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Obduktionsbericht: Gaddafi starb durch Kopfschuss

Ein Gerichtsmediziner bestätigt, dass Libyens Ex-Diktator Gaddafi durch eine Kugel im Kopf getötet wurde. Auch über die letzten Stunden des Herrschers gibt es neue Details - demnach beklagte er sich in Sirt vor allem über den abgeschalteten Strom.

Video von Gaddafi-Festnahme: Wer erschoss den Diktator? Zur Großansicht
REUTERS/ Libyan TV

Video von Gaddafi-Festnahme: Wer erschoss den Diktator?

Tripolis - Entgegen früheren Ankündigungen ist der Leichnam des getöteten libyschen Machthabers doch obduziert worden. Das Ergebnis: Gaddafi wurde durch einen Kopfschuss getötet. Auch im Bauch habe eine Kugel gesteckt. Ein Sprecher des Militärrats von Misurata teilte am Sonntag mit, die Autopsie sei am Morgen vorgenommen worden. Ursprünglich sei das nicht vorgesehen gewesen, sagte Fathi Baschaga der Nachrichtenagentur AFP. "Aber Tripolis hat uns darum gebeten und wir wollen die Dinge korrekt machen", fügte er hinzu.

Widersprüchliche Angaben des Militärs hatten international die Frage aufgeworfen, ob der 69-Jährige bei einem Feuergefecht gestorben oder exekutiert worden war. Auch drei Tage nach seinem Tod war Gaddafis Leichnam noch nicht beigesetzt, sondern halb bekleidet in einem Kühlhaus in Misurata zur Schau gestellt worden. Jetzt soll der Körper nach dem Willen der neuen Führung des Landes Gaddafis Familienangehörigen übergeben werden.

Gaddafi war am Donnerstag bei der Eroberung seiner Heimatstadt Sirt festgenommen worden. Aufnahmen zeigten ihn verletzt, aber lebendig. Wer den tödlichen Schuss auf ihn abgab, ist weiter unklar. Der Arzt Othman al Sintani sagte am Sonntag, er werde einen vollständigen Bericht an die Staatsanwaltschaft übergeben, auch die Uno solle die Todesursachen untersuchen. Die Leiche von Gaddafis Sohn Mutassim wurde ebenfalls obduziert. Er war am Donnerstag wie sein Vater in Sirt, der Heimatstadt der Gaddafis, getötet worden.

"Jetzt ist es vorbei"

Die meisten Libyer sind an den Todesumständen Gaddafis, der 42 Jahre lang an der Macht war, wenig interessiert, sondern vor allem erleichtert über dessen Tod: Ein Gerichtsprozess hätte doch nur für Chaos gesorgt, erklärte ein Einwohner der Hauptstadt Tripolis. "Jetzt ist es vorbei."

Nach monatelangem Bürgerkrieg wird das Land nun für befreit erklärt. Tausende Menschen versammelten sich am Sonntag in Bengasi, wo der Vorsitzende des Übergangsrats, Mustafa Abd al-Dschalil, am Nachmittag die vollständige Befreiung seines Landes verkünden wollte. Binnen eines Monats soll eine neue Übergangsregierung gebildet und innerhalb von acht Monaten sollen erste Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung abgehalten werden.

Ein enger Mitarbeiter Gaddafis schilderte am Sonntag in Interviews, wie der einstige Machthaber seine letzten Tage verbrachte. Er las viel im Koran, aß Nudeln, die seine Helfer aus verlassenen Häusern herbeischafften und beschwerte sich, dass es in der zerschossenen Stadt Sirt keinen Strom gab. Der einstige Machthaber habe nie verstanden, warum sich die Libyer gegen ihn erhoben hätten, sagte Mansur Dhao Ibrahim in einem Interview der "New York Times".

Gaddafi war diesen Angaben zufolge bis zum Schluss immer bewaffnet gewesen, habe aber nie einen Schuss abgefeuert. Kontakt zur Außenwelt habe er zum Schluss nur über sein Satellitentelefon gehabt, mit dem er TV- oder Radiosender anrief. Immer wieder habe Gaddafi in der verwüsteten Stadt, in der er häufig die Häuser wechselte, geklagt: "Warum gibt es keinen Strom? Warum gibt es kein Wasser?"

