Debatte um Massaker an den Armeniern Österreich erkennt Völkermord an

Österreich setzt ein deutliches Zeichen: Das Parlament in Wien benennt das Massaker an den Armeniern als Völkermord. Man sehe sich in der Pflicht, heißt es in einer Erklärung.

Armenische Flüchtlinge 1915 in Syrien: Bis zu 1,5 Millionen Tote
DPA

Armenische Flüchtlinge 1915 in Syrien: Bis zu 1,5 Millionen Tote


Während das deutsche Parlament abwägt und abschwächt, sprechen die österreichischen Abgeordneten klare Worte. Sie nennen das Massaker an den Armeniern vor hundert Jahren ganz klar einen Völkermord. "Aufgrund der historischen Verantwortung ist es unsere Pflicht, die schrecklichen Geschehnisse als Genozid anzuerkennen und zu verurteilen", erklärte das Parlament am Dienstag in Wien.

Die österreich-ungarische Monarchie war im Ersten Weltkrieg eng mit dem Osmanischen Reich verbündet. Dort waren damals Schätzungen zufolge bis zu 1,5 Millionen christliche Armenier getötet worden. Die Türkei - der Nachfolgestaat des osmanischen Imperiums - weist diese Zahlen als zu hoch zurück und lehnt den Ausdruck "Genozid" ab.

Mehrere Länder wie etwa die Schweiz und Frankreich erkennen den Völkermord an. In Deutschland wird darüber hart gerungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt die Einordnung als Völkermord. Sie befürchtet durch eine entsprechende deutsche Haltung aber, dass Versöhnungsgespräche zwischen der Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Imperiums und Armenien belastet würden. Das machte sie am Dienstag in einer Sitzung der Unionsfraktion nach Teilnehmerangaben deutlich.

Union und SPD legen zu einer Gedenkstunde am Freitag im Bundestag einen Antrag vor, in dem die Vernichtung der Armenier in einen Zusammenhang mit Völkermord gestellt wird. Allerdings benennt diese Erklärung das Massaker nicht direkt als Völkermord.

Appell an die ganze Welt

Bei der Abstimmung in der Unionsfraktion enthielten sich drei Abgeordnete. Einigen geht die Formulierung, die in einem Nebensatz auftaucht, nicht weit genug. Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte, der Antrag sei klug formuliert. Das reiche aber nicht aus. "Wir haben auch die Aufgabe, zwischen der Türkei und Armenien zu vermitteln." Am Donnerstag will Bundespräsident Joachim Gauck zu dem Thema sprechen.

Die Koalition erweiterte ihren geplanten Antrag für die Bundestagssitzung am Freitag auf weitere Verfolgte neben den Armeniern. Im Entwurf heißt es nun: "Ebenso waren Angehörige anderer christlicher Volksgruppen, insbesondere aramäisch/assyrische und chaldäische Christen von Deportationen und Massakern betroffen." In dem Papier werden die Taten der osmanischen Regierung beklagt, die zur fast vollständigen Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich führten.

Fotostrecke

6  Bilder
Armenier-Völkermord: Der Zorn Erdogans
Das armenische Parlament richtete einen eindringlichen Appell an die ganze Welt, die Massaker der Jahre 1915/1916 als Genozid zu verurteilen. An diesem Freitag begeht die Ex-Sowjetrepublik den 100. Jahrestag des Beginns der Verfolgung mit einer großen Zeremonie. Dazu werden auch Kreml-Chef Wladimir Putin und Frankreichs Präsident François Hollande erwartet.

Das österreichische Parlament forderte die Türkei ausdrücklich auf, ihren Standpunkt zu ändern. "Seitens der Türkei gilt es, im Sinne einer transparenten Aufarbeitung Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen", appellierten die Abgeordneten. Es sei die Pflicht der Türkei, sich der Aufarbeitung dunkler und schmerzhafter Kapitel ihrer Vergangenheit zu stellen und die im Osmanischen Reich begangenen Verbrechen an den Armeniern als Genozid anzuerkennen.

Die Erklärung unterzeichneten die Fraktionsvorsitzenden von Sozialdemokraten, Konservativen, Grünen, Liberalen, rechter FPÖ und dem Team Stronach. Am Mittwoch soll der Text bei einer Parlamentssitzung verlesen werden.

Völkermord an den Armeniern
Worum geht es?

