Nordkoreanische Abgesandte in Südkorea Kims Rote Armee

Sportler, Musiker, Jubelchöre: Hunderte Nordkoreaner reisten zu Olympia in Pyeongchang. Für Südkorea eine Herausforderung. Während im Norden weiter Menschen leiden, nutzt Diktator Kim Jong Un die Gelegenheit für Propaganda im Süden.

Nordkoreanische Delegation mit IOC-Chef Bach (3.v.r.) im Hintergrund
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Nordkoreanische Delegation mit IOC-Chef Bach (3.v.r.) im Hintergrund

Aus Seoul berichtet


Soldaten, die in grau-grünen Uniformen im Gleichschritt marschieren, dazu Panzer und wehende Nationalflaggen: Das sind die typischen Bilder aus Nordkorea, die über die staatlichen Agenturen an die Weltöffentlichkeit gegeben werden. Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang will das Regime ein ganz anderes Image verbreiten. Dazu hat Machthaber Kim Jong Un eine spezielle Truppe nach Südkorea geschickt: seine "Armee der Schönheiten".

Die Kriterien, die erfüllt werden müssen, um der Jubeltruppe anzugehören, sind streng: Die jungen Frauen sollen um die 20 Jahre alt sein, attraktiv, und möglichst größer als 1,65 Meter. Noch dazu müssen sich ihre Familien im Sinne der Diktatur bisher makellos verhalten haben und die Frauen selbst als besonders loyal gelten. Die Ehefrau von Kim Jong Un, Ri Sol Ju, war in der Vergangenheit eine von ihnen.

229 Frauen fand das Regime nun, um beim Sportevent in Südkorea Fähnchen zu schwingen und in die Kameras zu lachen. Sie bekamen alle das gleiche Outfit, rote Mäntel mit schwarzem Fell an Kragen und Ärmeln, dazu halbhohe Schuhe und rote Rollkoffer. Sie wurden geschult, wie sie mit den südkoreanischen Medienvertretern umzugehen haben: Lächeln, winken, aber keine Fragen beantworten. Schon gar keine zu Menschenrechten in ihrem Heimatland.

Seit Tagen stehen sie in Pyeonchang unter Beobachtung. Sowohl die nordkoreanischen als auch den südkoreanischen Sicherheitskräfte verfolgen jede ihrer Bewegungen. Die jungen Frauen reisten in einem Schiff an, in dem sie auch übernachten - komplett abgeschottet von ihrer Umgebung. Proteste bei ihrer Ankunft wurden von der Polizei abgeschirmt.

Offiziell heißt es, es sei keine passende Bleibe für sie nahe den Spielstätten gefunden worden. Tatsächlich dürfte es dem Regime auch darum gehen, sie möglichst gut unter Kontrolle zu behalten. Sollte eine von ihnen die Gelegenheit nutzen und fliehen, wäre es nicht nur für den Norden eine Blamage, auch der Gastgeber Südkorea wäre in Erklärungsnot. Die Gefahr sei aber gering, sagt eine Überläuferin dem US-Sender CNN. "Sie haben alle Familien in Nordkorea, die dann dafür bestraft würden."

Neben der "Armee der Schönheiten" reiste noch ein 137-köpfiges Orchester an, das in der Nähe Pyeongchangs und in Seoul auftreten durfte. Hinzu kommen ein Taekwondo-Demonstrationsteam mit 32 Teilnehmern und weitere Künstler - zusammen mit den Sportlern, Journalisten und Mitarbeitern kamen damit 569 Vertreter des Regimes nach Südkorea, Politiker nicht eingerechnet.

