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Niedriger Ölpreis: Fracking ist gut für die Menschenrechte

Ein Kommentar von

Schluss mit Luxus, und für Waffen und den Sicherheitsapparat ist auch kein Geld mehr da: Der niedrige Ölpreis könnte einige der schlimmsten Despoten aus ihren Palästen vertreiben. Gut so.

Günstiger Dieselpreis: Gut für die Menschen, schlecht für Diktatoren? Zur Großansicht
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Günstiger Dieselpreis: Gut für die Menschen, schlecht für Diktatoren?

Im Herrscherhaus von Saudi-Arabien regiert neuerdings die Angst. Scheich Salman Bin Abdul Aziz Al Saud muss befürchten, dass ihm demnächst das Geld für Luxusjachten, Vielweiberei und Panzerlieferungen ausgeht. Das liegt nicht etwa daran, dass ihm seine wichtigsten Handelspartner wie die Bundesrepublik Deutschland wegen zahlreicher Hinrichtungen endlich die Freundschaft gekündigt hätten. Nein, von dieser Seite droht keine Gefahr. Der Grund ist der niedrige Ölpreis. Bei weniger als 30 Dollar pro Fass hat auch der staatliche Ölkonzern von Saudi-Arabien Probleme, seine Förderkosten einzuspielen. Die Haushaltsplanung des Scheichs gerät ins Rutschen, doch es gibt allein mehr als 7000 Prinzen, die es gewohnt sind, dass der Staat sie verwöhnt. Der Herrscher denkt deshalb sogar darüber nach, einen Teil seines Ölkonzerns zu verkaufen, um an Geld zu kommen.

Dass die Kopf-ab-Saudis unter Druck geraten, ist die schönste Begleiterscheinung des weltweiten Öl-Preisverfalls - zu dem wesentlich auch der Fracking-Boom beiträgt. Klimaschützer klagen zu Recht darüber, dass der niedrige Ölpreis zur Verschwendung fossiler Brennstoffe einlädt. Das ist die Schattenseite des Billigöls, und es wäre falsch, sie zu übersehen. Doch wer auch den Schutz der Menschenrechte achtet, darf sich von Herzen über die Entwicklung freuen.

Fracking hilft dabei mit, das Geschäftsmodell fragwürdiger Öl- und Gas-Potentaten auf der ganzen Welt zu zertrümmern. Wer nicht mehr in der Lage ist, sein auf Unterdrückung und Günstlingswirtschaft gestütztes Regime zu finanzieren, könnte bald aus seinem Palast vertrieben werden.

Kasachstans Nursultan Nasarbajew hat bereits Probleme, seinen Staats- und Militärapparat bei Laune zu halten; der Wert der Landeswährung ist abgestürzt. In Aserbaidschan kommt es zu den ersten größeren Demonstrationen gegen den autoritären Herrscher Ilcham Alijew, seit dieser seinen Vater beerben durfte. Auch der sogenannte "Islamische Staat", der seinen Terrorkampf auch damit finanziert, dass er Erdöl aus den eroberten Fördergebieten in Syrien und im Irak verkauft, muss sparen.

Der Ressourcenfluch der Unterdrückerstaaten

Einige Kommentatoren warnen, der niedrige Ölpreis werde zu einer "Destabilisierung" von ohnehin gefährlichen Regionen führen. Europa stehe dann eine weitere Fluchtwelle bevor, so die Sorge, ähnlich wie aus Libyen seit dem Ende des Gaddafi-Regimes. Doch hinter diesem geostrategischen Argument steht blanker Zynismus. Kein Unterdrückungsstaat verdient es, gelobt und verteidigt zu werden, weil er mit brutalen Mitteln für Friedhofsruhe sorgt.

