Österreich vor der Wahl Wiener Wut

Wien gilt laut Studien europaweit als Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Und dennoch sind viele Menschen unzufrieden und wählen Rechtspopulisten. Auch in Umfragen zur Nationalratswahl stehen sie gut da. Warum?

AFP

Von , Wien


Wien ist die Nummer eins. Ununterbrochen seit 2009. Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Das ist, Jahr für Jahr, das Ergebnis einer Studie der internationalen Unternehmensberatung Mercer, die rund 240 Großstädte untersucht und miteinander vergleicht. Wie auf wundersame Weise belegt Wien aber auch in anderen Studien immer Spitzenplätze: große Sicherheit, gute Bildungsinfrastruktur, viel Kultur und Natur.

Michael Häupl lächelt. Er ist Bürgermeister von Wien, seit 1994 schon. Seit bald hundert Jahren regieren hier die Sozialdemokraten, unterbrochen nur von den Nationalsozialisten. Anfang nächsten Jahres will Häupl an einen Nachfolger übergeben, mit 68 Jahren. "Lebensqualität", sagt er und lehnt sich zurück im Sessel in seinem opulenten Büro, das eher ein Saal ist, im Wiener Rathaus, das eher ein Palast ist, "ist, wenn man zufrieden ist an dem Ort, an dem man lebt."

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Österreich vor der Wahl: Selbst Wien könnte an die FPÖ fallen

Eine Stadt sei "ein Gesamtkunstwerk", findet Häupl, bestehend aus vielen Bestandteilen. Und da sei Wien eben sehr stimmig. Den wesentlichen Grund für die Lebenszufriedenheit der Menschen sehe er in der Tatsache, dass es "relative soziale Ausgeglichenheit" gebe. "Natürlich gibt es auch bei uns Arme und Reiche. Aber der Unterschied ist nicht so groß wie in Amerika oder anderswo in Europa."

Das habe Auswirkungen auf die Lebensqualität: Niedrige Arbeitslosigkeit, wachsende Wirtschaft, niedrige Kriminalität, hohe Beteiligung an kulturellen Veranstaltungen, nennt er als Beispiele. Die Stadt Wien ist zudem größter Wohnungseigentümer der Welt, weshalb die Mieten relativ günstig sind für eine Metropole dieser Größe. Gut 60 Prozent aller Wiener leben in einer städtischen oder von der Stadt geförderten Wohnung. "Und wir Wiener sind sehr begabt, was, modern formuliert, Work-Life-Balance angeht", sagt Häupl und lacht. "In Deutschland lebt man, um zu arbeiten. Bei uns ist es umgekehrt." Gemütlichkeit und Langsamkeit scheinen hier nichts zu sein, wofür man sich schämt.

Michael Häupl
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Michael Häupl

Da verwundert es kaum, dass jedes Jahr rund 25.000 Menschen nach Wien ziehen. Die Stadt wächst beständig, und Wien experimentiert durchaus erfolgreich mit neuen Städtebaukonzepten. Gerade entsteht mit der Seestadt Aspern ein künstliches Viertel, in dem in ein paar Jahren 20.000 Menschen leben sollen. Man müsste meinen, in Wien funktioniere alles, den knapp zwei Millionen Menschen gehe es blendend und alle wählten SPÖ.

Die FPÖ sei eine Partei, "die nur hetzt und die Gesellschaft spaltet"

Leopoldine Evelyne Kwas schüttelt den Kopf. "Nein!", sagt sie. Kwas, 55 Jahre, rot gefärbtes Haar, dunkle Kunststoffbrille, ist gebürtige Wienerin. Sie arbeitete als Filialleiterin einer Modekette, wurde arbeitslos, bemühte sich jahrelang um einen neuen Job, nur um festzustellen, dass sie als zu alt gilt. Aus der Not heraus machte sie sich mit einem kleinen Geschäft selbstständig.

Leopoldine Evelyne Kwas
edition a/ Michael Appelt

Leopoldine Evelyne Kwas

Kwas hat ihr Leben lang SPÖ gewählt. Aber das will sie am Sonntag nicht mehr tun. Wie bei vielen Menschen in Wien - und in ganz Österreich - hat auch bei ihr die Unzufriedenheit zugenommen. In Wien drohen bei den Nationalratswahlen selbst traditionell rote Bezirke eher die FPÖ zu wählen. Und auch landesweit stehen die Rechtspopulisten gut da: lange Zeit in Umfragen sogar auf Platz eins.

