Obamas schwarze Wähler "Das war nicht Martin Luther Kings Traum"

Sie feierten ihn als Triumph der Bürgerrechtsbewegung - heute wenden sie sich von ihm ab: Nach einem Jahr Obama-Regierung sind viele Afro-Amerikaner enttäuscht von "ihrem" Präsidenten. Kaum jemand kann das so gut erklären wie der schwarze Aktivist Andrew Young.

Bürgerrechtler Young: "Es war falsch, die kleinen Banken links liegen zu lassen"
Getty Images

Bürgerrechtler Young: "Es war falsch, die kleinen Banken links liegen zu lassen"

Von Katja Ridderbusch, Atlanta


In Sweet Auburn tanzten sie auf der Straße: viele Schwarze, aber auch einige Weiße. Es war ein Fest, ein Spektakel, ein Triumph, als der Afro-Amerikaner Barack Obama vor einem Jahr als US-Präsident vereidigt wurde.

In diesem pulsierenden Stadtteil der Südstaatenmetropole Atlanta im US-Bundesstaat Georgia war der legendäre Bürgerrechtler Martin Luther King geboren worden, dort ruht er jetzt in einem opulenten Marmorsarg. Rund um den Globus titelten Medien nach Obamas Vereidigung: Martin Luther Kings Traum ist wahr geworden.

Andrew Young hält das für ein Missverständnis.

Der Veteran der Bürgerrechtsbewegung, ehemalige Pastor einer Baptistengemeinde und Mitstreiter von Martin Luther King war dabei, als dieser im August 1963 auf den Stufen des Lincoln-Memorials in Washington seine berühmte Rede "I have a Dream" hielt. Eine Ansprache, die längst in den Kanon des amerikanischen Traums eingegangen ist. "Es war nicht Martin Luther Kings Traum, dass ein paar privilegierte Schwarze zu politischem Ruhm kommen," sagt Young. Damit meint er auch sich selbst: Nach der Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze und Kings Ermordung machte er politische Karriere, wurde Kongressabgeordneter, erster schwarzer Uno-Botschafter der USA und Bürgermeister von Atlanta. Martin Luther Kings Traum sei es vielmehr gewesen, dass "alle Menschen, schwarz oder weiß oder braun, Europäer oder Afrikaner oder Asiaten, als Gottes Kinder auf dieser Welt gleich sein würden."

Obama verkörperte Wandel - und Hoffnung, vor allem auch für die afro-amerikanische Bevölkerung. 95 Prozent der schwarzen Wähler in den USA stimmten für den Demokraten.

Nach der Euphorie kam die Ernüchterung

Ein Jahr nach Obamas Amtsantritt zeigen Meinungsumfragen wie jüngst eine Erhebung des amerikanischen Nachrichtensenders CNN, dass die Mehrheit der Afro-Amerikaner zwar noch immer zufrieden mit Obama ist. Doch die anfängliche Euphorie ist Ernüchterung gewichen.

Fotostrecke

18  Bilder
Obamas erstes Jahr: Klima, Krieg und Krisen
"Wir unterstützen Obama, keine Frage", erläutert Young die Haltung der afro-amerikanischen Gemeinschaft. "Aber uns ist auch klar, wie eingeschränkt er durch seine Berater im Kabinett ist." Denen gehe eben jedes Verständnis dafür ab, "wie es um die Armen im Land stehe, egal ob schwarz oder weiß." Young, 78, ist noch immer aktiv in seiner Beratungsfirma "Good Works International", die sich der wirtschaftlichen Vernetzung von Schwellenländern widmet, vor allem in Afrika.

Young hält viele von Obamas Beratern, vor allem die Mitarbeiter von Finanzminister Timothy Geithner, für "Leute ohne Vision, privilegierte Kinder der Mittel- und Oberschicht. Sie haben kluge Theorien entwickelt und sind sehr schlau, aber das ist nicht das wirkliche Leben." Young, Sohn eines Zahnarztes und einer Lehrerin aus New Orleans, hält es für richtig, dass Obama die Gesundheitsreform zu einer Priorität erklärt hat. Seine Strategie zur Bewältigung der Finanzkrise dagegen stuft er als misslungen und sogar gefährlich ein: "Es war falsch, die großen Banken zu stützen und die kleinen Banken links liegen zu lassen. Damit ist die nächste Katastrophe schon wieder programmiert."

Bürgerrechtler unterstützten Clinton

Jetzt setzte die US-Regierung die "big banks" unter Druck und erwägt, den Steuerzahlern über Sonderabgaben der Banken einen Teil der staatlichen Rettungsbeihilfen zurückzugeben. Das sei immerhin ein Schritt in die richtige Richtung, meint Young.

