Österreich Jörg Haiders offener Antisemitismus

Beim politischen Aschermittwoch in Österreich hat Ex-FPÖ-Chef Jörg Haider den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich, Ariel Muzicant, antisemitisch beschimpft. Beleidigende Angriffe startete Haider auch gegen Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer.


Jörg Haider
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Jörg Haider

Wien - Seit Wochen waren die Eintrittskarten ausverkauft. Der Beginn der Veranstaltung war auf 19 Uhr angesetzt. Um 17.30 Uhr wurde die Halle geöffnet. Doch die Fans des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider bildeten schon eine Stunde zuvor eine Menschentraube vor der Halle und warteten in der Kälte, um endlich Haiders Parolen live mitzuerleben.

Die Besucher waren bereit gewesen, 150 Schilling auf den Tisch zu blättern. Dafür bekamen sie Gutscheine für einen Heringsschmaus-Teller und ein Getränk nach Wahl. Es wurden Laugen-Bretzen verkauft, auf der Bühne sorgte eine Blasmusik für Stimmung - und dann Haiders Paukenschläge.

Die sorgten für Empörung. Nicht in der Halle, sondern außerhalb. Haiders Angriffe auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, ("Ich verstehe überhaupt nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann") wurden als antisemitische Aussagen verurteilt (der Name Ariel ist jüdischen Ursprungs). Der stellvertretende SPÖ-Vorsitzende, Wiens Bürgermeister Michael Häupl, meinte, "das ist purer und blanker Antisemitismus." Damit sei "eine ideologische Schamgrenze" überschritten.

Muzicant selbst reagierte mit einem einzigen Satz: "Es ist Zeit, dass in Österreich auch ein Landeshauptmann einen korrekten Umgangston lernt." Subtiler war sein Zusatz: Diese Aussage wurde mit "Ariel Israel Muzicant" gezeichnet. Während der NS-Zeit hatten zwischen 1939 und 1945 alle männlichen jüdischen Mitbürger den zusätzlichen Vornamen "Israel" tragen müssen. Katholische Organisationen bezeichneten die Attacken auf Muzicant als "Verunglimpfung aus der untersten Schublade". Haider bediene sich der Ressentiments aus einer der dunkelsten Epochen der Menschheitsgeschichte.

Schröder, ein Koffer in Berlin

Auch deutsche Spitzenpolitker wurden diffamiert. Über Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte Haider: "Wir haben noch einen Koffer in Berlin - singen die Deutschen. Da meinen's den Schröder, der im neuen Zentralraum Berlin tätig ist". Das Brisante: Unter "Koffer" versteht der Wiener einen Deppen oder Trottel.

Joschka Fischer nannte Haider einen Terroristen. Haider: "Ja wenn das so ist, dass Terroristen wie der Herr Fischer Minister und Staatsmänner werden können, da würde das ja heißen, dass man demnächst auch freigelassene Mörder zu Gerichtspräsidenten machen muss oder Bankräuber zu Präsidenten der Nationalbank erklären muss, damit also die Symmetrie in diesem Land wiederhergestellt ist. Das ist nicht die Welt, die wir uns vorstellen. Ganoven gehören hinter Gitter und nicht in hohe Ämter dieser Republik."

Chirac hinter schwedischen Gardinen

Haider erinnerte daran, dass er den französischen Präsidenten Chirac beim politischen Aschermittwoch im Vorjahr als "Westentaschen-Napoleon" bezeichnet habe. Das sei ihm geblieben. Chirac habe den Österreichern eine Vorlesung halten wollen, wie die Demokratie in Österreich zu organisieren sei. "Das wäre glatt so, als würde eine Kurtisane eine Vorlesung über Moral und Anstand halten wollen", so Haider. Er habe Chirac zum Aschermittwoch nach Ried laden wollen, dieser habe aber abgesagt, weil er ein Ausgehverbot wegen des laufenden Korruptionsverfahrens habe. "Zum Zeitvertreib hat er sich neue Vorhänge im Elysée-Palast angeschafft, damit er sich an die schwedischen Gardinen seiner Nachpräsidentschaft gewöhnen kann", so Haider.



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