Offensive der Mubarak-Getreuen "Das Regime schlägt zurück"

Nach den Gegnern Mubaraks melden sich nun seine Anhänger zu Wort - mit Knüppeln, Messern und Baseballschlägern. Ist das die Antwort des Regimes auf die berechtigten Forderungen der Demonstranten nach Demokratie und Freiheit?

Aus Kairo berichten und Volkhard Windfuhr

Anhänger von Präsident Mubarak vor Riesenporträt: Die Regime-Treuen sind zurück
dpa

Anhänger von Präsident Mubarak vor Riesenporträt: Die Regime-Treuen sind zurück


Plötzlich sind sie wieder da. In Bahtim, Zeytoun, Heliopolis und anderen Stadtteilen Kairos stehen sie auf den Straßen, regeln den Verkehr und winken Busladungen voller Mubarak-Anhänger vorbei, die es in Richtung Tahrir-Platz treibt: Ägyptens schwarzweiß uniformierte Polizisten. Tagelang waren sie so gut wie vom Erdboden verschluckt und hatten der Armee quasi die Stadt überlassen. Doch seit Mittwoch, pünktlich zur Gegenoffensive Husni Mubaraks, zur großflächigen Mobilisierung seiner Anhänger und der "Normalisierung der Verhältnisse", wie es seitens der Regierung heißt, hat die Polizei wieder ihren Dienst angetreten.

Zum Schutze der Mubarak-Gegner, so scheint es, ist die Polizei nicht plötzlich wieder aufgetaucht. Bei einer Fahrt durch Kairos Norden ist von Regierungskritikern keine Spur mehr. Geblieben sind hier nur Graffiti an den Häuserwänden, "Erhal! - Hau ab" und "Wir hassen Mubarak". Geblieben sind auch die Reste der Straßenbarrikaden, Pflastersteine und Mülltonnen, mit denen sich die Bürgerwehren gegen die Plünderer der letzten Tage zur Wehr setzten.

Im Arbeiterviertel Bahtim verteilt ein Mann Flugblätter an die Autofahrer. "Schluss mit den Demonstrationen, Schluss mit dem Verrat" steht darauf. Auf der Gegenfahrbahn zieht ein gewaltiger Autokonvoi Richtung Kairos Zentrum. In den hupenden Bussen, auf Motorrädern und Pick-ups sitzen Jugendliche und ältere Männer, kaum Frauen, die ägyptische Fahnen und Bilder von Präsident Mubarak schwenken und "Nein zum Chaos, Ja zu Mubarak!" rufen. Einige von ihnen tragen ungeniert Parteiabzeichen der Staatspartei NDP am Anzug.

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Kairo: Gewalt auf Kairos Tahrir-Platz
Noch weiter nördlich, im staubigen Elendsviertel Shoubra el-Kheima, in einem Meer eng aneinander stehender Wohnkästen aus Lehm und roten Ziegeln, lebt Magdi Hussein (Name von der Redaktion geändert) - ein Mann, der eine bemerkenswerte Geschichte zu erzählen hat. "Ich will keine politischen Ansichten äußern, ich will für niemanden Partei ergreifen, ich will euch nur erzählen, was meinem Sohn Hisham in diesen Tagen widerfahren ist."

Es war am vergangenen Sonntagmorgen, als Hisham, der zurzeit eine dreijährige Haftstrafe in einem Wüstengefängnis zwischen Kairo und Alexandria absitzt, Besuch bekam. Um vier Uhr morgens hielt ein Laster vor dem Gebäude. Zehn vermummte Männer mit Maschinenpistolen im Anschlag stürmten in den Schlafsaal, in dem Hisham sich aufhielt. "Alle raus!" schrien sie, "Sonst erschießen wir euch!" In Sekundenschnelle hasteten die Häftlinge in die Nacht, sie sahen, wie ein Hubschrauber über dem Gefängnis kreiste, sie hörten, wie Schüsse fielen. Stundenlang lief Hisham in Sträflingskleidung durch die Ödnis, bis er irgendwann eine Kleinstadt erreichte, Chatatba am westlichen Nilufer.

Wer sorgte für den Ausbruch der Gefängnisinsassen?

