bekräftigt, aber nicht unbedingt beseelt. Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

Das Wichtigste: Mittelschicht

Vor vier Jahren appellierte Obama noch an das ethnische Patchwork Amerikas, als erster "post-racial" Kandidat. Diesmal dagegen zielt er auf jene Wählergruppe, die im November sein Schicksal in der Hand hält: die darbende, rezessionsgeschrumpfte US-Mittelschicht.

So spricht er fast als erstes die Autoindustrie an - "die Arbeiter in Detroit und Toledo, die Angst hatten, dass sie nie wieder ein amerikanisches Auto bauen würden", doch dank ihm gerettet worden seien. Er beschwört "Made in America", preist "große Fabriken und kleine Betriebe", rühmt Bildung als "Tor zum Mittelklasseleben", verspricht eine Steuerreform, lobt die staatliche Krankenversicherung für Senioren.

Es ist ein Motiv, das sich auch schon durch das ganze Vorprogramm des Abends zog, durch die weichgezeichneten Videos und Endlosreden. Vor allem die von US-Vizepräsident Joe Biden, der den "Average Joe" spielt, um Obama an seinem Jedermann-Image teilhaben zu lassen.

Außenpolitik: Republikaner als weltfremde Amateure

Jahrelang hatten die Republikaner die Außen- und Sicherheitspolitik für sich gepachtet, konnten die Demokraten als militärische Weichlinge verhöhnen. Jetzt hat sich der Spieß umgekehrt: Bei ihrem Parteitag in Tampa machten Romney und sein Vizekandidat Paul Ryan den fatalen Fehler, fast kein Wort übers Militär und die Sicherheitspolitik zu verlieren.

Die Demokraten schlagen voll in diese Lücke. Immer wieder stellen sie Soldaten und Veteranen ans Pult, die die militärischen Verdienste Obamas preisen. Vor allem am letzten Abend: Da fällt der Name Osama bin Laden fast so oft wie der Name des Präsidenten. Senator und Vietnam-Held John Kerry, ihr Kandidat von 2004, legt eine grandiose außenpolitische Rede hin, empfiehlt sich so fürs State Department, als Nachfolger von Hillary Clinton. "Osama Bin Laden ist tot", ruft auch Biden, "und General Motors lebt."

Obama verwendet weite Teile seiner Rede ebenfalls darauf - und macht sich über die Konkurrenten lustig. "Mein Widersacher und sein Co-Kandidat sind" - süffisante Kunstpause - "neu in der Außenpolitik", sagt er. Und: "Sie kleben in der Zeitschleife des Kalten Krieges."

Schicksalswahl

Allein zehnmal benutzt Obama das Wort "choice". Auswahl, Alternative, Entscheidung: Er versucht einen klaren Gegensatz aufzubauen zwischen sich und Romney, die Wahl als eine Schicksalswahl zu zeichnen. Ein Trick, der die Strategie der Republikaner aushebeln soll, die Wahl 2012 zum Referendum über die US-Wirtschaft und ihren Steuermann zu machen.

"Wenn alles vorüber ist, wenn du diese Stimmkarte ergreifst, dann stehst du vor der wichtigsten Wahl, die es seit einer Generation gegeben hat", sagt er. "Es wird eine Wahl sein zwischen zwei unterschiedlichen Wegen für Amerika. Eine Wahl zwischen zwei fundamental unterschiedlichen Visionen für die Zukunft."

Die Kunst der Auslassung

Auffallend ist auch, was Obama in seiner Rede nicht anspricht. Es sind seine Schwachpunkte - oder Themen, mit denen er nicht punkten zu können glaubt. Zum Beispiel die Waffenkontrolle. Selbst eigene Verdienste streift er nur flüchtig, etwa das umstrittene Konjunkturpaket, das einen noch tieferen Absturz verhinderte, oder die Gesundheitsreform. Sie sind bei den begehrten Wählern der Mitte zu kontrovers.

Auch die Arbeitsmarktlage spricht Obama so gut wie nicht an. Kein Wunder: Schon Freitagfrüh werden die neuesten, monatlichen US-Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht. Einige Experten erwarten, dass sie gut ausfallen. Obama bekommt immer schon am Vorabend intern Einsicht in die Statistik, was auch in Charlotte so geschehen sein dürfte. Er lässt kein Wort davon verlauten. Will er sich die guten Nachrichten für den Freitag aufheben?

Heute ist gestern

Am Freitag wird Obama sowieso längst woanders sein: Bereits am frühen Morgen wird er Charlotte verlassen und sich auf eine rasante Wahlkampftour durch mehrere "Swing States" begeben. Allein am ersten Tag stehen da New Hampshire, Iowa und Florida auf dem Programm, gefolgt in der kommenden Woche unter anderem von Colorado und Nevada.

Zum Abschluss seiner Rede gibt es also weder ein Feuerwerk, wie im Stadion geplant, noch Luftballons in den Landesfarben, wie sonst im Saale üblich - es fehlte die Zeit, letzteres so kurzfristig noch zu organisieren. Stattdessen stellen die Organisatoren Konfettikanonen auf. Es ist ein deutlicher Kontrast zu den gigantischen Jubelszenen von 2008.