Wieder schüttelt Kwas den Kopf. "Nein, denen werde ich meine Stimme auch nicht geben", betont sie. Auch wenn sie viel über die SPÖ und die bürgerlich-konservative ÖVP schimpft, für die FPÖ hat sie nicht viel übrig. Sie überlege, eine der kleineren Parteien zu wählen. Die FPÖ sei eine Partei, "die nur hetzt und die Gesellschaft spaltet", findet sie.

"Man sieht den Menschen nur nicht an, dass sie arm sind"

Kwas hat ihre Wut zu Papier gebracht. "Ich bin das Volk", heißt ihr Buch, das im September erschienen ist. Darin beschreibt sie, warum so viele Menschen trotz der hohen Lebensqualität - "die gibt es in Wien, ohne Frage" - so unzufrieden sind. "Ich kämpfe jeden Tag ums Überleben", erzählt sie bei einem Gespräch in einem Wiener Kaffeehaus. "Ich muss jeden Cent mehrmals umdrehen und muss mir gut überlegen, ob ich mir noch einen 'kleinen Braunen' leisten kann." Das ist ein in Österreich typischer Kaffee, der, sagt Kwas, "zum Lebensalltag dazugehört".

Wahlplakat für die FPÖ unter Heinz-Christian Strache
Getty Images

Wahlplakat für die FPÖ unter Heinz-Christian Strache

Das Problem, sagt sie, sei, dass die Mittelschicht wegbreche. "Man sieht den Menschen nur nicht an, dass sie arm sind", sagt sie. Die Menschen hätten sich "eine hübsche Fassade gebaut". "Wir haben eine gewisse Scham und verbergen, dass es uns finanziell schlecht geht. Aber es werden immer mehr, die nicht einmal mehr die Schulmilch für die Kinder bezahlen können." Früher sei zwar nicht alles besser gewesen. "Aber wir hatten immerhin die Hoffnung, dass es aufwärts geht. Heute haben die meisten Menschen gar keine Perspektive mehr", findet sie.

Bürgermeister Häupl kann den Frust von Menschen wie Autorin Kwas nachvollziehen. "Es gibt Unzufriedenheit, weil über lange Zeit die Preise stärker gestiegen sind als die Löhne", sagt er. "Das Leben in Wien ist teuer, keine Frage." Manche Familien hätten es schwer, mit dem Geld, das sie zur Verfügung haben, auszukommen. Natürlich sei es Aufgabe der Politik, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das gelinge im Großen und Ganzen gut. "Doch leider kommt trotzdem die Hetze, diese ewige Sündenbock-Philosophie. Jetzt sind's eben die Ausländer und die Flüchtlinge, die schuld daran sein sollen, dass es einem nicht so gut geht." Das, sagt Häupl, sei "natürlich Unsinn".

Gebannt wird die Welt am Sonntag nach Österreich blicken, um zu sehen, ob hier künftig Rechtspopulisten mitregieren. Und vor allem wird sie nach Wien schauen, wie rot sie noch sein wird, diese wütende Stadt von unglaublich hoher Lebensqualität.



