Ökologische Folgen des Libanon-Kriegs "Es geht um die Lebensgrundlagen"

Eine gigantische Ölpest, Geschosse mit abgereichertem Uran: Der Krieg im Libanon birgt auch zahlreiche Gefahren für die Umwelt. Achim Steiner, Exekutivdirektor des Uno-Umweltprogramms Unep, fordert einen sofortigen Waffenstillstand, um Hilfe zu ermöglichen.


SPIEGEL ONLINE: Nach der Bombardierung von Öltanks an der Küste in Beirut durch die israelische Luftwaffe trifft den Libanon auf rund 100 Kilometern Küstenlänge seine bisher schwerste Ölpest. Schauen Sie tatenlos zu?

Achim Steiner: Das Ausmaß der Zerstörung ist enorm
REUTERS

Achim Steiner: Das Ausmaß der Zerstörung ist enorm

Steiner: Keineswegs. Wir haben über die Auswertung von Satellitenaufnahmen eine erste Bestandsaufnahme ermöglicht. Die Uno arbeitet eng mit der EU an der Bereitstellung von Fachleuten und Spezialschiffen zur Ölpest-Bekämpfung unterstützen, wie sie etwa in Cuxhaven stationiert sind. Dazu muss allerdings der von Uno-Generalsekretär Kofi Annan geforderte Waffenstillstand her – drei Wochen schwimmt der Ölteppich bereits auf dem Mittelmeer ohne dass wir eingreifen können.

SPIEGEL ONLINE: Derweil sinkt das giftige Schweröl auf den Meeresboden, sind die Fischgründe zerstört und die Strände verseucht.

Steiner: Das ist eine der Tragödien dieses Krieges, dass das Land ökonomisch und ökologisch wieder um Jahre zurück geworfen wird. Das wahre Ausmaß wird erst deutlich werden, wenn die Kampfhandlungen vorüber sind.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie?

Steiner: Das Ausmaß der Zerstörung ist enorm und betrifft auch Industriegebiete in denen möglicherweise giftige Stoffe ausgetreten sind. Zudem ist die Trinkwassversorgung unterbrochen. Wie in jedem Konflikt könnte es auch im Libanon Umweltflüchtlinge geben.

SPIEGEL ONLINE: Die bunkerbrechenden Geschosse, die von den Israelis verschossen werden, enthalten nach Informationen von Militärexperten auch abgereichertes Uran. Ein Risiko für die Umwelt?

Steiner: Wie nach dem Irak-Krieg wird sich herausstellen, ob die Uno einen Auftrag erhält dieses Risiko für Mensch und Umwelt zu untersuchen. Dies alles verdeutlicht, dass es hier eben nicht nur um die Schildkröten an den Küsten geht, sondern um die Lebensgrundlagen einer ganzen Region.

Das Interview führte Sebastian Knauer



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