Österreich: Warum der kleine Jörg seine Sandburg zerstört

Von Dominik Baur

Zwanzig Jahre führte er sie, jetzt versetzte er ihr den Todesstoß: Jörg Haider hat die FPÖ ins politische Aus katapultiert. Mit einem neu gegründeten Bündnis will er jetzt an frühere Erfolge anknüpfen. Eine letzte Chance für den Kärntner, der nach Expertenmeinung bereits zum "Michael Jackson der Politik" mutiert ist?

BZÖ-Chef Haider: "Mit so was muss man leben"
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BZÖ-Chef Haider: "Mit so was muss man leben"

Hamburg/Hannover - Der Weg in die Bedeutungslosigkeit führt über Hannover. Auf der Messe hat sich gestern der Landeshauptmann eines kleinen österreichischen Bundeslandes eingefunden, um die Werbetrommel für seine idyllische Heimat zu rühren. Nicht nur endlose Radwege, traumhafte Golfplätze und heilende Quellen gibt es dort, sondern auch Wirtschaftswachstum, sinkende Arbeitslosigkeit und ein "kleines Silicon Valley am Wörther See". Das geschilderte Alpenparadies heißt Kärnten, und sein Regent ist Österreichs bekanntester und umstrittenster Politiker: Jörg Haider. Vom "mediterranen Klima" ist die Rede, und ebenso mediterran und braungebrannt strahlt der Regierungschef in die Runde der anwesenden Journalisten.

Doch dann kommt es zu einem Tumult im Saal 106 des Convention Centers der Hannover Messe. Eine Handvoll Jugendlicher, bei denen es sich offensichtlich doch nicht um Schülerzeitungsredakteure handelt, schalten einen mitgebrachten Kassettenrekorder ein: Durch den Raum schallen plötzlich alte Zitate des Kärntner Landeshauptmanns wie das von der "ordentlichen Beschäftigungspolitik" des Dritten Reichs, die jungen Leute werfen wie Konfetti Zettelchen in die Runde. Während sie Sicherheitskräfte unsanft aus dem Raum befördern, rufen Sie noch "Halt's Maul, Rassist!" und "Keine Fritten für Antisemiten". Von einer "kleinen Irritation" spricht Haider und fährt fort vom Kärntner Dreiländereck zu schwärmen, wo romanische, slawische und germanische Kultur aufeinander träfen und sich ganz neue wirtschaftliche Perspektiven auftäten.

Der Rechtspopulist erregt noch immer Anstoß - weit mehr als es seiner Bedeutung mittlerweile entspricht. "Mit so was muss man in der Politik leben", sagt Haider. "Joschka Fischer bekommt die Eier in der eigenen Partei an den Kopf geschmissen." Mag sein, dass es dem österreichischen Enfant terrible gar nicht zuwider ist, schließlich nimmt man ihn noch wahr - und das, obwohl sein Stern längst im Sinken begriffen ist. Zu einem enormen Wahlerfolg mit 27 Prozent der Stimmen hatte der Populist seine Freiheitliche Partei (FPÖ) 1999 noch geführt - um sie wenig später wieder von diesem Sockel zu stoßen. Seitdem befindet sich die Partei zwar an der Seite Wolfgang Schüssels in der Bundesregierung, aber in der Gunst der Wähler nahezu im freien Fall.

"Die FPÖ ist von einer Partei, vor der seinerzeit ganz Europa Angst hatte, zu einer Bewegung geschrumpft, die eigentlich nur noch koalitionstaktische Bedeutung hatte", urteilt der Wiener Politologe Peter Ulram. "Und mittelfristig kommen die auch nie mehr nur annähernd an die zehn Prozent ran." Eine Erkenntnis, der sich offensichtlich auch der selbstverliebte Kärntner nicht mehr verschließen kann. Verzweifelt stemmt er sich gegen den Sog ins politische Nirwana.