Ursprünglich hatte er, so wie auch andere ehemalige Führer der Bürgerrechtsbewegung wie Jesse Jackson und Al Sharpton, Hillary Clinton als Kandidatin für die Präsidentschaft unterstützt. Die frühere First Lady erschien ihnen eine würdige Nachfolgerin ihres Mannes zu sein, der bei Afro-Amerikanern große Popularität genoss. Obama dagegen war vielen Haudegen der Civil-Rights-Bewegung zunächst fremd. Er erschien ihnen, die sich stets durch Kampf und Protest definiert hatten, unberechenbar, fast ein wenig unheimlich. Sie fanden ihn zu hellhäutig, zu gebildet, zu wenig zornig und vor allem: zu versöhnlich.

"Ich will, dass Barack Obama Präsident wird - im Jahr 2016", hatte auch Andrew Young noch zu Beginn des Wahlkampfs in einem Interview gesagt. Und dann seine Meinung geändert, als Obama die Nominierung als demokratischer Präsidentschaftskandidat gewann. "Mir ist klar geworden, dass er der richtige Mann für den Job ist", gibt er heute zu. "Seine kulturellen Gene sind global, er vereint afrikanisches und europäisches Erbe, und er wurde durch seine Kindheit in Asien geprägt."

So sehr Obama auch nach Einheit und Versöhnung strebt - die Rassenfrage hat in den USA noch immer Sprengkraft, mehr als 55 Jahre nach dem Bürgerrechtsgesetzen und ein Jahr nach dem Amtsantritt des ersten schwarzen Präsidenten. So löste der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Harry Reid, im Wahlkampf einen Sturm der Entrüstung aus: Obama sei ein guter Kandidat, weil er "ein hellhäutiger Schwarzer ist und keinen Negerdialekt spricht", hatte er gesagt. Reid hat sich mittlerweile entschuldigt, Obama hat die Entschuldigung angenommen.

Der Rassismus lebt in Amerika weiter

Im vergangenen September meldete sich der ehemalige Präsident Jimmy Carter zu Wort, sehr zum Unwillen der Obama-Administration. Er meinte, Obama schlage im Kongress deshalb so viel Feindseligkeit entgegen, weil er ein Schwarzer sei. Carter ist überzeugt: Der Rassismus in Amerika ist noch immer lebendig, vor allem im Süden.

"Jimmy Carter weiß, wovon er spricht", sagt Andrew Young. Schließlich habe er sein politisches Leben lang gegen Rassismus gekämpft. "Aber es ist besser, wenn er sich zu dem Thema äußert als wenn ich das tue." Young überlegt einen Moment. "Wenn ich über Rassismus rede, dann tun die Leute das als das Granteln eines zornigen alten Schwarzen ab." Auch Obama wägt seine Worte vorsichtig ab, wenn es um Rasse und Rassismus geht. Er gibt sich strikt farbneutral. Seine Administration versucht mit aller Kraft, das Rassenthema nicht zur Sprache zu bringen. Denn Obama will der Präsident aller Amerikaner sein.

Andrew Young sieht noch einen anderen Grund als nur politisches Kalkül. Tatsächlich habe Obamas Generation das Thema Rasse, Rassenkämpfe und Rassismus weit hinter sich gelassen. "Sie sehen unsere Gesellschaft als eine post-rassistische". Aus ihrer Sicht zurecht, sagt Young, denn Obama, seine Frau Michelle und ihre Altersgenossen seien bei ihrer Berufsausbildung und Karriere bereits in den Genuss der neuen Chancengleichheit gekommen.

Eigentlich ist Andrew Young die pathetische Opferrhetorik vieler seiner ehemaligen Mitstreiter zuwider. Aber manchmal geht dann doch der Prediger mit ihm durch. Zum Beispiel, wenn er der jungen Generation afro-amerikanischer Politiker einen Rat mit auf den Weg gibt. Sie sollten, sagt Young, bei ihrem Aufstieg und Erfolg nicht die Menschen vergessen, die ihnen den Weg gepflastert hätten - "mit ihrem Blut, ihrem Schweiß und ihren Tränen. Diejenigen, die Brücken gebaut haben und die auf der Strecke geblieben sind."