Inszenierung der "Friedensspiele" nicht gefährden

Die südkoreanische Regierung zeigt sich den Gästen aus dem Norden gegenüber zuvorkommend. Zwar lehnte sie es ab, das Schiff der nordkoreanischen Jubeltruppe für die Rückreise mit Öl zu betanken - damit hätte sie gegen das internationale Embargo verstoßen. Davon abgesehen scheute Präsident Moon Jae In, der als Präsident des Dialogs und der Versöhnung vor neun Monaten ins Amt gekommen war, neben den logistischen auch diverse rechtliche Hindernisse für den Besuch der Nordkoreaner nicht. Zu wichtig ist ihm die Inszenierung der "Friedensspiele", um sie daran scheitern zu lassen.

So besteht gegen den Leiter der nationalen Sportkommission Nordkoreas, Choe Hwi, eigentlich ein Einreiseverbot nach Südkorea. Damit hatte ihn der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen belegt. Das Verbot ist Teil der Sanktionen gegen Nordkorea, das nicht von seinem Atomprogramm ablassen will. Damit Choe nun doch mit der hochrangigen Delegation zu den Olympischen Spielen anreisen konnte, zu der auch die Schwester des nordkoreanischen Machthabers zählt, musste der Uno-Sicherheitsrat in einem Schnellverfahren zustimmen.

Damit stellte sich die nächste Frage: Wie sollte die hochrangige Delegation anreisen? Die nordkoreanische Fluglinie Air Koryo darf nicht in Südkorea landen, auch das ist Teil der Sanktionen gegen das Regime. Also kamen die nordkoreanischen Politiker in einem Privatflugzeug, das am internationalen Flughafen von Incheon landete. Normalerweise steuern die Maschinen der Staatsgäste den Militärflughafen nahe Seoul an.

Politisch bugsierte sich Moon in eine schwierige Lage: Nicht nur der japanische Präsident Shinzo Abe, der sein Land durch die Raketen von Machthaber Kim bedroht sieht, auch die Vertreter der US-Regierung zeigten sich wenig glücklich über den Besuch der Nordkoreaner. Das machte US-Vizepräsident Mike Pence bei einem Empfang vor der Eröffnungsfeier am Freitag deutlich.

Nur widerwillig ließ er sich von Moon überreden, den Saal für das gemeinsame Abendessen zu betreten, in dem schon der protokollarische Staatschef Nordkoreas, Kim Yong Nam, Platz genommen hatte. Pence verließ den Raum nach wenigen Minuten wieder - ohne den Nordkoreaner eines Blickes gewürdigt zu haben. Wenn es eines der Ziele von Kim Jong Un war, einen Keil zwischen Südkorea und seine Verbündeten zu treiben, wie von vielen Experten vermutet wird, könnte es kaum ein treffenderes Bild dafür geben.

Eindruck vom Leben außerhalb der Diktatur

Und wie ergeht es den nordkoreanischen Sportlern? Auch die sollen in Pyeongchang fast komplett abgeschottet sein. Mit einer Ausnahme: Die Eishockeyspielerinnen, die mit Südkoreanerinnen in einer gemeinsamen Mannschaft antreten werden. Die Frauen dürften durch ihre Teamkolleginnen zumindest einen Eindruck vom Leben außerhalb der Kim-Diktatur bekommen. Allerdings stehen auch sie unter ständiger Beobachtung - und übernachten in einem separaten Gebäude.

Informationen der "New York Times" zufolge genießen die nordkoreanischen Top-Sportler in ihrer Heimat eine Sonderbehandlung: Für sie stehe immer genügend Fleisch und Gemüse bereit. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das unter den internationalen Sanktionen und Mangelwirtschaft leidet. Bei Erfolgen sei es sogar möglich, dass die Sportler vom Regime beschenkt würden, etwa mit einem Haus oder Auto. Selbstverständlich werden auch sie sorgfältig auf Loyalität geprüft, bevor sie an internationalen Wettkämpfen teilnehmen dürfen.

