Oberster Gerichtshof zu Dschenin Israelische Armee muss Leichen herausgeben

Der Oberste Gerichtshof Israels verpflichtet die Armee, die Leichen der Opfer im Flüchtlingslager Dschenin an die Palästinenser zu übergeben. Vertreter des Roten Kreuzes sollen die Armee bei der Suche begleiten.


Dschenin: Was ist mit den Toten?
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Dschenin: Was ist mit den Toten?

Jerusalem - Das entschied das höchste israelische Gericht am Sonntag nach einer Anhörung über eine von der israelischen Opposition geforderte Untersuchung der Kämpfe im palästinensischen Flüchtlingslager.

Rotkreuz-Vertreter sollen nach der Entscheidung des Gerichts israelische Armeeeinheiten bei der Suche und Identifizierung nach den Leichen begleiten. Sollte der örtliche Militärkommandant zustimmen, dürfen auch Vertreter des palästinensischen Halbmondes daran teilnehmen.

"Es ist die Haltung der Beklagten (der Armee), dass die Beisetzung von den palästinensischen Behörden schnell durchgeführt wird", hieß es in der Entscheidung des Gerichts. Sollten die Palästinenser dies aber verzögern, könne die Armee "die Leichen einer sofortigen Beisetzung" zuführen, hieß es weiter. Militäranwalt Malkiel Blass erklärte, die Armee sei mit dieser Regelung zufrieden.

Auch Mohamed Barakeh, einer der arabisch-israelischen Rechtsanwälte, begrüßte die Entscheidung. Er sprach von einem positiven Signal. Die Armee hatte vergangene Woche angekündigt, sie würde die Leichen von Kämpfern in nicht gekennzeichneten Gräbern auf einem nördlichen Friedhof von Dschenin begraben.

Palästinensische Quellen hatten daraufhin der israelischen Armee vorgehalten, sie wolle ein von ihr verübtes Massaker bei der Eroberung von Dschenin verschleiern. Das war wiederholt von israelischer Seite vehement dementiert worden.

Am Samstag hatte das Gericht die israelischen Streitkräfte angewiesen, die Leichen der während der Kämpfe in Dschenin getöteten Palästinenser nicht zu beseitigen, bevor dazu nicht eine gerichtliche Anhörung stattgefunden hat.

Die Entscheidung erfolgte, nachdem arabische Israelis, unter anderem ein Abgeordneter der Knesseth, eine Eingabe vor Gericht gemacht hatten.

Die Meldungen aus dem für die Öffentlichkeit weiterhin abgesperrten Dschenin sind nach wie vor widersprüchlich. Während die israelische Tageszeitung "Haaretz" am Samstag anonyme Armeesprecher zitierte, wonach weiterhin 100 bis 200 Leichen auf den Straßen lägen, sprach Israels Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer am Sonntag von lediglich einigen Dutzend getöteten Kämpfern. Seinen Angaben zufolge fand die Armee am Freitag 26 Leichen von Palästinensern, davon seien 23 bewaffnet gewesen. Im Gegensatz zu palästinensischen Darstellungen seien keine Leichen verscharrt worden, heißt es in einer Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums.

Das Gericht hatte am Samstag zudem von der Staatsanwaltschaft verlangt, sie solle Vorwürfen von palästinensischer Seite nachgehen, wonach die israelische Armee die Spuren ihres Einsatzes zu verschleiern versuche und die Leichen in einem großen Massengrab in Dschenin mit Hilfe von Bulldozern begraben haben soll. Die israelische Armee bestreitet den Vorgang. Die Leichen getöteter palästinensischer Zivilisten würden in die Krankenhäuser von Dschenin verbracht, dort untersucht und anschließend begraben, berichtete am Samstag die Tageszeitung "Haaretz".

Nach Schätzungen israelischer Truppen sind laut "Haaretz" noch 100 bis 200 Leichen in dem Flüchtlingscamp. Palästinensischen Quellen zufolge sollen bei den mehrtägigen Kämpfen in den engen Gassen der Stadt rund 500 Menschen getötet worden sein. Die israelische Armee bezifferte die Zahl ihrer in Dschenin getöteten Soldaten bislang auf 22.

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