Obamas Vision: Abrüstungsplan entfacht Debatte um US-Atomwaffen in Deutschland

Rund 20 US-Atombomben sollen noch in Deutschland lagern - eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Nach dem Vorstoß von US-Präsident Obamas für eine atomwaffenfreie Welt fordern FDP und Linke nun den Abzug der Sprengköpfe. Die Bundesregierung hält sich bedeckt.

Berlin - Als Konsequenz aus den Abrüstungsplänen von US-Präsident Barack Obama stehen offenbar auch die in Rheinland-Pfalz stationierten amerikanischen Atomwaffen zur Disposition. Außenamtssprecher Jens Plötner unterstrich am Montag in Berlin, Denkverbote dürfe es nicht geben. Hinsichtlich der US-Atomwaffen in Deutschland dürften sich "keine Tabus etablieren". Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach diesen Aspekt nicht direkt an.

Außenminister Steinmeier: Gespräche mit den USA
DDP

Außenminister Steinmeier: Gespräche mit den USA

Um so konkreter äußerten sich Oppositionsführer Guido Westerwelle (FDP) und Linke. Der Chef der Liberalen schlug vor, die letzten atomaren Sprengköpfe, die es aus der Zeit des Kalten Kriegs noch in Deutschland gebe, abzuziehen. Dazu solle die Bundesregierung Gespräche mit den Verbündeten in der Nato aufnehmen, "damit die atomaren Sprengköpfe, die nicht nach Deutschland gehören, die hier weg sollten, auch abgezogen werden". Der Außenpolitiker der Linken-Bundestagsfraktion, Wolfgang Gehrcke, sagte der "Berliner Zeitung", der Abzug aus Deutschland müsse der erste Schritt sein.

Über die in Deutschland lagernden Atomwaffen gibt es weder von deutscher noch von US-Seite offizielle Auskünfte. Schätzungen zufolge befinden sich auf dem Gelände eines Fliegerhorstes im rheinland-pfälzischen Büchel noch rund 20 US-Atombomben des Typs B-61. Damit ist Büchel nach Angaben des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit (BITS) vermutlich der letzte verbleibende Lagerort für Atomwaffen in Deutschland.

"Keine nuklearen Sprengköpfe"

Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich beeindruckt von Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt - hielt sich in der Frage nach in Deutschland gelagerten Sprengköpfen jedoch bedeckt. Er kündigte an, mit den USA auch über die Lagerung von US-Atomwaffen in Deutschland reden zu wollen. "Darüber werden wir in der Tat mit den Amerikanern in den nächsten Wochen sprechen", sagte der SPD-Kanzlerkandidat am Montag in Berlin.

Auf der Rangordnung der wichtigsten nuklearen Abrüstungsschritte stehe das Nachfolgeabkommen zur Abrüstung strategischer Atomwaffen zwischen den USA und Russland (Start) allerdings "etwas oberhalb der Lagerung von amerikanischen Nuklearwaffen auf deutschem Boden". Steinmeier sagte weiter: "Wir werden das zum Thema auch der Gespräche zwischen Deutschland und den USA machen. Ich gehe davon aus, dass es Offenheit auf der amerikanischen Seite gibt."

Der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg lobte die Rede Obamas zum Thema nukleare Abrüstung als "richtungsweisend". Die Bundesregierung teile die Ziele, die Obama beschrieben habe. "Deswegen werden wir den amerikanischen Präsidenten in seinen Bemühungen und Absichten nach Kräften unterstützen." Er betonte, dass die Bundeswehr "nicht über nukleare Sprengköpfe" verfüge. Zudem beteilige er sich nicht an Spekulationen über die Lagerung und Aufbewahrung von nuklearen Sprengköpfen auf deutschem Gebiet.

Obama hatte am Sonntag in Prag erklärt, die USA wollten sich für eine "atomwaffenfreie Welt" einsetzen. Die Zeit des Kalten Krieges habe ein gefährliches Erbe von Tausenden Atomwaffen hinterlassen, doch nun müssten die Waffen reduziert und die Atomwaffentests gestoppt werden, sagte der US-Präsident vor 30.000 Zuhörern in der Prager Burg. Am Raketenschild in Osteuropa will Obama wegen der "Bedrohung" durch Iran hingegen festhalten.

amz/dpa/AP/Reuters

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Forum - Totale Atom-Abrüstung - wie realistisch ist Obamas Vorschlag?
insgesamt 727 Beiträge
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1.
Jürgen Munzert 05.04.2009
Zitat von sysopDie USA werden sich für eine "atomwaffenfreie Welt" einsetzen. Dies verkündete Barack Obama in Prag. Für wie realistisch halten Sie den Vorschlag?
Für absolut unrealistisch und weltfremd. Pure Träumerei. Das Wissen um die Bombe, sowie das technologische know how ist nicht mehr zu eleminieren. Eine effektive Kontrolle ist unmöglich und die potenziellen Verlierer wären die Naiven. Dann nämlich, wenn irgendwelche Schurken heimlich neue Atomwaffen bauen und damit die Welt bedrohen. Oder noch einfacher: gar nicht alle A-bomben abrüsten und gleich welche zurücklegen - für alle Fälle. Wer den Menschen kennt und dessen Geschichte kann solchen Phantastereien nicht anhängen.
2. Totale Abruestung und anderes von B H Obama
Babilynier 05.04.2009
-BHO rettet Nato-Regierungen vor Gipfelblamage, -OHB verspricht Welt ohne Atomwaffen... usw selbst inszenierung; dass errinnert mich an: Die Stuecke werden immer laenger, die Regisseure scheinen sich immer mehr selbst verwirklichen zu wollen. Heinz Ruehmann. Danke an DW-Homepage!
3.
Batistuta 05.04.2009
Ob realistisch oder nicht, was zählt ist, daß sich endlich überhaupt mal ein amerikanischer Präsident strikt gegen Atomwaffen ausspricht. Vor allem einer, der als erstes bei sich selbst anfängt sein Arsenal zu reduzieren, anstatt anderen nur Dinge diktieren zu wollen, die er selbst aber nicht einhalten will. Selbst wenn Obama dahingehend nur einen kleinen Erfolg erzielen kann, hat er damit die Welt immerhin ein bißchen besser gemacht.
4. Lachnummer
ochsensepp1 05.04.2009
...wie wir uns erinnern, gehören die USA zu den Staaten, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet haben. Das, und die Verschrottung des eigenen Arsenals wäre ein Anfang. Aber den Anfang sollen natürlich "die Anderen" machen. Herr Obama gerät langsam zur Lachnummer.
5. Erst nach Einsatz...
e.schw 05.04.2009
Zitat von sysopDie USA werden sich für eine "atomwaffenfreie Welt" einsetzen. Dies verkündete Barack Obama in Prag. Für wie realistisch halten Sie den Vorschlag?
Ich fürchte, eine atomwaffenfreie Welt werden wir erst haben, wenn die Dinger in einem Krieg “verbraucht” wurden. Die Veranstaltungen zum G 20 - Gipfel und die Feiern zum 60. Natojubiliäum gleichen m.E. Totentänzen. Was nun wahrscheinlich folgt, kann man nur noch mit dem Wort “Wahnsinn” umschreiben. Ich vermeide im Allgemeinen, etwas zum äußeren Erscheinungsbild von Politikern zu sagern. Aber Barack Obama erinnert mich irgendwie an einen Bestatter.
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