Neuester Coup des Populisten: Vor zehn Tagen spaltete er die Partei, der er fast 40 Jahre angehörte und deren starker Mann er seit nahezu 20 Jahren war. Um den zunehmend unbequemen deutschnationalen Flügel seiner Partei loszuwerden, stampfte er das Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) aus dem Boden und sammelte unter der Parteifarbe Orange erneut die FPÖ-Bundesminister, die meisten Nationalratsabgeordneten der Freiheitlichen sowie seinen Kärntner Landesverband um sich.

"Das BZÖ ist primär eine Medienpartei", sagt Ulram. Das Parteiprogramm passt bislang auf eine Seite. Eigentlich könnte man es auch auf zwei Sätze reduzieren. Erstens: Wir stehen hinter Haider. Zweitens: Wir wollen um jeden Preis in der Regierung bleiben. Mehr ist nicht. Begeht der in der Vergangenheit stets unberechenbare Haider nun endgültig politischen Suizid? Schließlich ist es nicht ohne Risiko, eine Partei, die ohnehin auf ein Wählerpotenzial von fünf bis sieben Prozent geschrumpft ist, noch einmal zu halbieren. Immerhin gilt es bei Wahlen zum Nationalrat, dem Bundesparlament, eine Vier-Prozent-Hürde zu überspringen. "Politischer Selbstmord ist durchaus ein mögliches Resultat dieser Aktion", sagt Ulram, schließt allerdings auch nicht aus, dass Haiders Rechnung aufgeht. Schließlich habe Haider immer wieder "rationale Phasen", derzeit scheine er sich in einer solchen zu befinden. Möglicherweise werde er versuchen, sich mit dem BZÖ als eine Art österreichische Alleanza Nazionale zu positionieren - und auf bessere Zeiten zu hoffen. Immerhin gibt es bereits großzügigere Meinungsforscher als Ulram, die dem Bündnis - von den politischen Gegnern bereits als "Bienenzüchter Österreichs" verspottet - bis zu 15 Prozent bei den nächsten Wahlen prophezeien.

Natürlich dürften es nicht nur pragmatische Beweggründe gewesen sein, die den 55-Jährigen zu dem radikalen Schritt bewogen haben. Ein Egozentriker wie Haider duldet keinen zweiten starken Mann neben sich in der Partei. Und der hatte sich in der Person des ultrarechten Wiener FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache (Wahlslogan: "Wien darf nicht Istanbul werden") herausgebildet. "Haider verhält sich wie ein Kind, das eine Sandburg baut und sie lieber zerstört, bevor ein anderes Kind damit spielen kann", beschreibt Strache jetzt schmollend, aber durchaus treffend die Situation.

Vielleicht sah sich Haider der direkten Auseinandersetzung mit dem jungen Widersacher nicht mehr gewachsen und wählte daher die Flucht in die Revolution in Orange - nach dem völlig unpassenden Vorbild in der Ukraine. "Der Haider ist ja inzwischen so eine Art Michael Jackson in der Politik", so Parteienforscher Ulram, "ein nicht nur in die Jahre gekommener, sondern auch alles andere als von Frische gekennzeichneter Popstar."

Auf die Wählerschaft der Deutschnationalen zu verzichten, deren Anteil Ulram bei nur etwa zwei Prozent taxiert, wird Haider seiner Ansicht nach nicht sonderlich schwer fallen. "Wissen Sie, der Haider hat bisher in seiner politischen Karriere jede Position vertreten - und auch deren Gegenteil. Er schafft es, sich jedes programmatische Mäntelchen umzuhängen, das ihm gerade entgegenkommt." In Erinnerung blieben freilich vor allem die rechten Parolen, mit denen Haider gern auf Stimmenfang ging.

Auf den Zettelchen, die verstreut über den Tisch im Saal 106 liegen, steht "Haider ist ein Rassist und Antisemit" und "Haider fordert ein neues Großdeutsches Reich". Während Sicherheitsleute die jugendlichen Störenfriede aus dem Pressezimmer in Hannover drängen, murmelt der Kritisierte: "Eure Probleme möcht' ich auch haben." Vielleicht ist es ja mehr als nur eine rhetorische Floskel.

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