Wahl in Österreich FPÖ-Chef Strache wirft Medien Manipulation vor

Der Chef der rechtspopulistischen FPÖ hat dem Sender ORF vorgeworfen, am Wahlabend falsche Zahlen zu verbreiten. Allerdings verschwieg Heinz-Christian Strache ein wichtiges Detail.

Heinz-Christian Strache
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Heinz-Christian Strache

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Der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei FPÖ hatte am Abend der Präsidentenwahl von Österreich zwei Kernbotschaften - und Heinz-Christian Strache wurde sie mehrfach vor der Kameras los.

Erstens, der hohe Stimmenanteil für FPÖ-Kandidat Norbert Hofer sei "ein Sieg für die Demokratie", das "verkrustete System" in Österreich sei aufgebrochen worden. Soweit, so normal für einen Politiker im akuten Konkurrenzkampf einer Wahlnacht.

Straches zweite Botschaft war: Die Medien berichten verzerrt über den Urnengang. Der öffentlich-rechtliche Österreichische Rundfunk (ORF) habe frühe Ergebnisse der Wahl falsch dargestellt, so sein Vorwurf.

"Ich kenne die offiziellen Zahlen"

Erste Hochrechnungen hatten den Rechtspopulisten Hofer mit einem hauchdünnen Vorsprung vor seinem Kontrahenten, dem Pro-Europäer Alexander Van der Bellen, gesehen. 50,2 Prozent für Hofer, 49,8 Prozent für Van der Bellen, so die Zahlen des ORF am späten Nachmittag. Sie sollten sich im Laufe des Abends ständig verändern - wie üblich bei einer knappen Wahl wieder dieser.

"Was schon interessant ist: Ich kenne die offiziellen Zahlen des Innenministeriums, und die sehen völlig anders aus, als der ORF sie präsentiert. Dort liegen wir bei 53,1 Prozent", sagte Strache daraufhin (unter anderem zu sehen im YouTube-Kanal des österreichischen "Kurier").

Eine Stunde später sagte Strache im Livestream von ORF2: "Seltsam, seltsam, dass das Innenministerium die Sache schon klarer sieht."

Zu diesem Zeitpunkt sah der ORF mal den einen, mal den anderen Kandidaten vorne - jeweils immer mit wenigen tausend Stimmen Abstand. Der Sender bekommt seine Daten von den Wahlforschungsinstituten SORA und ISA geliefert.

Stets wurde auf den Stand der Auszählungen hingewiesen, und auf die Fehlertoleranz, die Hochrechnungen mit sich bringen.

Auch die Zahlen des Innenministeriums, die Kandidat Hofer im Gegensatz zu den ORF-Daten immer leicht vorne sahen, waren für jedermann im Internet abrufbar.

Von Manipulation kann keine Rede sein

Mittlerweile steht es 50 zu 50 Prozent beim ORF, und 51,9 Prozent (Hofer) zu 48,1 Prozent (Van der Bellen) beim Innenministerium. Von Manipulation kann allerdings keine Rede sein.

Denn der Grund für die Differenz ist nicht ein angebliches Manipulationskartell der Medien. Sondern ein Unterschied in der Methodik, die von allen Quellen transparent angegeben wurde.

So ergibt sich die letzte Hochrechnung der ORF-Zahlen aus den tatsächlich ausgezählten Stimmen, sowie aus einer Prognose der wichtigen Briefwählerstimmen. Die bis zu 800.000 Briefwählerkuverts werden noch ausgezählt. Eine Schätzung wird in der ORF-Hochrechnung aber bereits berücksichtigt.

Das Innenministerium rechnet in seinem "vorläufigen Endergebnis" hingegen die Briefwähler nicht mit ein, sondern zeigt die bloße Zahl der ausgezählten Stimmen. Das Ergebnis lässt die Briefwähler also komplett außen vor.

Beide Methoden sind weder falsch noch manipulativ - sie sind einfach nur unterschiedlich.