In einem anderen Interview habe Mansur Dhao Ibrahim geschildert, wie die letzten Getreuen am vergangenen Donnerstag versucht hätten, die Stadt in einem Konvoi zu verlassen. Gaddafi habe in einem Toyota Land Cruiser gesessen und während der Fahrt wenig gesagt. Nach etwa einer halben Stunde hätten Nato-Kampfflugzeuge den Konvoi ausgemacht und beschossen, schildert der Gaddafi-Vertraute die Ereignisse. Er sei getroffen und verwundet worden. Zusammen mit Gaddafi habe er dann zunächst versucht, eine Farm zu erreichen, dann eine größere Straße und schließlich die Abwasserrohre, in denen Gaddafi später gefunden wurde. Er selbst sei dann erneut getroffen worden und ohnmächtig geworden. Erst im Krankenhaus sei er wieder aufgewacht.

hei/dAPD/AFP/dpa/Reuters

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1. M.a.W.:.
sp-onlooker 23.10.2011
Zitat von sysopEin Gerichtsmediziner bestätigt, dass Libyens Ex-Diktator Gaddafi durch eine Kugel im Kopf getötet wurde. Auch über die letzten Stunden des Herrschers gibt es neue Details - demnach*beklagte er sich in Sirte vor allem über*den abgeschalteten Strom. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793477,00.html
Er wurde wie z.B. pöse, pöse Regime-Gegner nicht gefoltert.
2.
Heinz-und-Kunz 23.10.2011
Zitat von sysopEin Gerichtsmediziner bestätigt, dass Libyens Ex-Diktator Gaddafi durch eine Kugel im Kopf getötet wurde. Auch über die letzten Stunden des Herrschers gibt es neue Details - demnach*beklagte er sich in Sirte vor allem über*den abgeschalteten Strom. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793477,00.html
Das haben ausländische Medien schon vor Tagen berichtet. Es soll sogar Videos von seiner standrechtlichen Erschiessung im Internet geben. Man wundert sich, warum die dt. Medien so zurückhaltend waren? Passt das nicht ins Bild der edlen Rebellen?
3. Wirklich?
!!# 23.10.2011
Zitat von sysopEin Gerichtsmediziner bestätigt, dass Libyens Ex-Diktator Gaddafi durch eine Kugel im Kopf getötet wurde. Auch über die letzten Stunden des Herrschers gibt es neue Details - demnach*beklagte er sich in Sirte vor allem über*den abgeschalteten Strom. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,793477,00.html
Im Internet kursieren zahlreiche Fotos und Videos, die das Gegenteil beweisen. Dieses Material wirft einen dicken Schatten über die Glaubwürdigkeit des neuesten Obduktionsberichts. In einem Video habe ich persönlich gesehen und gehört, wie Gaddafi von seinen Peinigern gefoltert und misshandelt wird. Er fleht sie an um sein Leben und sagt mehrmals auf Arabisch حرام‎ (dies ist verboten). In einem anderem Video habe ich gesehen, wie Gaddafi auf dem Boden liegt, und seine Peiniger seinen Kopf mit den Füssen treten. Scheinbar alles Auslegungsache...
4. Soso,....
HolyGhost 23.10.2011
..."Tausende Menschen versammelten sich in Bengasi, wo die Befreiung Libyens verkündet wurde" ? Da hätte ich aber mehr erwartet. Der Tyrann ist tot und Libyen frei und bis auf ein paar Tausend Leute kein Freudentaumel auf den Strassen ? Nichts davon in Tripolis ? Irgendwie komisch.
5. .
Haio Forler 23.10.2011
Zitat von Heinz-und-KunzDas haben ausländische Medien schon vor Tagen berichtet. Es soll sogar Videos von seiner standrechtlichen Erschiessung im Internet geben. Man wundert sich, warum die dt. Medien so zurückhaltend waren? Passt das nicht ins Bild der edlen Rebellen?
Nö. Weils einfach wurscht ist. Daß da andere Gesetze herrschen als in Essen-Altenessen, ist jedem klar. Aber wegen dieser Einzeltat werdern die Revolutionäre/Aufständischen nicht unglaubwürdig. Unglaubwürdig werden sie wegen etwas anderem: sollten sie so dumm sein, die Islamisten ans Ruder zu lassen. Denn: Wer gegen einen bestimmten Diktator haßt, muß noch lange kein Demokrat sein!
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