Es fällt auf, dass Rohstoffreichtum eines Landes nicht automatisch dazu führt, dass es der Bevölkerung gut geht. Im Gegenteil. Entwicklungsökonomen sprechen vom "Ressourcenfluch", weil diese Länder überdurchschnittlich oft von Kleptokraten regiert, von korrupten Bürokraten verwaltet und von Bürgerkriegen zerrissen werden. Nigeria, Tschad, Sudan und lange Zeit auch Myanmar belegen die Theorie auf schreckliche Weise.

Der Preisverfall beim Öl könnte einigen Ländern dabei helfen, sich vom Ressourcenfluch zu befreien. Erst einmal bräche womöglich Chaos aus. Doch auf die Diktatur könnte ein anderes, besseres Herrschaftssystem folgen. In Venezuela ist der Anfang bereits gemacht. Die irren Freibier-Sozialisten um den Chavez-Erben Nicolás Maduro hat es bei der jüngsten Wahl schon fast aus dem Amt gewuppt, obwohl sie die Opposition nach Kräften unterdrückt und die Meinungsfreiheit eingeschränkt hatten.

Auf längere Sicht ist jedes Petro-Regime dem Untergang geweiht. Das Öl-Zeitalter geht zu Ende. Die Nachfrage in Europa, den USA und Japan ist bereits rückläufig. Je früher sich die Menschen in den betroffenen Ländern darauf einstellen, dass sie ihr Geld auf andere Weise verdienen, desto besser.

Zum Autor
Alexander Neubacher ist Reporter im Hauptstadtbüro des SPIEGEL in Berlin.

E-Mail: Alexander.Neubacher@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 126 Beiträge
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1. Zustimmung zu Ihrem Artikel
rainbow-warrior999 22.01.2016
...bis auf die Aussage mit "Fracking". Da sehe ich einen "Schönheitsfehler". Fracking ist nämlich in letzter Konsequenz genauso ein Übergriff auf die Erde bzw. ein Eingriff in Menschen-und Lebensrechte wie das, was das Kopf-ab-Regime in Saudi-Arabien macht. Oder wie TTIP/CETA , das Politiker den Menschen einfach so überstülpen wollen. Wird natürlich alles als "Fortschritt" und "Wohlstand" verkauft. Fragt sich nur. für wen ? Qui bono...?
2. Ressourcenfluch
sag-geschwind 22.01.2016
Ach wie süüüüüß naiv! Der Fluch lässt sich sehr leicht erklären, da Länder mit Ressourcen beliebtes Ziel von Regime-Changes sind, bis das passende Regime für den Changer installiert ist. Klar leiden da die Menschenrechte. Übrigens, der geringe Ölpreis nutzt der despotischsten Nation des Planeten sogar überdurchnittlich!
3. Ach, wenn es so einfach wäre...
algarvia 22.01.2016
... Despoten zu vertreiben, um die Demokratie, oder bescheidener, auch nur ein besseres Regime aufblühen zu lassen! Und welche ökonomischen Alternativen haben denn Länder, die mitten im Wüstensand durch Erdöl reich geworden sind? Ja, Nigeria, Angola und Venezuela können ihre Wirtschaft diversifizieren. Hier gibt es auch Chancen auf eine bessere politische Lösung. Aber auf Sand lässt sich keine Alternative bauen. Wenn ich die Sache mit dem zu niedrigen Preis für Erdöl recht verstehe, liegt es vor allem daran, dass Saudi Arabien grundsätzlich die Fördermenge nicht runterfahren will. Ehe es den Prinzen an den Kragen geht, werden sie sich schon noch mit den Ayatollas einigen und OPEC wieder auferstehen lassen.
4. ist ineressant
an-i 22.01.2016
bei steigendem Ölpreis steigt auch der Gaspreis, bei bodenlosen Absturz des Ölpreises, steigt der Gaspreis trotzdem...verstehe die Marktwirtschaft
5. Und dann?
hortius 22.01.2016
Herr Neubacher, entschuldigen Sie, aber das ist gedacht von der Tapete bis zur Wand. Allein zu glauben dass nach einem Despoten ein besseres Herrschaftssystem entsteht, ignoriert alle Gegebenheiten der letzten Jahre.
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