Wahl in Österreich Wer wird Kanzler?

Ein hilfloser Vorzeige-Sozi, ein konservativer Youngster und ein Rechtspopulist mit Nazi-Kontakten: Am Sonntag entscheidet sich, wer Österreich künftig regiert. Die Kanzlerkandidaten im Porträt.

Österreichs Kanzlerkandidaten Christian Kern, Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache (v.l.n.r.)
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Österreichs Kanzlerkandidaten Christian Kern, Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache (v.l.n.r.)

Von , Wien


Österreich wird, so viel steht bereits vor der Wahl fest, auch künftig von einem Mann regiert - und sehr wahrscheinlich steht er einer bürgerlich-rechtspopulistischen Koalition aus ÖVP und FPÖ vor. Unwahrscheinlicher, aber rechnerisch möglich ist ein Bündnis aus sozialdemokratischer SPÖ und FPÖ - oder eine Neuauflage der großen Koalition. Wer sind die Männer, die Chancen auf die Kanzlerschaft haben?

Christian Kern
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Christian Kern

Christian Kern, 51, war für die SPÖ so etwas wie der personifizierte Neustart: Am 17. Mai 2016 löste er den selbst in der eigenen Partei in die Kritik geratenen Werner Faymann als Bundeskanzler der Republik Österreich ab und wurde einen Monat später auch Parteichef. Ein Ruck ging nicht nur durch die SPÖ, sondern durch das ganze Land.

Bis dahin hatte er als Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) das menschliche Österreich verkörpert, jenes Land, in dem Flüchtlinge kostenlos Zug fahren durften und von Tausenden von Menschen an den Bahnhöfen willkommen geheißen wurden. Obwohl er Jahre zuvor bereits unter anderem als SPÖ-Pressesprecher gearbeitet hatte, galt Kern bei seinem Amtsantritt als politischer Quereinsteiger.

Mit seiner Bilderbuchkarriere, der Tatsache, dass er mit 22 Jahren als Student Vater wurde und seinen Sohn einige Jahre allein aufzog, sowie seinem sorgsamen Auftreten in maßgeschneiderten Anzügen ist er ein Vorzeige-Sozi: einer, der es als Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs aus dem Wiener Arbeiterbezirk Simmering über ein Studium der Kommunikationswissenschaft, mit harter Arbeit und Fleiß nach ganz oben geschafft hat.

Kern wirkt jugendlich und modern, vertritt zugleich aber auch alte sozialdemokratische Werte. Gelegentlich schreckt er vor populistischen Forderungen wie dem Ende der EU-Verhandlungen mit der Türkei nicht zurück. Die Kehrtwende seines Vorgängers in der Flüchtlingspolitik vom offenen Österreich zum Land der geschlossenen Grenzen hat er nicht rückgängig gemacht.

Kern versprühte anfangs auch als Kanzler Optimismus, und die Sozialdemokraten hofften, mit ihm die eigentlich für 2018 geplante Wahl zu gewinnen. Doch dann zerbrach die Große Koalition, Neuwahlen wurden angesetzt - und im Wahlkampf stolperte die SPÖ von einer Panne zur nächsten Peinlichkeit, oft wohl ohne Wissen des Kanzlers, aber der wirkte dadurch umso hilfloser. Zuletzt wurde bekannt, dass aus dem Umfeld der SPÖ gefälschte Facebook-Seiten betrieben wurden, um dem politischen Gegner zu schaden. Umfragen zufolge liegt die SPÖ nur noch auf dem dritten Platz - die Chancen, dass Kern weiterhin Kanzler bleibt, sind nicht die größten.

Sebastian Kurz
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Sebastian Kurz

Sebastian Kurz ist, was seine Umfragewerte angeht, der wohl chancenreichste Kandidat in diesem Rennen. Und das ist in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung. Der ÖVP-Kandidat ist, erstens, sehr jung, erst 31 Jahre alt. Auch wenn seine Gegner ihm Unreife vorhalten, dürfte das weniger ein Problem sein, denn Kurz war schon mit 24 Jahren Staatssekretär und mit 27 Außenminister - beide Male wurde er belächelt, beide Male füllte er seine Ämter aber aus.