"Die Zeiten haben sich geändert." Parteitag war gestern. Der Wahlkampf wartet nicht.

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insgesamt 46 Beiträge
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1.
kjartan75 07.09.2012
Zitat von sysopDer große Wurf war es nicht: Barack Obama ist mit einer zwar kämpferischen, aber nüchternen Rede in die heiße Phase des US-Wahlkampfs gestartet. Die Amerikaner hätten es jetzt in der Hand - sie müssten über das Schicksal der Nation entscheiden. Reicht diese Botschaft gegen Mitt Romney? Obamas Rede beim Parteitag: Analyse der wichtigsten Punkte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,854429,00.html)
Na, ist es denn nicht eher normal, dass der gewählte Präsident die Rede etwas staatstragender vorträgt? Und die Wadenbeißer sind halt andere, ist doch nichts neues.
2. Noch 101 Nächte
aahoi 07.09.2012
Bis am 17. Dez. 2012 die Wahlmänner der USA über den neuen Präsidenten entscheiden, habt ihr noch 101 Mal die Gelegenheit für Aufmacher, die keinen interessieren - weiter so SPON!
3. Ach, wirklich?
tylerdurdenvolland 07.09.2012
Zitat von kjartan75Na, ist es denn nicht eher normal, dass der gewählte Präsident die Rede etwas staatstragender vorträgt? Und die Wadenbeißer sind halt andere, ist doch nichts neues.
Ist es nicht vielmehr so, dass er auch diesmal nur aus einem einzigen Grund gewinnen wird, nämlich der, dass während beim letzten Mal dem Gegner das Etikett "Bush" anklebte, es diesmal halt auch nur jemand ist, der genauso unwählbar ist? "Die Amerikaner hätten es jetzt in der Hand - sie müssten über das Schicksal der Nation entscheiden. Reicht diese Botschaft gegen Mitt Romney? " Aber sicher doch... beim letzten Mal reichte schon ein Wort "Change", diesmal muss es halt ein ganzer Satz sein.
4. falsches Publikum
NochNeMeinung 07.09.2012
Liebe SPON-Redaktion, nur mal so der Hinweis, dass es sich um die Nominierung eines Kandidaten in den USA handelt. Soweit mir bekannt, ist kein deutsches Land dieser amerikanischen Union beigetreten. Die Wichtigkeit, die von SPON dem Thema beigemessen wird, macht den Eindruck, das wäre Teil unserer Innenpolitik. Für uns ist nur die US-Außenpolitik von Bedeutung. Wie die Amis die Krankenversicherung für Rentner regeln ist für uns genauso unwichtig wie die entsprechende Regelung in Japan oder sonst wo.
5.
yesnomaybe 07.09.2012
Zitat von sysopReicht diese Botschaft gegen Mitt Romney?
Gegen Mitt Romney hätten auch 20min Webster's Dictionary gereicht.
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Michelle Obama: Der Kuschelmarathon