"Mein Sohn sitzt offiziell im Knast, weil er Haschisch rauchte", sagt Hussein, "der eigentliche Grund ist, dass er die Staatspartei kritisierte. Aber er ist keiner von den Mördern und Schwerverbrechern, mit denen er sich die Räume teilte. Er hatte immer Todesangst da drin." Fast zwei Tage hielt sich Hisham in Chatatba auf, dann folgte er einem Fernsehaufruf des Innenministeriums, sich bei der nächsten Polizeiwache einzufinden. "Als mein Sohn zurückkam, wurde er zur Belohnung wie ein Pascha empfangen. Es gab plötzlich saubere Bettwäsche, richtiges Essen. Und man versprach ihm, zur Belohnung sein Strafmaß zu reduzieren. Die Schwerkriminellen aber wurden nicht mehr gesehen."

2200 Häftlinge verschwanden in jener Nacht. Nur 150 von ihnen stellten sich. "Jeder weiß, dass der Sicherheitsapparat selber Befehl erlassen hat, die Gefängnisse zu öffnen und Chaos zu stiften", sagt ein Mubarak-Kritiker, der inzwischen untergetaucht ist. "Der Angstfaktor ist das vorläufig letzte Mittel der Regierung die Proteste zu ersticken."

Mit Gewalt und Einschüchterung meldeten sich am Mittwoch auch die "Anderen" zu Wort, jene, die vorgaben, das Chaos in Ägypten zu beseitigen und für Stabilität zu sorgen - ganz im Sinne Mubaraks. Sie schwenkten aber nicht nur Bilder des Präsidenten. Sie schwenkten auch Knüppel und Messer.

"Das Regime schlägt zurück", flüstert ein Angestellter im Marriott-Hotel in Zamalek. Hinter ihm flimmern Bilder vom Tahrir-Platz über den Fernseher.

"Gott möge uns beistehen."