Zweitens hat er es innerhalb kürzester Zeit geschafft, die FPÖ in den meisten Umfragen vom ersten Platz zu verdrängen und sich als neuen Hoffnungsträger für Österreich zu etablieren. Und das, drittens, mit rechtspopulistischen Inhalten, die er einfach von der FPÖ kopiert hat. Und, viertens, vollbrachte er das Kunststück, die konservative ÖVP, die immerhin seit 1987 ununterbrochen in Österreich mitregiert, als junge, frische, neue Kraft zu verkaufen.

Dafür verpasste er ihr eine frische Hülle, nennt sie nur "Neue ÖVP" und spricht statt von der "Partei" lieber von einer "Bewegung". Dass er die Machtübernahme in der Partei wie auch seine Kanzlerkandidatur akribisch vorbereitet hat, geht aus einer Fülle von Dokumenten hervor, die in den vergangenen Wochen diversen Medien zugespielt wurden. Das Dossier zeichnet das Bild eines zielstrebigen Jungpolitikers, der alles seiner Karriere unterordnet. Ob es sich tatsächlich um interne Papiere aus der Partei handelt, ist unklar - Kurz und seine Mitarbeiter jedenfalls dementieren.

Freunde beschreiben Kurz, der als Sohn einer Lehrerin und eines Technikers in Wien aufwuchs und sein Jurastudium zugunsten der Politik abbrach, als freundlich und guten Zuhörer. Seine Gegner sagen, er umgebe sich nur mit seinen Buberln, die er schon aus der Jugendorganisation der ÖVP kenne. In Gesprächen gibt er sich weltoffen und liberal. Gleichzeitig wirbt er damit, die Schließung der Balkanroute mitverantwortet und die Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik als Außenminister mitgetragen zu haben.

In Interviews weicht Kurz kaum von der vorgegebenen Linie ab, macht entsprechend wenig Fehler, wirkt dafür aber glatt. Um sein Image zu verbessern, stimmte er spät im Wahlkampf der Veröffentlichung eines Bildes von sich mit seiner Freundin zu, die bis dahin eher im Hintergrund geblieben war. Außerdem ließ er einen Film zu, der ihn mit seiner Oma auf dem Bauernhof in Niederösterreich und im Waldviertel Fahrrad fahrend mit seinem Vater zeigt. In Wien veranstaltete er in der Stadthalle einen Auftritt im US-Wahlkampf-Stil: die große Sebastian-Kurz-Show mit 10.000 jubelnden Fans.

Heinz-Christian Strache
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Heinz-Christian Strache

Heinz-Christian Strache, von seinen Fans "HC" genannt, ist zwar erst 48 Jahre alt, wirkt aber im Vergleich zu seinen beiden Herausforderern - der eine ein jung wirkender Quereinsteiger, der andere ein tatsächlich junger Politiker - wie das älteste Ross im Rennen. Tatsächlich ist der politische Ziehsohn des weit über Österreich hinaus bekannten Rechtspopulisten Jörg Haider seit bald drei Jahrzehnten politisch aktiv, zunächst in der Wiener Lokalpolitik, seit 2005 als Parteichef der FPÖ.

Strache wurde in Wien geboren und wuchs als Sohn einer Drogistin und eines Weltenbummlers auf. Er absolvierte eine Ausbildung als Zahntechniker und verbrachte einige Zeit beim Bundesheer. Ein Geschichtsstudium brach er ab. Manchen FPÖ-Granden fiel er auf, weil er mit fremdenfeindlichen Sprüchen die Massen zu begeistern vermochte. Unter seiner Führung warb die Partei mit Slogans wie "Deutsch statt nix versteh'n" sowie "Daham statt Islam" und stieg zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die Volksparteien auf.

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Österreich vor der Wahl: Selbst Wien könnte an die FPÖ fallen

Da lag der Wunsch des gebürtigen Wieners nahe, Bundeskanzler zu werden - als erster FPÖ-Politiker überhaupt. Und lange Zeit sah es so aus, als würde dieser Wunsch Wirklichkeit. Über viele Monate führten die Rechtspopulisten in nahezu allen Umfragen. Pech für sie, dass dann plötzlich die ÖVP kam, die Inhalte eins zu eins kopierte, nur hübscher verpackte und sie damit Strache jene Wähler abjagte, die sich eigentlich genierten, die Rechtspopulisten zu wählen.