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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US-Wahl
Wahl des Präsidenten
In den USA liegt die exekutive Gewalt grundsätzlich beim Präsidenten, der Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in einer Person ist. Der Präsident wird alle vier Jahre neu gewählt, eine einmalige Wiederwahl ist möglich.
Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ist eine indirekte Wahl: Am Wahltag, der immer am Dienstag nach dem ersten Montag im November stattfindet, wählt die US-Bevölkerung in jedem Bundesstaat Wahlmänner. Diese bilden das Wahlmännergremium, das offiziell erst im Dezember den Präsidenten und seinen Vize wählt. Dabei gilt in den allermeisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht: Die Wahlmänner eines Bundesstaates stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Stimmen bekommen hat. Für den Gegner sind alle Wahlmänner verloren - egal wie knapp das Ergebnis ist ("Winner takes all"-Prinzip).
Parteien und Swing States
In den USA hat sich, durch das einfache Mehrheitswahlrecht begünstigt, ein Zweiparteiensystem gebildet: Praktisch spielen nur die demokratische und die republikanische Partei eine Rolle. Da in vielen Bundesstaaten die Mehrzahl der Wähler traditionell einer der beiden Parteien zugetan sind, steht in diesen Staaten praktisch fest, für welchen Kandidaten die Wahlmänner dieses Staates stimmen werden.
In anderen ist der Ausgang der Wahl hingegen offen: Sie werden als umkämpfte Staaten oder Swing States bezeichnet. Auf sie konzentriert sich der Wahlkampf der Kontrahenten. Besonders die bevölkerungsreichen unter ihnen wie Ohio und Florida stehen im Fokus der Wahlkampfstrategen, da sie viele Wahlmänner im Wahlmännergremium stellen und damit für den Ausgang der Präsidentschaftswahl entscheidend sein können.
Wahlmänner
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird nicht direkt vom Volk gewählt, sondern indirekt von Wahlmännern ("electors"). Ein Wahlmann ist ein Bürger, den die Einwohner eines US-Bundesstaates gewählt haben, damit er oder sie in einem landesweiten Gremium in ihrem Namen seine Stimme für den Präsidenten und den Vizepräsidenten abgibt. Die Wahlmänner werden von ihrer jeweiligen Partei in einem Auswahlprozess aufgestellt, der von Bundesstaat zu Bundesstaat verschieden ist. Normalerweise nominieren die Parteien sie auf einem Parteitag im jeweiligen Bundesstaat, oder der Zentralausschuss ("central committee") der Partei stellt sie auf.
Am Wahltag geben die Wähler jedes Bundesstaates ihre Stimme für einen der Präsidentschaftskandidaten ab. Da die Wahl indirekt ist, wählen sie damit Wahlmänner, die dann nach dem eigentlichen Präsidentschaftswahltag in dem bundesstaatenübergreifenden Wahlmännergremium ("electoral college") ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten und seinen Vize abgeben.
Welche Wahlmänner aus einem Bundesstaat in das Wahlmännergremium geschickt werden, wird in 48 US-Bundesstaaten nach dem Mehrheitswahlrecht ermittelt: Alle von einem Staat entsandten Wahlmänner gehören derselben Partei an, selbst wenn diese in dem betreffenden Staat nur mit einem hauchdünnem Vorsprung gewonnen haben sollte ("Winner takes all").
Wie viele Delegierte ein Bundesstaat entsendet, ist von seiner Größe abhängig. Jeder Staat schickt so viele gewählte Electors, wie er Senatoren und Abgeordnete im Kongress stellt. Die meisten Wahlmänner, nämlich 55, hat zurzeit Kalifornien, gefolgt von New York (31) und Florida (27). Bevölkerungsarme Staaten wie zum Beispiel Alaska oder Montana entsenden das Minimum von drei Wahlmännern. Obwohl der Hauptstadtbezirk Washington D.C. keine stimmberechtigten Vertreter im Kongress hat, entsendet auch er drei Wahlmänner ins Gremium.
Wahlmännergremium
Das Electoral College ist ein Kollegium von insgesamt 538 Vertretern der einzelnen US-Bundesstaaten, das den US-Präsidenten und seinen Vize wählt - denn Amerikas Bürger entscheiden nicht direkt darüber, wer sie regiert, sondern nur über die Zusammensetzung des Gremiums, das den Präsidenten wählt.
Das Wahlmännergremium tritt physisch nie an einem Ort zusammen. Stattdessen versammeln sich die Wahlmänner im Dezember nach der Wahl durch das Volk in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten, um ihre Stimme abzugeben. Dabei richten sie sich in ihrer Entscheidung traditionell nach dem Votum des Volkes, zwingend vorgeschrieben ist das jedoch nicht in allen Staaten. Die Wahlmänner-Stimmen werden dann nach Washington geschickt, wo sie während einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses im Januar ausgezählt werden. Der amtierende Vizepräsident kann dann endlich das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahlen verkünden, das in der Regel ja schon kurz nach der allgemeinen Wahl bekannt ist, weil die Zahl der Wahlmänner jedes Kandidaten feststeht.
Wenn keiner der Präsidentschaftskandidaten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, sieht der 12. Zusatzartikel der Verfassung vor, dass die Wahl durch das Repräsentantenhaus entschieden wird. In diesem Fall wählt das Repräsentantenhaus den Präsidenten per Mehrheitsentscheid unter den drei Kandidaten aus, die die höchste Anzahl an Wahlmännerstimmen erhalten haben. Jeder Staat gibt dann eine Stimme ab. Wenn keiner der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, entscheidet hingegen der Senat per Mehrheitsentscheid über den Vizepräsidenten, wobei sich jeder Senator für einen der beiden Kandidaten mit der größten Anzahl an Wahlmännerstimmen entscheiden muss.
"Winner takes all"
In 48 US-Bundesstaaten gilt bei den Präsidentschaftswahlen das Mehrheitswahlrecht: Alle Wahlmännerstimmen eines Staates werden komplett dem Präsidentschaftskandidaten zugeordnet, der in diesem Bundesstaat die meisten Wählerstimmen erhalten hat - "Der Sieger bekommt alles" ("The winner takes it all"). Der in diesem Staat unterlegene Präsidentschaftskandidat geht leer aus, ganz gleich wie viele Stimmen der Bürger er auf sich vereinigen konnte - diese Stimmen entfallen.
Präsident wird, wer die Mehrheit der Stimmen von den Wahlmännern bekommt, die jeder einzelne Bundesstaat in das staatenübergreifende Wahlmännergremium (electoral college) schickt. Ob der Präsidentschaftskandidat auch die Mehrheit der in den USA abgegebenen Stimmen (popular vote) bekommen hat, ist für die Präsidentenwahl hingegen nicht entscheidend. So führt das Prinzip "Der Sieger bekommt alles" dazu, dass die Wahl kein genaues Bild vom wahren Kräfteverhältnis im ganzen Land gibt.
Nur in den Bundesstaaten Nebraska und Maine gilt das System des "Winner takes all" nicht. Hier werden die Wahlmänner nach dem Verhältniswahlrecht ermittelt: Die Wahlmännerstimmen werden proportional zu den auf die Kandidaten entfallenen Wählerstimmen zwischen den Parteien aufgeteilt.