Wahl in Österreich "Die Wahrheit für SPÖ und ÖVP lautet: Eure Zeit ist vorbei"

Das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl in Österreich bringt das etablierte Parteiengefüge ins Wanken. Die Reaktionen auf das "Fiasko" für die Konservativen und Sozialdemokraten.

FPÖ-Kandidat Hofer
REUTERS

FPÖ-Kandidat Hofer


Es ist eine politische Sensation in Österreich: In der Stichwahl um das Amt des Bundespräsidenten steht weder ein Kandidat der Konservativen noch einer der Sozialdemokraten. Stattdessen tritt der Kandidat der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) , Norbert Hofer, gegen Alexander Van der Bellen von den Grünen an.

Diesen spektakulären Erfolg der FPÖ wertet der österreichische "Standard" als Debakel - und mahnt SPÖ und ÖVP zugleich, das Ergebnis auch als Chance zu begreifen. "Denn sonst werden beide Parteien das Schicksal ihrer Kandidaten erleiden. Aus einstigen Volksparteien werden Kleinparteien." SPÖ und ÖVP hätten jedoch bis 2018 noch die Möglichkeit, durch ihre Arbeit zu überzeugen. "Bei der vergangenen Nationalratswahl haben die beiden Regierungsparteien zusammen ohnehin nur noch 51 Prozent erreicht. Das scheint aus heutiger Sicht unerreichbar. Also bleibt nur: Kämpfen oder aufgeben - und die Hofburg und bald auch die Regierung einfach der FPÖ überlassen", schreibt "Der Standard".

"Die Presse" aus Wien kommentiert: "Die Wahrheit für SPÖ und ÖVP lautet schlicht: Eure Zeit ist vorbei." Dies heiße nicht, dass es eine der beiden Parteien in Zukunft nicht mehr geben könne. "Aber so, wie es bisher war, wird es nie wieder." 30 Jahre nach der Machtübernahme Jörg Haiders bei der FPÖ "ist die Zweite Republik - so wie wir sie als Kinder schätzen gelernt haben und wie wir sie heute als überholt empfinden - Geschichte."

Die "Neue Zürcher Zeitung" nennt den Wahlausgang ein Fiasko: "Die Sozialdemokraten und die Konservativen, die während Jahrzehnten in Österreich politisch schalten und walten konnten, wie es ihnen beliebte, haben ihre Mehrheitsfähigkeit verloren." Die Wähler hätten genug von den Mauscheleien der Regierungsparteien. "Die Regierung sollte das Fiasko als Auftrag verstehen, eine ehrlichere und lösungsorientierte Politik zu verfolgen", kommentiert die "NZZ".

Fotostrecke

5  Bilder
Bundespräsidentenwahl in Österreich: Die Kandidaten im Überblick

Die Bewerber der rot-schwarzen Regierung, Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und Andreas Khol (ÖVP), lagen den Hochrechnungen zufolge am Sonntag bei jeweils rund zwölf Prozent. Hofer hat die erste Runde der Bundespräsidentenwahl mit Abstand gewonnen. Der 45-Jährige kam laut vorläufigem Endergebnis auf 36 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Umfragen hatten ihn zuvor nur auf dem zweiten Platz gesehen, hinter dem Kandidaten der Grünen, Van der Bellen. Der landete nun mit 20 Prozent auf dem zweiten Platz und tritt am 22. Mai in einer Stichwahl gegen FPÖ-Kandidat Hofer an. Die unabhängige, von den bürgerlichen Neos unterstützte Irmgard Griss bekam 18,5 Prozent der Stimmen.

brk/dpa



insgesamt 217 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Banause_1971 25.04.2016
1. Ob unsere Parteien
sich die Entwicklung in Österreich mal genau anschauen und da Parallelen erkennen? Interessant finde ich, dass hier relativ neutral und ohne Hetze berichtet wird. In Deutschland ist es ja unmöglich geworden, ohne Beschimpfungen und Verunglimpfungen über die Erfolge der AfD zu "berichten". Auch wird hier nicht die "Schuldfrage" am Erstarken der AfD gestellt, sondern es werden längst abgedroschene und hohle Phrasen aus den Schubladen geholt, die seit Jahrzehnten den Bürger bei der Stange hielten. Auch in unserem Land kann man heute sagen, dass die Bürger die Nase voll haben vom selbstgefälligen Regiern der Etablierten, die seit Jahrzehnten schalten und wollten konnten wie es ihnen beliebte. Aber die Schuld liegt natürlch nicht an den Parteien, welche die Politik gemacht haben, sondern am Bürger, der die Politik nicht will.
mordskater 25.04.2016
2.
Die "Neue Zürcher Zeitung" nennt den Wahlausgang ein "Fiasko": "Die Sozialdemokraten und die Konservativen, die während Jahrzehnten in Österreich politisch schalten und walten konnten, wie es ihnen beliebte, haben ihre Mehrheitsfähigkeit verloren." Die Wähler hätten genug von den Mauscheleien der Regierungsparteien. "Die Regierung sollte das Fiasko als Auftrag verstehen, eine ehrlichere und lösungsorientierte Politik zu verfolgen" Ich hoffe inständig, dass unsere Große Koalition daraus ihre Schlüsse zieht und es nicht erst so weit kommen muss, dass die AFD sich in ähnliche Höhen aufschwingen kann. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die AFD-Wähler politischen Rattenfängern auf den Leim gehen und sich gegen die Ärmsten der Armen, die Flüchtlinge, instrumentalisieren lassen, teile ich ihr Unbehagen an der gegenwärtigen, nur den Konzernen und Banken dienenden Politik unserer GroKo und der EU-Kommision.
Klaus Popa 25.04.2016
3. Gleich die Flinte ins Korn werfen ?
Die zitierten Kommentare ziehen die Alarmglocken und suggerieren eine Weltuntergangsstimmung für die beiden österreichischen Volksparteien und für Österreich insgesamt. Man sollte abwarten, wie die "Cohabitation" des FPÖ-Präsidenten mit den etablierten Parteien abläuft, bevor man vorschnelle Schlüsse zieht.
WwdW 25.04.2016
4. mich wundert eines nicht
Mich wundert eines nicht, warum die Kandidaten von SPÖ und ÖVP nicht gewählt wurden. Man braucht sich nur die beiden Männer anschauen, dann war klar es geht hier um einen Versorgungsposten und um eine Prämierung ihrer Politikerkarrieren zum Ende ihres Lebens.
drent 25.04.2016
5. Es herrschte Fassungslosigkeit
im österreichischen Staatsfernsehen. Mit verzweifelter Hoffnung wurde vermerkt, wenn die Zahlen für den FPÖ-Kandidaten um 0,1 % nach unten gingen. Man ahnt wohl schon, daß da eine Götterdämmerung eintreten könnte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.