Obamas Wahlsieg "Amerika hat sich neu erfunden"

Politiker, Popstar, Präsident: Die Welt wartet gespannt auf Obamas Amtseinführung. William Drozdiak vom "American Council of Germany" spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über das deutsch-amerikanische Verhältnis, die künftige Außenpolitik der USA - und eine berechtigte Euphorie.


SPIEGEL ONLINE: Ganz Europa hat auf Obamas Wahlsieg begeistert reagiert. Übertreiben die Europäer?

Barack Obama (in Berlin): "Europa ist Anti-Bush"
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Barack Obama (in Berlin): "Europa ist Anti-Bush"

William Drozdiak: Joschka Fischer rief mich an und schwärmte von der amerikanischen Fähigkeit, sich immer neu zu erfinden. Ich habe viele solcher Anrufe bekommen. Aber die Europäer haben doch Recht: Wer hätte gedacht, dass wir George W. Bush durch einen Präsidenten wie Obama ersetzen?

SPIEGEL ONLINE: Doch wird die Begeisterung nicht abkühlen, sobald sich herausstellt, dass Obama nicht Präsident der ganzen Welt ist - sondern der USA?

Drozdiak: Im Gegenteil. Gerade freuen sich die Europäer nur über die Verheißung einer Obama-Regierung. Die Beziehungen sollten noch besser werden, wenn dessen Team Multilateralismus wieder wirklich ernst nimmt - und etwa beim Klimaschutz mit gutem Beispiel vorangeht.

SPIEGEL ONLINE: Aber Amerikas Wähler haben Obama gewählt, um ihre Wirtschaft zu reparieren. Nicht das Weltklima.

Drozdiak: Klar, die Wirtschaftkrise wird seine Top-Priorität sein. Obamas Leute arbeiten schon im US-Finanzministerium an Lösungsplänen. Aber ich erwarte, dass Obama am Tag seiner Amtseinführung einen Erlass unterschreiben wird, der Folter ächtet. Dass er rasch das Problem Guantanamo angeht. Dass der demokratische Kongress dem Internationalen Gerichtshof beitreten will. Das wird transatlantischen Beziehungen enorm helfen. Und eine Klima-Initiative wird rasch folgen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell würde Präsident Obama mehr deutsche Truppen im Süden Afghanistans fordern?

Drozdiak: Wir brauchen mehr Truppen dort. Obama ist aber auch klar, wie schwierig es für Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier ist, in einem Wahljahr Soldaten zu senden. Ich denke, er wird ihnen sagen, dass ein "Leader" manchmal einfach das Richtige tun muss - selbst wenn nur 20 Prozent der Bevölkerung dafür sind.

SPIEGEL ONLINE: Gehört dazu auch mehr europäische Hilfe im Irak?

Drozdiak: Es ist schwer, die Europäer um mehr Soldaten für Irak zu bitten. Obama könnte eine Regionalkonferenz einberufen, die zu einer Bereitstellung von Uno-Schutztruppen führt - dabei könnten die Europäer sich einbringen. Aber der amerikanische Schwerpunkt wird Afghanistan sein.

SPIEGEL ONLINE: Andere außenpolitische Herausforderungen drohen. Russlands Präsident Dimitri Medwedew hat am Tag nach Obamas Wahlsieg in Aussicht gestellt, Raketen nahe Polen zu stationieren. Als Reaktion auf die amerikanischen Raketenabwehrpläne.

Drozdiak: Das war unglaublich dumm von ihm. Obama arbeitet an einer neuen Russland-Politik - samt Überprüfung der US-Raketenabwehrpläne und mehr Kooperation bei Abrüstungsfragen. Doch solche Bemerkungen machen das für ihn viel schwieriger. Die Republikaner könnten Obama als "schwach" zeichnen, nur weil er darüber nachdenkt.

SPIEGEL ONLINE: Im Wahlkampf haben Republikaner ihn auch als "Popstar" verspottet - weil er im Juli vor 200.000 Europäern in Berlin sprach.

Drozdiak: Der Besuch war trotzdem ein Erfolg. Man sollte nicht unterschätzen, wie stark das Bild war: So viele Europäer bei einer Rede von Barack Obama. Es unterstrich für die US-Bürger daheim: Europa ist nicht Anti-Amerika. Es ist Anti-Bush.

SPIEGEL ONLINE: Wird Präsident Obama also bald nach Berlin zurückkehren? Um diesmal am Brandenburger Tor zu sprechen?

Drozdiak: Obama wird wohl im April 2009 zum Nato-Gipfel nach Baden-Baden kommen. Aber er könnte jederzeit am Brandenburger Tor sprechen - er müsste sich nicht verstecken wie Präsident Bush.

Interview: Gregor Peter Schmitz



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