Russischer Olympia-Funktionär: Quecksilber-Krimi in Baden-Baden

Von , Moskau

Olympia-Funktionär Bilalow: Wegen "konzeptioneller Unfähigkeit" bei Putin in Ungnade gefallen Zur Großansicht
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Olympia-Funktionär Bilalow: Wegen "konzeptioneller Unfähigkeit" bei Putin in Ungnade gefallen

Achmed Bilalow wollte Kitzbühel Konkurrenz machen und für Milliarden Rubel Skigebiete in Südrussland erschließen. Doch Präsident Putin hat den Ex-Vize des Olympia-Komitees gefeuert - wegen "konzeptioneller Unfähigkeit". In Baden-Baden klagt Bilalow nun, man habe ihn vergiften wollen.

Ein rätselhafter Patient hat den Weg in Baden-Badens Sophienstraße gefunden. Dort liegt in einem prachtvollen Anwesen eine Arztpraxis, die sich auf Patienten aus dem Osten spezialisiert hat. Die deutsche Internetseite ist noch "im Aufbau", die russische dagegen verweist stolz darauf, schon Zar Nikolaus I. habe das "erlesene Ambiente" des Hauses genossen. Der deutsche Internist, der heute an dieser Adresse praktiziert, führt werbewirksam eine Ehrenprofessur der Universität Krasnodar in Südrussland im Titel.

Aus dem Süden des Riesenreiches stammt auch der Patient, der vor kurzem in der Sophienstraße vorstellig wurde und über Vergiftungserscheinungen klagte. Achmed Bilalow, 42, wurde in Dagestan geboren, einer Teilrepublik des russisch beherrschten Nordkaukasus. Bilalow arbeitete erfolgreich als Baulöwe im Auftrag des Kreml, fiel aber Anfang des Jahres in Ungnade. Putin warf ihn raus, wegen "konzeptioneller Unfähigkeit". Bilalow verließ das Land und tauchte in Deutschland wieder auf.

In Baden-Baden diagnostizierten Ärzte eine Vergiftung mit Quecksilber. Der Grenzwert für das Schwermetall werde in Bilalows Blut um das Vierfache überschritten. Bilalow selbst sagt, er habe sich "schon seit letztem Herbst schlecht gefühlt" und unterziehe sich einer Therapie in Deutschland. Quecksilber verdunstet bereits bei Raumtemperatur und entwickelt giftige Dämpfe. Bilalow glaubt, sein Moskauer Büro sei kontaminiert.

Putins Prestigeobjekt

Nach seiner Rückkehr wolle er Polizei und Staatsanwaltschaft in Moskau in den Fall einschalten. Russische Medien spekulieren über eine gezielte Vergiftung Bilalows. Das Webportal Gazeta.ru sprach gar in Anlehnung an die Ermordung des Geheimdienstüberläufers Alexander Litwinenko 2006 in London mit radioaktivem Polonium von einer "zweiten Polonium-Affäre".

Bilalow gehört zu einem einflussreichen dagestanischen Unternehmerclan mit guten Beziehungen zur Führung. Der Kreml betraute ihn sogar damit, fünf luxuriöse Skigebiete im vom Terror geplagten Nordkaukasus aus dem Boden zu stampfen. Die "Kurorte des Nordkaukasus" sollten mit dem Segen und dem Geld des Kreml den "teuren und überlaufenen Resorts in den Alpen" Konkurrenz machen. Zwei Milliarden Dollar sagte der russische Staat dafür zu, 13 Milliarden Dollar versprach Bilalow, von Investoren einzuwerben.

Die Probleme begannen für Bilalow im Februar. Präsident Wladimir Putin inspizierte Sport-Baustellen in Sotschi am Schwarzen Meer. Russland trägt dort 2014 die Olympischen Winterspiele aus, ein Prestigeprojekt Putins. Viele Sportstätten sind aber noch immer nicht fertig, die Kosten explodieren. Und Putin statuierte an Bilalow ein Exempel.

Eine Baufirma Bilalows war am Bau einer Skisprungschanze beteiligt gewesen. Die Anlage sollte 2011 fertig werden, ist es aber bis heute nicht. Die Kosten belaufen sich auf nunmehr 200 Millionen Euro, sieben Mal mehr als veranschlagt. "Das habt ihr aber toll gemacht. Gute Arbeit", ätzte Putin an die Adresse Bilalows und feuerte ihn als Vizechef von Russlands Nationalem Olympischen Komitee. Er tat es vor den laufenden Kameras des Staatsfernsehens.