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Hipster 12.10.2017
1. Falsche Schlußfolgerung
"Wien gilt laut Studien europaweit als Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Und dennoch sind viele Menschen unzufrieden und wählen Rechtspopulisten." Wahrscheinlicher ist doch, daß die Wiener hochzufrieden sind und ihre hohe Lebensqualität auch künftig noch genießen möchten ...
360° 12.10.2017
2. Wieso sollte sie denn SPÖ wählen? Dafür gibt es keinen Grund mehr.
Wieso glaubt überhaupt jemand noch, dass die SPÖ den moralischen Anspruch auf die Kanzlerschaft hat? Nachdem sie den seit 1970 rund 41 Jahre inne hatte! Ein neuer Skandal ist aufgetaucht, der exemplarisch zeigt, wie die SPÖ zu freier Meinung, selbstständigem Denken & Verantwortungsbewußtsein steht: die Bedrohung einer ehemaligen Mitarbeiterin der SPÖ, die die SPÖ verdächtigt, Internas öffentlich gemacht zu haben. Diese Frau wurde massiv von der Partei bedroht. Und auch das reicht vielen: dass die SPÖ sich heute gebärdet, als wäre sie der Staat. Ankläger, Richter und Exekutive in einem. Um zu zeigen, was heute in Österreich alles schief läuft,die wie schmutzigsten Dinge in bestimmten Medien klein gespielt werden - halft, als sich der neueste Skandal der SPÖ auftat, ein Blick auf die ORF-Homepage. Dort war die Bedrohung der Dolmetscherin nur ein marginales Thema. Verniedlicht mit der Überschrift "Tal Silbersteins Dolmetscherin meldet sich zu Wort". Denn der ÖR Sender ORF ist in der Nachrichtenabteilung ziemlich SPÖ-lastig. Um es mal freundlich zu formulieren. Und dort, wo der öffentlich rechtliche Rundfunk seiner, ihm eigentlich zugedachten, Rolle nicht mehr gerecht werden kann, musste die größte Boulevardzeitung einspringen - noch bei dem von Kern ausgeboteten Vorgänger aus der selben Partei, eine treue Unterstützerin der SPÖ - und diese Bedrohung einer einfachen Bürgerin durch die SPÖ zum Thema machen. Um diesem Thema erst die Aufmerksamkeit geben, die dieses Thema verdient. Immer mehr Österreicher verstehen, wie sich im sozialdemokratischen Österreich unten nach oben und oben nach unten dreht. Wichtige Institutionen sind von der SPÖ unterwandert und fallen so als kritische Stimmen aus. Jetzt muss schon ein Boulevard-Blatt helfend einspringen. Und da versthet jemand nicht, dass die Österreicher genug von dieser SPÖ haben? Dieser Art sich den Staat und wichtige Institutionen unter den Nagel zu reissen. Noch dazu gibt es ja eine Alternative zu den Rechtspopulisten: in Umfragen führt der junge, charismatische ÖVP-Mann Kurz. Augenblicklich Außenminister und OSZE-Vorsitzender. Ihm trauen viele Österreicher zu, diesen Sumpf endlich ein wenig seichter zu machen. Ganz wird das niemanden gelingen. Denn das wäre in Österreich eine reine Sysiphusarbeit.
beob_achter 12.10.2017
3. Die Welt ist zu kompliziert geworden für alternde Politiker
der herkömmlichen Art! Natürlich sind die "Heilsbringer" mit ihren tumben Parolen erst recht nicht in der Lage (und auch gar nicht willens), Problemlösungen zu erarbeiten, aber wir brauchen eine Art "Crowd funding" für Ideen, die selbst für Politiker verständlich sind und über deren Umsetzung sie dann debattieren können.
quark2@mailinator.com 12.10.2017
4.
Also die unzufriedene Frau hat gar nichts über Ausländer gesagt. Sie hat gesagt, daß sie unzufrieden ist, weil die Mittelschicht wegbricht und sie täglich ums Überleben kämpfen muß. In der Statistik sehen 5% "Armutsgefährdete" ja vielleicht gut aus, aber in der Praxis sind das (bei uns) Millionen Menschen, die über Jahre nicht auf die Beine kommen. Und es sind ja nicht nur 5% und wenn man richtig rechnen würde, wären es noch mehr. Auch wenn ich verstehe, daß ein erfolgreicher Wiener Bürgermeister so weit runter gar nicht sehen kann, die Realität ist eben, daß die Schere immer weiter auf geht. Und das ist die Wurzel allen Übels - ein Leben lang rackern und trotzdem mit 70 im kalten Zimmer vor einen Teller Haferbrei sitzen müssen.
JacksonBlood 12.10.2017
5.
Zitat von Hipster"Wien gilt laut Studien europaweit als Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Und dennoch sind viele Menschen unzufrieden und wählen Rechtspopulisten." Wahrscheinlicher ist doch, daß die Wiener hochzufrieden sind und ihre hohe Lebensqualität auch künftig noch genießen möchten ...
die von wem genau bedroht wird?
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