Verschwundene Österreicherinnen Als Teenager in den Dschihad

Ließen sie sich von Salafisten für den Dschihad in Syrien ködern? Interpol und österreichische Behörden fahnden nach zwei verschwundenen Wiener Mädchen - sie wären nicht die ersten, die zur leichten Beute von Extremisten wurden.

Samra Kesinovic, 16 (links), Sabina Selimovic, 15: Zum Dschihad nach Syrien?
Interpol

Samra Kesinovic, 16 (links), Sabina Selimovic, 15: Zum Dschihad nach Syrien?

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München - Das Handy-Signal, das der türkische Geheimdienst in Syrien geortet haben will, könnte für die Eltern der beiden seit Tagen verschwundenen Österreicherinnen zur traurigen Gewissheit werden: Der Zeitung "Hürriyet" zufolge machten Ermittler das Signal im Norden des Bürgerkriegslandes ausfindig. Es soll vom Mobiltelefon eines der beiden minderjährigen Mädchen stammen.

Zwar hat die Wiener Polizei nach eigenen Angaben bislang keine Bestätigung für den "Hürriyet"-Bericht - und dennoch mehren sich damit die Indizien, dass die 15- und die 16-Jährige tatsächlich nach Syrien gereist sind. "Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam", sollen sie zuletzt im Internet unter anderem gepostet haben, die entsprechenden Seiten sind inzwischen vom Netz genommen.

Samra Kesinovic - die Aufnahmen mit Vollschleier wurden nach ihrem Verschwinden gepostet
DPA/ Interpol

Samra Kesinovic - die Aufnahmen mit Vollschleier wurden nach ihrem Verschwinden gepostet

Seit dem 10. April sind die beiden Freundinnen aus Wien verschwunden. Per Flugzeug reisten sie von Wien nach Istanbul, später ging es weiter ins südtürkische Adana. Dort verliert sich die Spur. Wer den beiden die Tickets finanzierte, ist bislang völlig unklar. Vermutet wird, dass sie von Extremisten geködert wurden.

Die Eltern der Mädchen, bosnische Flüchtlinge, die in den neunziger Jahren nach Österreich gekommen waren, und die weitere Verwandtschaft mochten nicht glauben, dass die Botschaften im Internet von den Teenagern stammen sollten. "Das schreibt jemand anderes", sagte ein Onkel eines der Mädchen der Zeitung "Kurier". Schließlich führten Samra Kesinovic und Sabina Selimovic in Wien offenbar ein unauffälliges Leben, gingen zur Schule, hatten Freunde, trugen normale Kleidung.

Umfangreiche Ermittlungen - bislang keine Spur

Auch der Verfassungsschutz stieß bei seiner Analyse nach dem Verschwinden der Mädchen auf keine extremistischen Tendenzen im Umfeld von Samra und Sabina: "Es gibt nicht die geringsten Anzeichen auf irgendwelche Aktivitäten zum Dschihad", sagte Roman Hahslinger, Sprecher der Wiener Polizei, SPIEGEL ONLINE.

Sabina Selimovic - das zweite Foto tauchte nach ihrem Verschwinden auf
DPA/ Interpol

Sabina Selimovic - das zweite Foto tauchte nach ihrem Verschwinden auf

Rund ein Dutzend Beamte ermittele in dem Fall, so Hahslinger, der Bekannten- und Freundeskreis der Mädchen sei groß. Auffälligkeiten hätten sich bei den Recherchen bisher nicht ergeben. Seit einigen Jahren erhalten Samra und Sabina demnach Religionsunterricht in einer Wiener Moschee. Dies sei in Österreich nicht unüblich, weil nicht an allen Schulen Islamkunde gegeben werde.

Den Namen der Moschee wollte Hahslinger nicht nennen. Es handele sich aber nicht um die Altun-Alem-Moschee, in der in der Vergangenheit salafistische Hassprediger aufgetreten sein sollen und die österreichischen Zeitungsberichten zufolge auch von den beiden Mädchen besucht wurde.

Unklar ist, ob die Fotos, die zuletzt von Samra und Sabina gepostet wurden, authentisch sind. Darauf trägt die eine Kopftuch, die andere ist sogar vollständig verschleiert. Den Botschaften im Internet zufolge sind die beiden Teenager inzwischen sogar verheiratet.

Islamistische Emanzipation

Dass sich Frauen aus dem Westen auf den Weg in das Bürgerkriegsland Syrien machen, ist ein Trend, den Behörden mit großer Sorge betrachten. Nach Erkenntnissen des deutschen Bundeskriminalamts sind inzwischen mehr als 40 Frauen aus der Bundesrepublik nach Syrien gereist, um dort zu kämpfen oder Dschihadisten zu heiraten. "Wir beobachten eine zunehmende Zahl von Islamistinnen, die aus eigener Motivation in das Krisengebiet reist", heißt es in Sicherheitskreisen. Einige der Terrortouristinnen sind sogar noch minderjährig - so wie Samra und Sabina.

Im Unterschied zu früheren Ausreisen etwa nach Afghanistan ziehen die weiblichen Extremistinnen inzwischen jedoch nicht mehr nur als Ehefrauen an der Seite ihrer Männer in den Kampf. Zum einen liegt das daran, dass Syrien leichter zu erreichen ist. Mit dem Flugzeug in die Türkei, dann über die grüne Grenze hinein in den Krieg. Zum anderen ist der Grad der Emotionalisierung deutlich höher. Die Aufwiegler der Szene versuchen noch gezielter, mit dem Leid syrischer Muslime den Idealismus junger Gläubiger anzusprechen, Tenor: Wie könnt ihr dabei zusehen? Gerade bei Frauen scheint diese Strategie zu verfangen.

Verfassungsschützer beobachten zudem eine islamistische Emanzipation, die sich vor allem auf den einschlägigen Seiten im Internet vollzieht. Dort treten viele Salafistinnen mittlerweile ebenso forsch auf wie Männer, debattieren entschlossen, hetzen gegen Andersgläubige und wiegeln nicht selten die Möchtegern-Gotteskrieger weiter auf. Zugleich werden gerade im Netz sogenannte Dschihad-Ehen romantisch verklärt.

Als besonders extrem gilt das Beispiel der 15 Jahre alten Gymnasiastin Sarah aus Konstanz, die im vergangenen November aus der elterlichen Wohnung verschwand und in Syrien den Kölner Islamisten Ismail S. heiratete. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg geht davon aus, dass die Jugendliche im Bürgerkriegsgebiet "an der Waffe ausgebildet wird", wie ein Staatsschützer der "FAS" sagte.

Sarah selbst beschrieb ihren Tagesablauf dem Blatt zufolge mit den Worten: "Schlafen, essen, schießen, Vorträge anhören." Im Übrigen, ließ Sarah wissen, sei sie jetzt bei al-Qaida und das Leben überhaupt "nur ein trügerischer Genuss". Inzwischen ermittelt der Generalbundesanwalt in der Sache - wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

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