So folgen auch die nordkoreanischen Wintersportler in Pyeongchang der Propaganda-Inszenierung. Einer von ihnen wurde von einem Reporter in Südkorea gefragt, was sein größter Wunsch sei. Ein Bild mit dem Marschall Kim, entgegnete er.



insgesamt 33 Beiträge
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asdfjkkl 11.02.2018
1. Wenn es den Keim eines beginnenden Friedensprozesses geben sollte ...
Wenn es den Keim eines beginnenden Friedensprozesses geben sollte, dann habe garantiert erst einmal viele Großmächte das Sagen und, wie man jetzt sieht, auch keine Interesse an einer Annäherung. Ich denke, Olympia sollten alle Seiten unbedingt nutzen, einen Friedensprozess neu aufleben zu lassen. Solche Berichte wie "Kims Rote Armee" sind wirklich wenig hilfreich. Denken Sie mal an unsere eigene Geschichte zurück!
rainer_daeschler 11.02.2018
2. Übersetzer
Wenn Nordkorea und Südkorea miteinander reden wollen, sollten sie nicht darauf warten, dass sich die USA als Übersetzer zur Verfügung stellt.
TOKH1 11.02.2018
3. Zwiespältigkeit
Wenn eines in den letzten Jahren klar geworden ist dann, dass NK auf keine Fall eine Wiedervereinigung wünscht. Olympia dient als Projektionsfläche für die Propaganda im eigenen Land. Handverlesene indoktrinierte Menschen reisen in "Einheitsklamotten und Einheitsgedanken" an, um die Fernsehbilder dann den hungernden Menschen in NK zu präsentieren. Zynische Machtinteressen eines kranken Systems sind daran interessiert, in der jetzigen Konstellation nach Außen eine gute Wirkung zu erzielen. Was kommt da gelegener, als die Friedensspiele Olympia. Und dann noch im Nachbar(Bruder)Land Südkorea, die sich nichts sehnlicher wünschen als eine Wiedervereinigung und dafür jegliche Vorsicht ignorieren, weil sie sich wie ein kleines Kind verhalten, dass nach der Liebe der Eltern lechzt und alles dafür tut.
augu1941 11.02.2018
4.
Trotz allen Bemühungen wird es Kim Jong Un kaum gelingen, dass wegen der Teilnahme der Nordkoreaner und ihrem Verhalten bei der Olympiade irgendein ausländischer Beobachter die Einschätzung seiner Herrschaft als Terrorregime ändert. Die Täuschung die Hitler 1936 teilweise gelang, lässt sich nicht wiederholen, zumal die Olympiade ja auch nicht bei ihm stattfindet. Da aber jede militärische Auseinandersetzung mit Kims Regime verhindert werden muss, ist eine Annäherung mit Austausch von Höflichkeiten der richtige Weg, der längerfristig wohl auch Erleichterungen für die Bevölkerung und geringe Öffnung nach außen bringen kann. Eine drastische Verschärfung von Sanktionen gegenüber Nordkorea und komplette Absperrungen von außen , in der Hoffnung das Regime so zu stürzen, würden die Gefährlichkeit für andere Länder und das Leiden der Bevölkerung nur vergrößern. Der friedliche Weg ist sehr lang, siehe Kuba, führt aber zu langsamen Veränderungen in der ausgeübten Diktatur, siehe auch Kuba. Eine Fortsetzung der Kim-Dynastie mit einem Sohn von Kim Jong Un, halte ich für sehr unwahrscheinlich, auch wenn Jong Un nicht durch ausländische Intervention gestürzt wird.
pauschaltourist 11.02.2018
5.
Sowohl dir gegenwärtige Regierung Südkoreas als auch die Journalisten scheinen massiv geschichtsvergessen. Nordkorea nutzt den olympischen Gedanken einzig zur vorgeblichen Annäherung mit dem Ziel, die mittlerweile effektiv wirkenden Sanktionen aufweichen zu lassen. Die Raketenprogramme laufen hingegen ungestört weiter und mittelfristig ballert Kim wieder Raketen über südkoreanische oder japanische Inseln.
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