Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Washington amüsiert sich noch immer über die Bilder, die das Ehepaar Salahi bei ihrer Spritztour ins Weiße Haus ohne Einladung zeigen. Die Partycrasher, zwei Möchtegern-TV-Stars aus Virginia, posieren während eines Staatsbanketts für Indiens Premier mit Präsident Barack Obama, dessen Stabschef Rahm Emanuel und anderen Politikgrößen. Doch nur mit einem Regierungsmitglied sind sie gleich zweimal zu sehen: Vizepräsident Joe Biden, der neben der blonden Ex-Cheerleaderin Michaele Salahi in die Kameras strahlt. Solche Fotos liebt der lebenslustige Biden, dem US-Reporter wegen seiner weißen Zähne unterstellen, mindestens so eitel wie ein Starlet zu sein.
Doch die Partybilder täuschen. Biden, 67, hat sich in Obamas Regierung eine Schlüsselstellung erarbeitet. Die "New York Times" fragt, ob der Demokrat nach Dick Cheney schon der zweitmächtigste Vizepräsident aller Zeiten sei. "Time" urteilt: "Joe is not a joke", Joe ist kein Witz. Die "Washington Post" kommentiert: "Er hat wichtige Aspekte der Strategie von Afghanistan-Oberbefehlshaber Stanley McChrystal hinterfragt. Biden setzte durch, dass Amerika sich nicht unbegrenzt auf einen Plan versteift, der selbst nach Ansicht seiner Befürworter vielleicht nicht klappt."
Wenn Obama an diesem Dienstagabend in der Militärakademie West Point zur Afghanistan-Politik spricht, wird Bidens Skepsis vernehmbar sein. Weniger bei den Zahlen: Dass der Präsident vermutlich mehr als 30.000 weitere US-Soldaten entsendet, liegt nahe an den Forderungen von McChrystal. Doch der Argwohn zeigt sich im Kleingedruckten. Obama dürfte keine langfristige Verpflichtung eingehen, sondern bereits Details eines Abzugsplans entwerfen - wie er vorige Woche mit seinen Worten andeutete, Amerika werde in acht oder neun Jahren nicht mehr am Hindukusch kämpfen. Unrealistische Aussagen über die künftige Größe der afghanischen Sicherheitskräfte wird Obama wohl auslassen, ebenfalls auf Bidens Rat. Pakistan dürfte noch stärker in den Vordergrund rücken, das Land, das der Vizepräsident seit langem als wichtigste Front im Kampf gegen den Terror ansieht.
"Biden ist skeptisch, dass sich Amerika immer weiter in Afghanistan verstrickt - und er hat das Ohr des Präsidenten", sagt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein enger Vertrauter des Vizepräsidenten.
Eklat beim Essen mit Karzai
Der Außenpolitikveteran, ehemals Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat, hatte bereits zu Beginn von Obamas Amtszeit Bedenken gegen eine weitere Truppenerhöhung in Afghanistan geäußert. Biden, vehementer Unterstützer des US-Einmarsches dort nach den Anschlägen vom 11. September, war früh enttäuscht von Präsident Hamid Karzai. In Washington ist die Geschichte Legende, wie Biden bei einem Abendessen mit Karzai im Frühjahr 2008 in Kabul die Serviette auf den Tisch warf und das Essen für beendet erklärte, nachdem der Afghane Korruption in seiner Regierung nicht eingestehen wollte.
Karzai versuchte ihn zum Bleiben zu bewegen, doch der Demokrat war nicht aufzuhalten. Wollten die Amerikaner dauerhaft so einen Partner um jeden Preis stützen? Immerhin kostet Amerikas Steuerzahler jeder neue Soldat in Afghanistan rund eine Million Dollar. Biden ließ Obama seine Zweifel wissen. Aber der Präsident wollte zunächst sein Wahlkampfversprechen einlösen, das Engagement in Afghanistan zu verstärken. Im März schickte er über 21.000 weitere US-Soldaten, wie auch von Außenministerin Hillary Clinton gefordert. Er versprach seinem Vize, nach der Präsidentschaftswahl in Kabul im August neu nachzudenken.
