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03. Dezember 2016, 13:31 Uhr

Anstand vs. Populismus

Hört Österreich auf Rentnerin Gertrude?

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Mehr als drei Millionen Menschen haben dieses Video schon gesehen: Eine 89-jährige Österreicherin mahnt ihre Landsleute vor der Präsidentenwahl, das Richtige zu tun. Es geht ihr um mehr als Politik.

Wenn es stimmt, was Gertrudes Tochter dem österreichischen "Standard" erzählte, dann war es ihre Mutter selbst, die wollte, dass auch ihre Stimme noch einmal in diesem Wahlkampf gehört wird.

Mehr als 3,5 Millionen Menschen haben sich bei Facebook und Youtube angehört, was ihnen eine 89 Jahre alte Frau aus eigener, bitterer Erfahrung zum Thema Rechtspopulismus zu sagen hat. Zahlreiche Zeitungen und Sender berichteten darüber, und für viele hat das Statement der "Pensionistin" (Rentnerin) das Zeug, die Präsidentschaftswahl am Sonntag entscheidend zu beeinflussen - für den unabhängigen Kandidaten Alexander Van der Bellen und gegen Norbert Hofer, den Kandidaten der mindestens rechtspopulistischen FPÖ.

Ein Hype, eine geschickte Wahlkampfaktion, perfekte PR? In Zeiten, in denen Idealismus entweder als naiv oder verdächtig gilt und Ironie zur Grundhaltung geworden ist, scheint das allzu naheliegend: Im Zweifel vermuten wir hinter allem eine Manipulation.

Aber so sei das nicht gewesen, sagt Gertrudes Tochter. Sie habe auf Drängen ihrer Mutter das Wahlkampfteam von Alexander Van der Bellen kontaktiert. Seine Wahlhelfer hielten das Statement der alten Frau auf Video fest und veröffentlichten es auf der Facebook-Seite des Kandidaten. Dort und per Youtube sprach sie darüber, was heute wichtig sei bei so einer Wahl: mit Anstand und Verstand zu wählen.

Das ist in Zeiten des "postfaktischen" Populismus schon fast sensationell. Kein Wunder, dass Gertrude ihren Nachnamen nicht nennt. Wer sich mit Forderungen nach Anstand gegen Populisten wendet, muss heute nicht nur in Österreich geschützt werden. Und genau das war es wohl, was Gertrude dazu trieb, zur öffentlichen Person zu werden.

"Meiner Mutter war es sehr wichtig, sich in dieser Phase des Wahlkampfes öffentlich zu äußern und Stellung zu beziehen", zitiert der "Standard" Gertrudes Tochter. Denn für Gertrude, die sich selbst seitdem nicht mehr öffentlich geäußert hat, ging es dabei um mehr als nur um abstrakte Politik: "In den letzten Wochen und Monaten", erklärte ihre Tochter der Zeitung, "hat sie uns immer wieder gesagt, dass es sich so anfühlt wie damals in den 1930er-Jahren."

Die Zeugin erlebt den Populismus als Rückfall

Das ist ganz schön starker Tobak, er hat viele in Österreich tief berührt und auch nicht wenige hoch auf die Palme gebracht. Denn anders als sonst in der Alpenrepublik, wo gefühlt seit Anbeginn der Zeit eine große Koalition nahezu oppositionslos vor sich hin regierte, stehen sich bei der Präsidentschaftswahl zwei echte politische Antagonisten gegenüber. Die Österreicher haben die Wahl zwischen dem Rechtspopulisten Norbert Hofer (FPÖ) und Alexander Van der Bellen, angetreten als unabhängiger Kandidat, aber einst Sprecher der österreichischen Grünen.

Man könnte auch sagen: rechts gegen irgendwie liberale Mitte. Das ist seit dem Erstarken der Rechtsaußen-Partei FPÖ, die den Sozialdemokraten der SPÖ und den Christsozialen der ÖVP zunehmend Druck macht, die Grundkonstellation der österreichischen Politik.

Eigentlich schien Österreich diese Wahl bereits im Mai getroffen zu haben. Gegen alle finsteren Befürchtungen war Van der Bellen überraschend, wenn auch mit denkbar knapper Mehrheit als Sieger aus der ersten Stichwahl hervorgegangen. Dass es am Sonntag nun zu einer zweiten kommt, liegt daran, dass die Rechtspopulisten der FPÖ, die immer wieder einmal unter Rechtsextremismus-Verdacht steht, das Ergebnis der Ersten anfochten.

Der Verfassungsgerichtshof der Alpenrepublik gab damals der FPÖ-Beschwerde wegen formaler Fehler bei der Auszählung der Briefwahlstimmen statt. Eine Peinlichkeit, die am Sonntag dazu führen könnte, dass nun doch noch ein Rechtspopulist für sechs lange Jahre zum Staatsoberhaupt Österreichs gewählt werden könnte. Mit einiger Nervosität beobachtet das klar demokratische Lager, dass zu dieser zweiten Stichwahl deutlich weniger Wahlkarten beantragt wurden als zur ersten.

Die Wahlbeteiligung droht damit niedriger auszufallen. So kommt es also erneut zum offenen Showdown zwischen den Kandidaten, an denen sich in Österreich die Geister und Gesinnungen scheiden. Die letzten Meinungsumfragen Mitte November sahen die Kandidaten ziemlich gleichauf - je nach Institut hatte der eine oder andere die Nase leicht vorn. Van der Bellen forcierte daraufhin eine Positionierung Gut gegen Böse - Gertrudes Statement fügte sich da perfekt ein.

Dass es jemandem nutzt, diskreditiert ein ehrliches Statement nicht

Natürlich ist ihr Video damit im Wahlkampf auch instrumentalisiert worden. Es ist jedoch auch sehr deutlich, dass es der alten Frau sehr ernst ist. Denn die alerte 89-jährige sieht die Präsidentschaftswahl nicht nur als "wahrscheinlich meine letzte", sondern vor allem als Weichenstellung: Es gehe um die Zukunft einer jungen Generation, und gerade die solle darum wählen und das Feld nicht den Alten und den alten Verführungen überlassen.

Denn was die Populisten zu bieten hätten, wäre vor allem "Falschheit". Was die alte Frau mit einfachen, klaren Worten sagt, ist schlicht: Wähle mit Verstand, denke die Dinge durch und lass dich nicht belügen.

Sie appelliert an die Kräfte des Anstands und Verstandes, an die Werte, die ein friedliches Miteinander erst möglich machen. Das Heruntermachen des jeweils anderen, keine Achtung vor dem Gegenüber zu haben, sagt sie, störe sie "am allermeisten". Das Niedrigste aus dem Volk herauszuholen, "nicht das Anständige", das habe sie schon einmal erlebt. Deshalb solle man nicht nur auf schöne Worte hören, sondern vor der Wahl überlegen, wo die Politik eines Kandidaten hinführen könnte.

Sie vertieft das nicht weiter. Erst ganz am Ende erfährt man, was Gertrude zu einer kompetenten Zeugin in Sachen Rechtspopulismus und Verführung macht: Das ist wahlkampfstrategisch geschickt, deshalb aber nicht weniger berührend.

Im Alter von 16 Jahren wurde Gertrude mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern nach Auschwitz gebracht. Zurück nach Österreich kam sie allein.

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