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insgesamt 82 Beiträge
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turo 02.02.2011
1.
Ich fühle mich von unseren Medien, einschließlich Spiegel-Online, einseitig falsch informiert. Unsere Medien benutzen eine einseitige Strategie. Wer gegen Herrschende ist gut, und wer für das System ist, ist schlecht. Obwohl ich sehr oft in Ägypten war, maße ich mir nicht an, zu sagen, was für diesem Land gut oder schlecht ist. Das können wir nicht. Ich möchte von den Medien wissen, wo liegt der Konfliktpunkt. Wer sind genau die Gegner des Regime. Wer sind die Befürsworter. Es gibt sehr viele Länder in der Welt, die allein mit unserem europäischen Demokratieverständnis gar nicht verglichen werden können. Sehr fatal finde ich die Bildreihe von Spiegel-Online, wo unter dem Bild 18 steht. "Ein Mubarack-Anhänger prügelt auf Demonstranten ein." Man sieht eine männliche Person auf einem Kamel, dessen Maul aufgerissen ist.Der Reitere hat einen Stock in der Hand. Mindestens 4 (offensichtlich Demonstranten dringen mit Schlaginstrumenten auf Kamel und Reiter ein. Die Medien haben den Auftrag neutral zu berichten und keine Partei zu ergreifen.
mehrMutbitte 02.02.2011
2. Die Rechnung wird den Europäern früh genug präsentiert.
Nun haben wir ihnen genug Zeit gegeben um sich neu zu formieren und die viel versprechenden Ansätze der Demonstrationen bis zum heutigen Morgen wieder kaputt zu machen. Und warum? Angst vor den Muslimbrüdern? Wie kurzsichtig müssen unsere politischen Berater sein. Jedes Sich-Nicht-Klar-Possitionieren auf die Seite des ägyptischen Volkes wird uns als Pro-Mubarak ausgelegt, als doppelzüngig bezogen auf ach so viele Demokratieaufforderungen. Das schafft, wenn schon noch nicht radikale Islamisten, dann aber dennoch Misstrauen gegenüber unserem Demokratieverständnis und dies wird Futter sein, für jene, die wir doch so fürchten. Aber man hört die Politiker eisern, fast mubarakisch an ihrem ewig gestrigen Argument festhalten, dass dies Alles Sicherheitsüberlegungen im Kontext des gesamten arabischen bzw. Nah-Ost-Raumes sind. Vielleicht verstehe ich ja nichts von Politik, aber 80 Millionen Ägypter verstehen dies auch nicht und gehen, hoffentlich im September zu einer freien Wahl.
M. Michaelis 02.02.2011
3. ...
Zitat von sysopNach den Gegnern Mubaraks melden sich nun seine Anhänger zu Wort - mit Knüppeln, Messern und Baseballschlägern. Ist das die Antwort des Regimes auf die berechtigten Forderungen der Demonstranten nach Demokratie und Freiheit? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743238,00.html
So unerfreulich es auch sein mag, auch die Mubarak-Anhänger haben einen legitimen Standpunkt. Es ist nicht die Antwort des Regimes, es ist die Antwort der Anhänger.
wachholz.texte 02.02.2011
4. Westerwelle und andere Weicheier
Zitat von mehrMutbitteNun haben wir ihnen genug Zeit gegeben um sich neu zu formieren und die viel versprechenden Ansätze der Demonstrationen bis zum heutigen Morgen wieder kaputt zu machen. Und warum? Angst vor den Muslimbrüdern? Wie kurzsichtig müssen unsere politischen Berater sein. Jedes Sich-Nicht-Klar-Possitionieren auf die Seite des ägyptischen Volkes wird uns als Pro-Mubarak ausgelegt, als doppelzüngig bezogen auf ach so viele Demokratieaufforderungen. Das schafft, wenn schon noch nicht radikale Islamisten, dann aber dennoch Misstrauen gegenüber unserem Demokratieverständnis und dies wird Futter sein, für jene, die wir doch so fürchten. Aber man hört die Politiker eisern, fast mubarakisch an ihrem ewig gestrigen Argument festhalten, dass dies Alles Sicherheitsüberlegungen im Kontext des gesamten arabischen bzw. Nah-Ost-Raumes sind. Vielleicht verstehe ich ja nichts von Politik, aber 80 Millionen Ägypter verstehen dies auch nicht und gehen, hoffentlich im September zu einer freien Wahl.
Kluge Analyse. Wer heute im TV-"Brennpunkt" den total herumeiernden Westerwelle sah, der selbst auf Nachfrage nicht klar darauf antwortete, ob er Mubaraks Rücktritt wolle, und kurz davor in der "Tagesschau" den immer mehr zum Weichei mutierenden Barack Obama - der kann nur noch beten für die mutigen Demonstranten in Ägypten. Aus den ach so vorbildhaften Demokratien wird ihnen niemand helfen. Eine Schande.
wachholz.texte 02.02.2011
5. Miese Propaganda
Zitat von turoIch fühle mich von unseren Medien, einschließlich Spiegel-Online, einseitig falsch informiert. Unsere Medien benutzen eine einseitige Strategie. Wer gegen Herrschende ist gut, und wer für das System ist, ist schlecht. Obwohl ich sehr oft in Ägypten war, maße ich mir nicht an, zu sagen, was für diesem Land gut oder schlecht ist. Das können wir nicht. Ich möchte von den Medien wissen, wo liegt der Konfliktpunkt. Wer sind genau die Gegner des Regime. Wer sind die Befürsworter. Es gibt sehr viele Länder in der Welt, die allein mit unserem europäischen Demokratieverständnis gar nicht verglichen werden können. Sehr fatal finde ich die Bildreihe von Spiegel-Online, wo unter dem Bild 18 steht. "Ein Mubarack-Anhänger prügelt auf Demonstranten ein." Man sieht eine männliche Person auf einem Kamel, dessen Maul aufgerissen ist.Der Reitere hat einen Stock in der Hand. Mindestens 4 (offensichtlich Demonstranten dringen mit Schlaginstrumenten auf Kamel und Reiter ein. Die Medien haben den Auftrag neutral zu berichten und keine Partei zu ergreifen.
Unglaublich, alles ein Komplott: die Bilder im Internet, die Bilder im TV, die Berichte der Beobachter und Korrespondenten. Pfui! Nur der Forist oben ist im Besitz der alleinigen Wahrheit - nur er allein...
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