So sehr Strache und seine Parteifreunde sich zeitweise um gemäßigte Töne bemühen - sie sind Rechtspopulisten. Strache und vier seiner fünf Stellvertreter sind deutschnationale schlagende Burschenschafter. Kontakte Straches zu Rechtsextremisten sind nachgewiesen. Aber viele Wähler in Österreich blicken darüber hinweg, ebenso über die Tatsache, dass die FPÖ in zahlreiche Korruptionsskandale verwickelt ist - sie haben von den beiden alten Volksparteien SPÖ und ÖVP genug. Strache wirbt daher mit dem Spruch, eine Veränderung werde es "nur mit der FPÖ" geben.

Die Chancen, dass die FPÖ zweitstärkste Kraft wird und mit Strache den Vizekanzler stellt, sind Umfragen zufolge groß, auch der erste Platz ist noch möglich. Dann dürfte Strache die Kanzlerschaft für sich beanspruchen - auch wenn der Bundespräsident gemäß österreichischer Verfassung nicht zwangsläufig den Spitzenkandidaten der stärksten Partei mit der Regierungsbildung beauftragen muss.



insgesamt 59 Beiträge
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karldhammer 13.10.2017
1. Politikerimport aus Österreich
wird hierzulande aus nachvollziehbaren Gründen eher kritisch betrachtet, aber den Herrn Kurz, den würde ich als Bundeskanzler begrüßen. Tu felix Austria........
illimani 13.10.2017
2. Liest man in
österreichischen Medien, dann wird der nächste Kanzler wohl Kurz heißen und in einer Koalition mit der FPÖ das Regierungsgeschäft übernehmen. Selbst im Standard macht man sich kaum Hoffnungen, dass es anders kommen wird. Bei den Linken dort wird Kurz mehr als ein Macron-Verschnitt gesehen.
vincntk 13.10.2017
3. Schmutzwahlkampf-> starke Rechtspopulisten
Die Wahl und der Wahlkampf in Österreich beweisen nachdrücklich, dass es der falsche Weg der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten ist, ihre Forderungen sowie ihre polemische Art der Auseinandersetzung zu kopieren. Statt auf zum Beispiele soziale Probleme der Leute einzugehen, wird mit Geflüchteten und Muslimen ein Sündenbock gesucht. Mit einer solchen Argumentation macht vor allem Kurz den Rassismus der FPÖ salonfähig. Eine Regierung mt derart menschenfeindlichen und vorurteilsgelenkten Kräften wie der FPÖ würde Österreich erheblich schaden. Ein Wahlkampf wie dieser schadet außerdem den politischen Prozessen und der Zusammenarbeit genauso wie der politischen Auseinandersetzung und der Demokratie. Es braucht klare Kante gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, es braucht sachliche Aufklärung und Argumentation und mit diesem Hintergrund Berücksichtigung der begründeten und realen Ängste und Sorgen der Menschen. Österreich und allen voran die beiden Volksparteien sind mit ihrem schmutzigen Wahlkampf ein Musterbeispiel dafür, wie man nicht mit Rechtspopulisten umgehen sollte und wie man zu deren Erstarken beiträgt.
joG 13.10.2017
4. Persönlich verstehe ich....
....die Aufregung nicht. Alle drei Parteien sind gleichermaßen letztlich ideologisch etatistisch, sozialistisch und EUistisch. Das sind drei entscheidende Eckpunkte irrealer Politik. Da ist es nur marginal, worin sie sich unterscheiden.
tamgarun 13.10.2017
5. Strache hat gute Chancen
weil die Österreicher noch "verstrahlter" sind, als viele Deutsche. Der Rechtspopulismus hat da Tradition. Wer glaubt, dass Storch, Höcke und Co. lügen, übertreiben, hetzen, der sollte sich mal die FB-Seite von Strache ansehen - und sich die Kommentare dazu. Der Brechbeutel sollte da unbedingt bereit gehalten werden. Gegen Strache gehört Höcke schon fast zum gemäßigten Flügel. "auch wenn der Bundespräsident gemäß österreichischer Verfassung nicht zwangsläufig den Spitzenkandidaten der stärksten Partei mit der Regierungsbildung beauftragen muss." Das war das große Thema der Wahl des Bundespräsidenten, van Bellen hat stets betont, dass er keinen blauen Kanzler "angeloben" wird. Ob er dazu stehen wird, bleibt abzuwarten.
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