Bilalows Vorhaben existiert nur auf dem Papier

Nach dem Rüffel zur besten Sendezeit wurden Rechnungshof und Innenministerium bei Bilalow vorstellig. 800 Millionen Rubel soll Bilalow für Werbung ausgegeben haben, umgerechnet 20 Millionen Euro. Zwei Millionen Euro gab die Firma für Flugtickets und Reisekosten des Firmenvorstands aus. Die Arbeiten an den fünf Skigebieten kamen dagegen kaum vom Fleck. 2011 wurden die Planvorgaben gerade einmal zur Hälfte erfüllt, erfuhr das Massenblatt "Komsomolskaja Prawda". 2012 waren es dann sogar nur noch 21,2 Prozent.

Eine Erklärung fanden die Ermittler, als sie die Firma "Kurorte des Nordkaukasus" im südrussischen Pjatigorsk durchsuchen wollten. Das Unternehmen war in Räumen des örtlichen Golden Hotels registriert, die betreffenden Zimmer waren bis auf Werbebroschüren und einige Dokumente leer. Auch ein zweites Büro war verwaist. Verträge seien mit fiktiven Mitarbeitern geschlossen worden, diese aber nie am Arbeitsplatz aufgetaucht, stellten die Ermittler fest. Es gebe "Grund zu der Annahme, dass die Geschäftsstelle nur nominell existiert und die Tätigkeit der Firma imitierte".

Kurz gesagt: Bilalows Vorhaben, das der damalige Präsident Dmitrij Medwedew unterstützt hatte, existiert im Wesentlichen nur auf dem Papier.

Die regierungsnahe Tageszeitung "Iswestija" hegt deshalb Zweifel daran, dass tatsächlich Killer Bilalow mit Quecksilber nach dem Leben trachten. Der in Ungnade gefallene Unternehmer spekuliere auf Asyl als "politisch Verfolgter".

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Re:Quecksilber-Krimi...
shine31 30.04.2013
Zitat von sysopAchmed Bilalow wollte Kitzbühel Konkurrenz machen und für Milliarden Rubel Skigebiete in Südrussland erschließen. Doch Präsident Putin hat den Ex-Vize des Olympia-Komitees gefeuert - wegen "konzeptioneller Unfähigkeit".
Kann doch garnicht sein, daß Bilalow ein Betrüger und Scharlatan a la Jürgen Schneider ist, also sofort Asyl gewähren! Putin ist doch in den Augen des Westens der "Böse Diktator"...
2. Kriminaltango
seine-et-marnais 30.04.2013
Zitat von sysopAchmed Bilalow wollte Kitzbühel Konkurrenz machen und für Milliarden Rubel Skigebiete in Südrussland erschließen. Doch Präsident Putin hat den Ex-Vize des Olympia-Komitees gefeuert - wegen "konzeptioneller Unfähigkeit". In Baden-Baden klagt Bilalow nun, man habe ihn vergiften wollen. Olympia-Funktionär Bilalow beklagt angebliche Quecksilber-Vergiftung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/olympia-funktionaer-bilalow-beklagt-angebliche-quecksilber-vergiftung-a-897246.html)
Was da Putin so alles nachgesagt wird, das sind die reinsten Krimis, aber das ist alles old fashion. Viel sauberer ist es Gegner mit Hilfe von Drohnen zu jagen, da kritisiert auch Spon oder BILD nicht. Russische Drohnen attackieren Passanten in Baden-Badens Lichtentaler Allee, das wäre was, oder Skiabfahrt in Kitzbühel endete mit einem Schuss. Putin mangelt es da offensichtlich an Phantasie.
3. optional
hador2 30.04.2013
Das Putin über Leichen geht glaube ich ja schon, aber dass er einem überforderten Möchtegern-Baulöwen nach dem Leben trachtet weil der ein paar Prestigeprojekte in den Sand gesetzt hat fällt mir jetzt doch eher schwer zu glauben. Bei Litwinienko und Politkowskaja gings ja um ernsthafte politische Gegner, aber hier?
4. Asyl
chiefseattle 30.04.2013
Mal gucken, ob und wann der Auslieferungsantrag Russlands aus humanitären Gründen abgelehnt wird.
5. Meine Vermutung
klaro.34 30.04.2013
Quecksilber aus billigen Energiesparlampen
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