Millionen Armenier sind während des Ersten Weltkriegs aus dem Osmanischen Reich geflohen oder vertrieben worden. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in dem Vorläuferstaat der heutigen Türkei etwa 2,5 Millionen Armenier. Die osmanische Regierung sah in der christlichen Minderheit innere Feinde und zweifelte im Weltkrieg an deren Loyalität im Kampf gegen das christliche Russland.

Daher begann 1915 die systematische Vertreibung und Vernichtung der Armenier. Nach unterschiedlichen Schätzungen kamen bei den Deportationen 1915/16 zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Viele Armenier wurden gezwungen, zum Islam überzutreten.

Wie werden die Taten international bewertet?

Die Regierung im Südkaukasusstaat Armenien sieht in den Massakern einen "Genozid". Am 24. April gedenkt die Ex-Sowjetrepublik der Gräueltaten, die vor 100 Jahren begannen.

1987 stufte auch das Europaparlament die Tragödie als "Völkermord" ein und forderte die Regierung in Ankara auf, dies ebenfalls anzuerkennen. Zahlreiche Regierungen folgten. Am 12. April 2015 bezeichnete Papst Franziskus die Morde ebenfalls als Genozid.

Wie verhält sich die Türkei?
Die Türkei, wo nur noch eine armenische Minderheit lebt, bestreitet einen Völkermord vehement. Die fast hundert Jahre zurückliegenden "tragischen Ereignisse" seien etwas für Historiker, heißt es in der Türkei. Die Armenier hätten sich ihrerseits in einem Bürgerkrieg erhoben - und das Osmanische Reich habe nur reagiert. Die hohen Todeszahlen seien durch die Wirren des Krieges, Hunger und Witterung zu erklären, so eine verbreitete Darstellung.

ler/dpa

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hwdtrier 21.04.2015
1. Bravo Oesterreich
Feiges Deutschland wo die Politiker Angst haben um die Stimmen der Tuerken in Deutschland
NicksAlleVergeben 21.04.2015
2.
Sehr gut! Es ist eine Schande, wie sehr sich der Bundestag und die Regierung bemühen, den türkischen Mitbürger/innen hier in Deutschland nicht auf den Schlips zu treten. Erdogan und seine Reaktion sind nicht der einzige Grund. Wenn man weiß, wie leicht in Zehntausenden nationalistisch erregte Türken per Fingerschnipp in Deutschland mobilisiert werden können, wird man halt vorsichtig...und feige!
mistervacmenakker 21.04.2015
3.
Die Türkei wird ihr Gesicht verlieren. Dies ist schmerzhaft, in diesem Falle aber unvermeidbar.
ossimann 21.04.2015
4. Ebend Arsch in der Hose ....
Da wird der Herr Erdoğan wieder vor Wut im Quadrat springen und die Össis als Ausgeburt des Faschismus an die Wand nageln , welche den "Schnauzerbarbaren" aussandten um das tausendjährige Reich zu schaffen . Unsere Weicheier an Politiker haben doch zu diesen Thema wieder rumgeiert um den heissen Brei das einem das Essen wieder hochkommt . Stehts immer auf die eigene Vergangenheit achtend jede Kritik an Ausländer als rechts und fremdenfeindlich in die Ecke fegend hat man bei den Schandtaten anderer Nationen eine Klemme in der Hose . Man will die Türkei nicht verärgern , schliesslich ist die Gier der hemmungslosen EU Erweiterung noch nicht gestillt . Im Sinne von neuen Wirtschaftsgebieten und neuen Gewinnfelder ist man gern bereit die Augen bei Menschenrechte zu schliessen . Die Menschenrechte haben z.B. im Bezug auf China , Saudi Arabien etc. noch nie eine echte Rolle gespielt , man hat der Wirtschaftslobby zu dienen und nicht irgendwelchen spinnenden Menschenrechtlern , es sei denn die passieren in auserwählte Schurkenstaaten dann muss natürlich das angeprangert oder zur Not wegbombardiert werden . Es gibt ebend in der USA/EU Politik gute "Feinde" die einen nützlich sind wo man gern über vieles hinwegsieht und böse "Schurken" die nicht nach meiner Pfeife tanzen wollen .
2469 21.04.2015
5. Gut so!
Das war schon ein Genozid, dieses grausame Verbrechen. Es ist klar, dass die gegenwärtige türkische Regierung dafür keine Verantwortung hat, aber einfach eine Verhöhnung der Opfer, was Erdogan usw. da machen. Das Rumeiern Deutschlands hilft auch nicht wirklich weiter. Naja, nicht überraschend, wenn man selbst auch keine Reparationen für die Vergangenheit zahlen will...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.