insgesamt 2125 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Landegaard 20.01.2010
1.
Zitat von sysopVor einem Jahr trat Barack Obama als neuer Präsident der USA an. Viele Hoffnungen und Wünsche knüpften sich an seine Regierung. Wie hat Barack Obama diese Erwartungen erfüllt? Wie sehen Sie das erste Jahr seiner Amtszeit?
Über die Erfüllung von Hoffnungen und Wünschen muss nicht geredet werden, auf diesem Feld hat er gar nichts erreicht. War vielleicht nicht zu erwarten, aber er hat extreme Erwartungen geweckt und ist auf einer BEgeisterungswoge ins WH getragen worden, die er nicht nutzen konnte. Er hat eine fabelhafte Rede in Kairo gehalten und eine nötige und klare Ansage Richtung Israel gemacht. Die Adressaten jedoch waren keine seiner begeisterten Wähler. Nach diesen Reden, die noch nichts bewegten, ist nichts mehr gekommen. Seine Healthcare-Reform steckt im Morast der politischen Zerfleischung fest, indem es ihm nicht gelingt, seinen Wählern deutlich zu vermitteln, wo der Masterplan und Gewinn der Reform liegt, sondern sieht zu, wie die destruktiven Parolen seiner Gegner Wirkung entfalten. Für mich die erstaunlichste Entwicklung. Ich glaube nicht, dass diese Nacht die Präsidentschaft Obamas endete, es ist allerdings die deutliche Quittung für ein verpfuschtes Jahr, die er sich auch redlich verdient hat. 2010 muss ihm einiges mehr gelingen als 2009, wobei man sich fragen kann, wie das funktionieren soll, wenn ihm 2009, wo er über in den USA selten verfügbaren, extremen Rückenwind verfügte und mit gegnern zu tun hatten, die eher noch mit der Organisation des Generationswechsels beschäftigt war
Querkopf58 20.01.2010
2. Ging denn überhaupt viel mehr?
Sicherlich gibt es hier noch viele offene Fragen und Probleme. Ist aber der mächtigste Mann der Welt nicht auch in ein System von Beamten, Lobbyisten, "Falken" und "Tauben", "Ewig-Gestrigen" und Visionären eingebunden? Wichtig ist doch wohl, daß hier jemand nach der katastrophalen Bush-Ära ein neues Klima in die Welt bebracht hat, Hoffnung und Zuversicht. Dieser charismatische Mann hat jetzt doch schon mehr positives, wenn auch nicht immer greifbares, bewirkt, als der Bush in weiteren 20 Jahren hätte mit seinen Einstellungen und seinem Intellekt erreichen können. Eine solche Persönlichkeit ist in Deutschland zur Zeit nicht in Sicht. Dieses Gemurkse und Geschiebe. Hier geht es nur um Ämter und Einfluß, um banale Gruppeninteressen. Der Parteienwust ist mindestens so wie bei uns zu Ostzeiten, die Kanzlerin hat eine Ausstrahlung wie ein Straßenbaum, wobei der wenigstens gut für das Klima ist. Etwas Hoffnung macht da Herr zu Guttenberg, auch wenn er parteipolitisch nicht unbedingt meinen Intentionen entspricht, er scheint aber Charakter zu haben und könnte vielleicht was bewegen. Würde man ihn lassen?
Bernd Dahlenburg 20.01.2010
3. Besser konnte es gar nicht kommen....
Zitat von sysopVor einem Jahr trat Barack Obama als neuer Präsident der USA an. Viele Hoffnungen und Wünsche knüpften sich an seine Regierung. Wie hat Barack Obama diese Erwartungen erfüllt? Wie sehen Sie das erste Jahr seiner Amtszeit?
Überhaupt nicht gut getroffen, lieber virtuleller SPIEGEL: Einem Nobody wurde ein Friedensnobelpreis verliehen, der ihn nicht verdient hatte, und ein Appeeaser, der gegenüber dem Iran jetzt dasteht wie der letzte Depp. Sorry Obama: Let the matter rest!
ohmscher 20.01.2010
4. Darf man Obama nicht so fotografieren wie andere Menschen?
Nach dem hundertsten so gesehenen Foto würde mich einmal interessieren, ob Obama oder seine PR-Strategen Anweisungen gegeben haben, sein Gesicht immer nur leicht von unten zu fotografieren, so dass der Betrachter zu ihm aufsieht.
nahal, 20.01.2010
5.
Zitat von Bernd DahlenburgÜberhaupt nicht gut getroffen, lieber virtuleller SPIEGEL: Einem Nobody wurde ein Friedensnobelpreis verliehen, der ihn nicht verdient hatte, und ein Appeeaser, der gegenüber dem Iran jetzt dasteht wie der letzte Depp. Sorry Obama: Let the matter rest!
Get schlecht. Er ist noch, bis 2012, Präsident.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.