Biden ließ nicht locker. Er verfasste ein Positionspapier, das statt mehr Truppen die Terrorbekämpfung und das Training afghanischer Sicherheitskräfte hervorhebt. Er meldete sich auch in Arbeitstreffen immer wieder zu Wort. "Time" schildert, wie Biden bei einem Treffen mit Obama und Top-Beratern eine Frage hat. Wie viel Amerika derzeit ausgebe für Afghanistan? 65 Milliarden Dollar. Und für Pakistan? 2,25 Milliarden Dollar. Der Vize: "Al Qaida ist fast nur in Pakistan, das Land hat Atomwaffen. Und dennoch geben wir 30-mal mehr in Afghanistan aus als für Pakistan. Ergibt das strategisch Sinn?" Da sei es ganz still im Raum geworden.
Dass Biden so eine starke Rolle spielen würde, war in der Anfangszeit der Regierung nicht unbedingt zu erwarten. Im Senat hatte der Veteran seinen Parteifreund eher als jungen Aufsteiger empfunden. Als Kandidat im Vorwahlkampf der Demokraten, aus dem er früh ausschied, spottete Biden über Obamas fehlende Erfahrung.
Der entschied sich dennoch für ihn als Vize - aus Pragmatismus, um die weiße Arbeiterklasse zu umwerben. Biden warf sich in den Wahlkampf, aber seine Neigung zu unvorsichtigen Bemerkungen entnervten Obamas diszipliniertes Team. Selbst der Präsident machte zu Beginn seiner Amtszeit Scherze darüber. "Wenig überraschend weiß auch ich nicht, was Joe wieder genau meinte", scherzte Obama über dessen Äußerung, der Wirtschaftsplan der Regierung könne scheitern. Die öffentliche Zurechtweisung ging Biden zu weit, Obama musste sich beim Mittagessen entschuldigen.
"Chef-Hinterfrager" in Obamas Team
Seither scheint sich die Beziehung eingespielt zu haben, auch weil sich Biden disziplinierter gibt. Er hat sich auf Auslandsreisen bewährt, das Irak-Portfolio übernommen. Zugute kommt ihm seine enge Beziehung zu Sicherheitsberater James Jones, der ebenfalls als Skeptiker einer Truppenerhöhung gilt. Im SPIEGEL-Gespräch sagte Jones: "Wir könnten 200.000 Truppen dort im Einsatz haben, und das Land wird sie aufsaugen, wie es das in der Vergangenheit schon getan hat." Der Sicherheitsberater spricht täglich mit Biden.
Insider glauben, dass Bidens Skepsis den Afghanistan-Kurs besser gemacht hat, weil sie die Ziele des Einsatzes ins Blickfeld rückte. Der Vize sagt der "New York Times": "Wenn man in ein Land kommt mit 85 Prozent Analphabetismus, so gut wie ohne Erfahrung mit modernen Regierungsformen, sollte man das mit großer Demut tun. Und man sollte verdammt noch mal eine möglichst klare Vorstellung von seinen Zielen haben."
Ob er sich wirklich durchgesetzt hat, wird erst Obamas Ansprache zeigen. Übernimmt der Präsident Bidens Vorschlag, die neue Strategie über einen kürzeren Zeitraum in belebten Regionen zu überprüfen? Wird er die Bedeutung von Fortschritten in Pakistan hervorheben?
Doch gelungen ist Biden wohl schon eine Rollenaufwertung. "Chef-Hinterfrager" nennt der einflussreiche US-Kolumnist David Ignatius nun Obamas Vize. Der sonst so langatmige Demokrat, wird berichtet, könnte seinen größten Einfluss mit einer einfachen Frage erreicht haben - gerichtet an Top-Militärs und Berater im Weißen Haus, die noch mehr Truppen in Afghanistan als Allheilmittel präsentieren: "Was ist, wenn es nicht klappt?"
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