"Frechheit, wie uns der ORF belügt"

Auf der Facebook-Seite von FPÖ-Kandidat Hofer ging es trotzdem rund. Als er am Abend die Zahlen des Innenministeriums postete, hagelte es aufgebrachte Kommentare über Medien und Meinungsforscher.

Hört nicht auf die falschen ORF-Prognosen! , schrieb ein Nutzer - und bekam dafür rund tausend "Gefällt Mir" Angaben.

Weitere Kommentare klangen ebenso wütend:

Was geht da im ORF ab - diese parteiische und abhängige Rundfunk-Fernseh-Anstalt muss abgemeldet werden. Das ist eine Schande!

Wie geht das, dass der ORF die Frechheit besitzt, uns falsche Zahlen zu liefern? Dass er Teil der westlichen Systemlügenpresse ist, ist mir schon klar, aber was bringt es denen?

Frechheit, wie uns der ORF belügt, mit unseren ORF Gebühren sollten wir nicht betrogen werden.

Der ORF dreht und wendet die richtigen Zahlen der Wahl! Eindeutige Ergebnisse sind beim BMI nachzulesen.

Das finale Ergebnis des Duells zwischen Hofer und Van der Bellen wird erst am Montag bekannt gegeben - dann, wenn die Briefwählerstimmen vollständig ausgezählt sind.

Panne: Tabelle mit falschen Daten

Für den Moment schien es in der Nacht zum Sonntag so, als sei der Moment der Wahrheit schon gekommen. Auf der Website des Innenministeriums waren in einer Tabelle kurzzeitig vermeintliche Briefwahlergebnisse sichtbar.


Es handelte sich aber um eine Panne, wie die Behörde rasch einräumte: "Das ist eine Programmiermaske zur Vorbereitung, die Daten stammen von einer alten Wahl. Die Daten gelten nicht. Das ist ein Fehler", sagte Gregor Wenda vom Bundesministerium des Innern SPIEGEL ONLINE.

Bis auf Weiteres gilt also: Die Briefwahlergebnisse werden Montagnachmittag oder -abend veröffentlicht. Dann wird man wissen, wer die Wahl tatsächlich gewonnen hat.

Meinungskompass
insgesamt 316 Beiträge
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Seite 1
globalundnichtanders 23.05.2016
1. Immerhin weiß man jetzt schon
dass rund die Hälfte der Österreicher in den letzten siebzig Jahren recht wenig dazu gelernt hat.
ChristophS82 23.05.2016
2.
Da die WM ansteht ein Fußballvergleich: Die einen schreiben immer den aktuellen Spielstand und die anderen hoffen unbedingt auf ein Tor ihrer Lieblingsmannschaft und rechnen das schonmal mit ein.
Mach999 23.05.2016
3.
FPÖ und AfD unterscheiden sich nur in Nuancen. Beide pflegen einen Opfermythos, behaupten von sich, die Wahrheit zu sagen, aber lügen, wo es ihnen in den Kram passt. Blöd ist nur, dass so viele darauf hereinfallen.
roithamer 23.05.2016
4. Ist das bei uns auch so?
Dass bei Wahlen die ausgezählten Stimmen mit einer Prognose über die Briefwahlstimmen kombiniert werden? Von diesem Verfahren höre ich das erste Mal. Selbst, wenn Van der Bellen die Wahl gewinnt, vor Auszählung der Briefwahlstimmen liegt Hofer vorn und der ORF versucht dies zu verschleiern. Das löst ein ganz mulmiges Gefühl in mir aus.
stefan_sts 23.05.2016
5. Warum sollten die Probleme aus Deutschland auch exklusiv sein ?
Viel interessanter ist doch die Tatsache , daß selbst ein Sammelsurium von allen üblichen etablierten Parteien evtl. gerade noch so über die Ziellinie huschen kann ! Die Konsequenz wird ein fürchterlicher Aufschlag beim nächsten Urnengang werden , da sich nach dieser Wahl nichts ändern dürfte und die Futtertröge besetzt bleiben von den aktuellen Amtsinhabern , die bisher auch nichts Brauchbares ablieferten .
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