Offizierskrise in Indiens Armee: Lieber verdienen als dienen

Von Joachim Hoelzgen

Die Streitkräfte Indiens haben ein Problem: Nur noch wenige junge Männer wollen Offizier werden - sie gehen lieber in die IT-Branche. Als Gegenmaßnahme denkt die Armeeführung erstmals über die Einführung der Wehrpflicht nach.

Hamburg - Die Stadt Dehradun am Fuß des Himalaja liegt ziemlich abgelegen vom modernen Indien der Software-Schmieden und IT-Konzerne. Und doch befindet sich hier die eigentliche Kaderschmiede der 1,1-Milliarden-Nation: die Offiziersschule der indischen Armee, die in fast allem dem englischen Gegenstück in Sandhurst nachempfunden worden ist.

Der Offiziersnachwuchs erlernt hier nicht nur die Grundlagen und Finessen des Kriegshandwerks und immer noch den Drill der früheren Britisch-Indischen Armee. In den schneeweißen Hallen der Indian Military Academy werden beim Dinner auch feine Manieren eingeübt und desgleichen gepflegte Konversation vor steil aufgestellten Servietten.

Hart zur Sache geht es dagegen in den Ausbildungsbataillonen der Akademie. Die Offiziersanwärter robben durch Schlamm, üben den scharfen Schuss, das Erklimmen von Felswänden und – man ist hier in Indien – das Fangen von Schlangen.

Lücken an der Dinner-Tafel

Fast alle der mehr als 46.000 Offiziere, die in der indischen Berufsarmee Dienst tun, haben die Ausbildung in Dehradun durchlaufen. Nun aber, mit dem Beginn des neuen Lehrgangsjahrs, sind die Reihen der jungen Leutnants-Aspiranten merklich ausgedünnt, klaffen an den Dinner-Tafeln sichtbar Lücken.

Den Grund für den plötzlichen Mangel an Führungspersonal hat der Chef des indischen Heeres, General Deepak Kapoor, höchstpersönlich ausgemacht. Die Hochschulabsolventen Indiens, so trug er vor kurzem bekümmert in Neu-Delhi vor, entschieden sich lieber für eine Laufbahn in der Industrie, denn als Freiwillige zu den Fahnen zu eilen. So schlimm ist die Lage an der Offiziersfront, dass erstmals seit der Unabhängigkeit im Jahr 1947 erwogen wird, in Indien die Wehrpflicht einzuführen.

"Der Militärdienst für alle könnte ein Weg sein, den wir beschreiten müssen", sagte General Kapoor, ein Haudegen mit großen Erfahrungen als Korps-Kommandeur in diversen Konflikten mit dem Erzfeind Pakistan.

Beförderungen im Schneckentempo

Dass junge Inder die Glaspaläste von Software-Riesen in Bangalore, Bombay und Hyderabad dem Sandhurst des Landes vorziehen, ist unschwer an der Jahrgangsklasse zu erkennen, die Anfang Januar in Dehradun zur Ausbildung antrat: Nur 86 hoffnungsfrohe Offiziersanwärter waren erschienen – insgesamt jedoch hatte die Militärakademie 250 Plätze für angehende Leutnante bereitgestellt.

Ein ähnliches Missverhältnis musste die Kadettenanstalt der National Defence Academy verzeichnen, die südwestlich der Millionenstadt Pune das größte Übungsgelände der Streitkräfte Indiens besitzt. Dort und im stolzen Kuppelbau der Kadettenfabrik werden Abiturienten zu Leutnanten herangezogen, doch auch hier haben sich die Reihen schwer gelichtet: Für das neue Ausbildungsjahr meldeten sich nur 190 Aspiranten, mit 300 aber hatte man gerechnet.

Den Ernst der Lage zeigte auch ein separater Test, bei dem sich von 182 Kadetten-Anwärtern 62 gleich wieder verabschiedeten, um eine Karriere im privaten Sektor einzuschlagen.

Dass die jungen Männer einen Bogen um das Militär machen, obwohl der gesellschaftliche Status von Offizieren als Garanten für ein sicheres und starkes Indien hoch ist, kommt für die Generalität nicht überraschend. Der ehemalige Armeechef Ved Prakesh Malik macht Stress, ein bescheidenes Salär und den harschen Berufsalltag für die Offiziersknappheit verantwortlich – und dazu das Schneckentempo bei den Beförderungen. Zehn lange Jahre dauert es vom Leutnant bis zum Oberleutnant, und dann beträgt der Sold gerade mal 12.000 Rupien, das sind 208 Euro.

Furcht vor Launenhaftigkeit und Desertion

Da winken viele der Studenten ab, sie prüfen lieber gleich im Internet die Stellenangebote. "Ich bin noch nicht mal mit den vier Jahren Betriebswirtschaft durch, habe aber schon Offerten für 65.000 Rupien monatlich – und dazu ist ein Dienstwagen versprochen worden", triumphiert in Delhi etwa Apratim Ghosh, einer der zukünftigen Jung-Manager. 65.000 Rupien, das sind 1132 Euro.

Ob alledem mit der Wehrpflicht beizukommen ist, bezweifeln aber selbst Kollegen des Armeechefs Deepak Kapoor. Sie glauben, dass die Professionalität der Streitkräfte daunter leide und alle möglichen Übel aufmarschieren könnten: "Mangel an Disziplin, Launenhaftigkeit und sogar Desertion", wie Afriv Karim befürchtet, ein Generalleutnant im Ruhestand.

Währenddessen schlagen viele seiner Kollegen, die in Indien mit 52 Jahren pensioniert werden, den Kurs der Jungen von heute ein. Von 3000 Offizieren, die jährlich aus dem Dienst entlassen werden, besucht jeder Dritte anschließend eine Business-School – um am Ende in der Wirtschaft doch noch etwas Geld zu machen.

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