Nationalratswahl Rechtsruck in Österreich

Österreich steht vor dem Regierungswechsel: Die konservative ÖVP unter Sebastian Kurz liegt vor der Partei von SPÖ-Kanzler Kern. Die FPÖ ist derzeit entgegen ersten Hochrechnungen nur noch drittstärkste Kraft.


Bei der österreichischen Nationalratswahl zeichnet sich ein Rechtsruck ab. Die ÖVP um Herausforderer Sebastian Kurz wird Hochrechnungen des ORF zufolge erstmals seit 2002 stärkste Kraft mit einem Zuwachs von knapp acht Prozentpunkten auf 31,6 Prozent. "Ich nehme diese Verantwortung mit großer Demut an", sagte Kurz vor seinen Anhängern.

Er sei "extrem dankbar" für "den historischen Sieg", sagte Kurz im Wahlstudio des ORF. "Das haben wir uns nie gedacht." Er wolle versuchen, "mit allen zu reden und ein ordentliches Miteinander zu ermöglichen", sagt Kurz.

Die FPÖ um Chef Heinz-Christian Strache kommt demnach auf 26,0 Prozent der Stimmen. Damit liegt sie entgegen ersten Hochrechnungen zwar nur noch auf dem dritten Platz, kann aber mit rund fünf Prozentpunkten deutlich zulegen. Die SPÖ von Kanzler Christian Kern legte letzten Hochrechnungen zufolge mit 26,9 Prozent leicht zu und landet damit auf Rang zwei.

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Wahltag in Österreich: Kurz vor Kern und Strache

Nach ihrem Rekordergebnis von 12,4 Prozent vor vier Jahren stürzen die Grünen diesmal in der Gunst der Wähler ab. Sie kommen laut Hochrechnung nur noch auf 3,9 Prozent. Die liberalen Neos erreichen den Angaben zufolge 5,1 Prozent (2013: fünf Prozent).

Die erstmals angetretene Liste des Grünen-Abtrünnigen Peter Pilz sehen die Demoskopen bei 4,3 Prozent. In Österreich liegt die Hürde für den Einzug ins Parlament bei vier Prozent. Die Schwankungsbreite der Hochrechnungen liegt bei rund 2,4 Prozentpunkten. Die Wahlbeteiligung lag bei 79,4 Prozent.

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Der aktuellen Hochrechnung zufolge wären folgende Koalitionen möglich: ÖVP und FPÖ hätten eine klare Mehrheit. Auch eine erneute Koalition zwischen ÖVP und SPÖ wäre möglich. Die SPÖ würde auch gemeinsam mit der FPÖ eine Mehrheit im Parlament haben.

Der stellvertretende Klubobmann der ÖVP, August Wöginger, zeigte sich in einer ersten Runde im ORF erfreut über den Sieg seiner Partei . Bei der SPÖ verweist der Klubobmann Andreas Schieder darauf, dass sozialdemokratische Parteien auch in anderen europäischen Ländern schlecht abschnitten. Gleichzeitig hoffte er noch auf die Briefwähler.

FPÖ-Vizeparteichef Norbert Hofer sagte, viele Menschen hätten für Veränderungen gestimmt, jetzt gelte es, die Hoffnungen der Menschen zu erfüllen. Für eine mögliche Regierungsbeteiligung dringt Hofer auf eine Partnerschaft "auf Augenhöhe".

Der Grüne Albert Steinhauser spricht von einem "Debakel für die Grünbewegung". Jetzt müsse die schwierige Wiederaufbauarbeit beginnen. Der stellvertretende Neos-Klubobmann Nikolaus Scherak spricht trotz des schwierigen Wahlkampfs von einem "beachtlichen Ergebnis".

Endgültiges Ergebnis erst am Donnerstag

6,4 Millionen Österreicher konnten nach dem Bruch der rot-schwarzen Koalition im Mai vorzeitig ein neues Parlament wählen. Die ÖVP um Kurz war als klarer Favorit ins Rennen gegangen, während zwischen FPÖ und SPÖ laut letzten Umfragen ein enges Rennen erwartet worden war.

Ausgezählt werden zunächst nur jene Stimmen, die in den Wahllokalen abgegeben wurden. Selbst das vorläufige Ergebnis wird noch keine Briefwahlstimmen enthalten. Das endgültige Ergebnis inklusive Briefwähler wird erst am Donnerstag verkündet.

Nationalratswahl 2017

Vorläufiges Endergebnis

Stimmenverteilung
Anteile in Prozent
SPÖ
26,9
+0,1
ÖVP
31,5
+7,5
FPÖ
26
+5,5
Grüne
3,8
-8,6
Neos
5,3
+0,3
Liste Pilz
4,4
+4,4
Sonstige
2,1
-9,2
Quelle: Bundesministerium für Inneres Österreich

Der Rechtsruck hatte sich abgezeichnet. Bereits bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr hatte die FPÖ kurz vor einem Triumph gestanden: Bei der Stichwahl am 22. Mai landete der Grüne Alexander Van der Bellen nur mit hauchdünnem Vorsprung vor FPÖ-Kandidat Norbert Hofer. Nachdem die Wahl wegen Unregelmäßigkeiten annulliert wurde, unterlag Hofer bei der Wiederholung im Dezember mit 46 Prozent deutlich.

In der Wahlzentrale der ÖVP brach nach Bekanntwerden der Hochrechnung tosender Applaus und Jubel aus. Generalsekretärin Elisabeth Köstinger bedankte sich bei den Unterstützern. Auch bei den Neos war die Freude über den Stimmenzuwachs groß. Im Wahlzelt der SPÖ gab es dagegen nur verhaltenen Applaus und vereinzelte Buhrufe, berichtet der ORF.

suc/jok/brt/dpa/Reuters/AP/AFP

insgesamt 33 Beiträge
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spontanistin 15.10.2017
1. Keine Überraschung!
Wenn die Wohlstandsversprechungen der etablierten Parteien nicht mehr glaubwürdig erscheinen, kommt die Zeit der Populisten mit einfachen Feindbildern. Demnächst dann wieder „panem et circensis“ in diesem Demokratie&Theater zur Ruhigstellung der Protestwähler.
palatinum 15.10.2017
2.
Nun da werden wir wohl demnächst erleben können, wie auch das östreichische Rentensystem nach Beispiel des deutschen Systems geschleift wird.
Phildemos 15.10.2017
3. Ein Hoch auf die Demokratie
Es mag manchen nicht gefallen, aber das ist Demokratie. Das Volk entscheidet und nicht die Medien oder die Politiker oder die Eliten.
Manitou-01@gmx.de 15.10.2017
4.
Warum wird die FPÖ blau dargestellt? Es wäre ehrlicher, sie braun zu zeichnen. Bei NEOS hätte Gelb statt Rot/Pink besser für eine neoliberal-extremistische partei gepasst, denn Rot aller Schattierungen ist Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten vorbehalten. Über die "Liste Pilz" schreibt der Artikel gar nichts. Welche politische ausrichtung haben die?
sayang17 15.10.2017
5. Doch etwas früh für diese Schlagzeile
Die Hochrechnung steht bei 44%. Es besteht eine Abweichung von +/- 2,5%. Die FPÖ hat auf die SPÖ gerade 0,6% Punkte Vorsprung. Vielleicht etwas früh für so eine Schlagzeile.
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