Analysen zu Österreich Das sind die Wähler von Hofer und Van der Bellen

Hofer oder Van der Bellen? Österreich erlebt einen Krimi bei der Wahl um das Bundespräsidentenamt. Das verraten die vorläufigen Ergebnisse über die Anhänger der Kandidaten.

Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hofer und Van der Bellen
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Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hofer und Van der Bellen

Eine Analyse von und


Erst führte knapp der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer, dann der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen - seitdem sind sie in der ORF-Hochrechnung fast gleichauf mit 50 Prozent. Zwischen den beiden Kandidaten liegen nur wenige hundert Stimmen, in der Hochrechnung sind die Briefwähler berücksichtigt.

Die Stichwahl um das Bundespräsidentenamt, eine Zitterpartie, die Österreich so noch nie erlebt hat.

Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis liegt Hofer mit 51,9 Prozent vor Van der Bellen mit 48,1 Prozent der Stimmen. Allzu aussagekräftig ist das aber nicht, da die Zahlen des Bundesministerium für Inneres die Briefwähler noch nicht berücksichtigt (Lesen Sie hier die Nachrichtenzusammenfassung).

Gewissheit wird erst das endgültige Ergebnis bringen. Das wird am Montagnachmittag oder -abend vorliegen, wenn die sogenannten Wahlkarten, also die Stimmen der Briefwähler, ausgezählt sind. Und die bergen einige Unsicherheiten für die Kandidaten. Die wichtigsten Erkenntnisse zum Wahlkrimi in Österreich:

1. Die Briefwähler entscheiden

885.437 sogenannte Wahlkarten haben die Behörden in Österreich für die Stichwahl ausgestellt. Das sind beinahe 14 Prozent der 6.382.507 Wahlberechtigten. Ein neuer Rekord, so viele Briefwahlanträge hat es in Österreich noch nie gegeben.

In der ersten Wahlrunde am 24. April votierten 12,5 Prozent der Stimmen per Wahlkarte. Damals profitierte Van der Bellen: Während er nach der Auszählung der Briefwählerstimmen 0,9 Prozentpunkte hinzugewann, sank Hofers Ergebnis um 1,3 Prozentpunkte. Deshalb vermuten Analysten, dass der von den Grünen unterstützte Kandidat Van der Bellen auch dieses Mal besonders bei den Briefwählern punkten könnte.

Die Verschiebungen sind aber schwierig einzuschätzen. Zum einen ist diese Stichwahl ein Novum, da keiner der Kandidaten von der demokratischen SPÖ und der bürgerlich-konservativ ÖVP sich für die zweite Runde qualifizieren konnte. Es gibt somit keine Vergleichsbeispiele, wie sich in solch einer Situation die Stammwähler der beiden Regierungsparteien verhalten. Den Instituten ISA und SORA zufolge, die für den ORF die Hochrechnungen erstellen, machen die Stimmen der Briefwähler in dieser Runde eine mögliche Schwankungsbreite von rund 0,7 Prozentpunkten aus.

Zum anderen wird erst am Montag klar sein, wie viele der beantragten Wahlkarten wirklich abgeschickt wurden. Die Institute ISA und SORA gehen von rund 700.000 Briefwählern aus.

2. "Hofer verhindern" - die Strategiewähler

"Den anderen Kandidaten verhindern" - das war vor allem im Lager von Van der Bellen das stärkste Wahlmotiv. In einer Nachwahlumfrage für das ORF gaben 48 Prozent seiner Anhänger an, sie wollten in erster Linie Hofer verhindern. Van der Bellen gewinnt damit Wähler der Mitte für sich, die bisher nicht Grün gewählt haben - und die einen Rechtspopulisten an der Spitze ihres Landes ablehnen. Es sind die strategischen Wähler, die nicht unbedingt von dem Grünen überzeugt sind. Denn nur 29 Prozent der Wähler begründen ihre Stimme für Van der Bellen vor allem mit einem Wahlsieg ihres Kandidaten.

Anders im Hofer-Lager: Dort erklären 39 Prozent ihre Wahlentscheidung damit, Hofer zu unterstützen - und nur 31 Prozent damit, vor allem Van der Bellen verhindern zu wollen.

Interessant sind auch weitere Daten, die ISA und SORA für das ORF ermittelt haben. Während 66 Prozent der Van-der-Bellen-Anhänger sagen, sie hätten den Kandidaten gewählt, weil er Österreich im Ausland am besten vertritt, sind es bei Hofer nur 41 Prozent, die dies als Grund für Kreuz angeben. Für sie ist am wichtigsten mit 68 Prozent, dass der FPÖ-Mann die Sorgen der Menschen versteht. Ein Motiv, das für die Wähler seines Konkurrenten mit 36 Prozent weniger bedeutend ist.

3. Van der Bellen holt die Städte, Hofer die Regionen

Wie in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl gewinnt Hofer vor allem in den ländlichen Regionen, während Van der Bellen in den Städten Wien, Graz, Linz, Salzburg, Klagenfurt und Bregenz punktet - auch die SPÖ-Hochburg St. Pölten entscheidet er für sich. In der ersten Runde hatte hier Hofer noch vorn gelegen.

4. Frauen wählen Van der Bellen, Männer Hofer

Die meisten männlichen Wähler haben sich für Hofer entschieden: 60 Prozent votieren für den Rechtspopulisten. Bei Van-der-Bellen ist das Verhältnis spiegelverkehrt: Er liegt bei den Frauen vorn, 60 Prozent wählen ihn.

Van der Bellen spricht vor allem gebildete Wähler an - 76 Prozent seiner Anhänger haben eine Matura (Abitur) oder einen höheren Abschluss. Bei Hofer sind es nur 38 Prozent, 62 Prozent seiner Sympathisanten haben keine Matura.

5. Heimspiel in der Heimat

85,1 Prozent: Kaunertal in Tirol ist Van-der-Bellen-Hochburg. Hier wuchs der Grüne auf, der Ort ist auf fast all seinen Wahlplakaten abgebildet. Die Bewohner danken es mit diesem Rekordergebnis. Sein Konkurrent Hofer holt nach Angaben des Bundesministerium für Inneres in seinem Heimatdorf Pinkafeld im Burgenland 73 Prozent. Ein guter Wert, den Hofer aber in Spiss in Tirol mit 87,5 Prozent und zwei anderen Gemeinden noch toppt. Hier sehen sie die jeweils drei stärksten Ergebnisse der beiden Kandidaten.

6. Die Österreicher gehen wieder an die Urne

Das ist die gute Nachricht: In Österreich gehen wieder mehr Menschen wählen. Den Hochrechnungen zufolge stieg bei der Stichwahl die Wahlbeteiligung auf fast 72 Prozent an. Tiefpunkt war die Abstimmung über das Präsidentenamt 2010, als nur rund 54 Prozent teilnahmen. Damals gewann SPÖ-Mann Heinz Fischer. An wen er sein Amt übergibt? Die Briefwähler werden es nun entscheiden.



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