Winterspiele in Pyeongchang "Wir hatten Angst, dass Kim absagt"

Pyeongchang liegt in unmittelbarer Nähe zu Nordkorea. Gouverneur Choi setzt auf einen positiven Effekt der Spiele auf die Nachbarschaft - und ist erleichtert über die Olympiazusage des Nordens.

Kim Jong Un (am 1. Februar 2018)
AFP

Kim Jong Un (am 1. Februar 2018)

Ein Interview von , Gangwon


Jetzt, Anfang Februar, ist es eisig in der südkoreanischen Region Gangwon. Nachts zeigt das Thermometer oft zweistellige Minuswerte, immer wieder fällt Schnee. Im Sommer jedoch kommen die Touristen zu Hunderttausenden, vor allem Paare zieht es in die Region. Dann schlendern die Besucher am Fluss Soyang entlang, knipsen Selfies mit der Sieben-Meter-Statue des "Mädchens von Soyang" im Hintergrund - oder bereisen die Insel Namiseom. Dort spielt "Winter Sonata", eine höchst erfolgreiche TV-Seifenoper, die der Insel reichlich neugierige Gäste eingebracht hat. Diese sind ein entscheidender Wirtschaftsfaktor, 70 Prozent ihrer Einnahmen macht die Region mit dem Tourismus.

Doch die Branche ist abhängig vom Verhalten des nordkoreanischen Regimes. Ein Teil des ursprünglichen Gangwon befindet sich im Norden, ist heute durch die entmilitarisierte Zone vom Süden abgeschirmt. Mehrere nordkoreanische Raketentests fanden schon in relativer Nähe zu der östlichen Flanke der Halbinsel statt. Macht Diktator Kim Jong Un so weiter, könnten die Besucher ausbleiben.

DER SPIEGEL

Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang, das in Gangwon liegt, sollen die Region nun in aller Welt bekannter machen. Dreimal hatte sich die Provinzregierung als Austragungsort beworben, für 2018 bekamen sie schließlich den Zuschlag. Umgerechnet 10,4 Milliarden Euro wird die Veranstaltung kosten. Was soll das am Ende bringen? Fragen an den Gouverneur der Region, Choi Moon Soon.

SPIEGEL ONLINE: Herr Choi, sind Sie mit den Vorbereitungen der Olympischen Spiele zufrieden?

Choi: Die Vorbereitungen sind fast abgeschlossen, nur ein paar Kleinigkeiten müssen noch geregelt werden. Wir arbeiten noch an besseren Transportwegen für die freiwilligen Helfer, damit sie schneller zwischen den Spielstätten hin- und herkommen. Außerdem wollen wir noch mehr Tickets verkaufen. Bislang haben wir 85 Prozent der Tickets verkauft, das ist mehr als bei den Winterspielen in Sotchi. Wir wollen aber auf 100 Prozent kommen.

Choi Moon Soon
Suhwa Lee

Choi Moon Soon

SPIEGEL ONLINE: Bei manchen Wettkämpfen ist nicht einmal die Hälfte der Tickets verkauft worden.

Choi: Das betrifft vor allem die Sportarten, die in Europa und den USA sehr beliebt sind, zum Beispiel Skilanglauf. Die finden zu sehr späten Uhrzeiten statt, das ist für viele Zuschauer vor Ort nicht attraktiv. Dagegen werden die Stadien bei Eishockey und Speedskating voll besetzt sein. Das Spiel der gemeinsamen Eishockey-Damenmannschaft aus Süd- und Nordkorea ist komplett ausverkauft. Der Andrang ist so groß, dass wir draußen noch Monitore für eine Liveübertragung aufstellen.

SPIEGEL ONLINE: Hat es sich gelohnt, für die Spiele so viel Geld auszugeben?

Choi: Das meiste, umgerechnet 6,6 Milliarden Euro, hat die neue Linie des Hochgeschwindigkeitszugs gekostet. Dadurch sind wir besser an Seoul und den Flughafen angeschlossen, was für unsere Region, die vom Tourismus lebt, sehr wichtig ist. Der Ticketverkauf allein deckt die Kosten ohnehin nicht.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie, dass einige Touristen nicht anreisen wollten, weil sie Angst vor Provokationen aus Nordkorea haben?

Choi: Vor der Teilnahme Nordkoreas war das vermutlich der Fall. Durch die Zusage aus dem Norden hat sich das aber geändert.

SPIEGEL ONLINE: Lange stand das aber nicht fest. Hatten Sie Sorge, dass Kim Jong Un, statt das Angebot anzunehmen, weiter provozieren und drohen würde?

Choi: Davor hatten wir große Angst. Ich glaube aber nicht, dass es tatsächlich Angriffe gegeben hätte. Trotzdem war die Teilnahme Nordkoreas wichtig, wir wollten hier von Anfang an "Friedensspiele" stattfinden lassen.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Spiele auch langfristig zu einer Entspannung führen?

Choi: Das hoffe ich. Wir haben geplant, sowohl durch sportliche als auch durch kulturelle Veranstaltungen wieder mehr mit dem Norden zusammenzuarbeiten. Im April werde ich nach Pjöngjang reisen, im Juni planen wir ein gemeinsames Fußballspiel mit süd- und nordkoreanischen Teams.

SPIEGEL ONLINE: Naturschützer kritisieren, dass Hunderte Jahre alte Bäume abgeholzt wurden, um Platz für Spielstätten zu schaffen.

Choi: Wir mussten in einem Naturschutzgebiet Bäume fällen, das ist richtig. Wir haben aber versucht, die Fläche so klein wie möglich zu halten, und haben an anderer Stelle ein neues Naturschutzgebiet angelegt.

Im Video: Das sagen die Anwohner zu Olympia in Pyeongchang

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie nach den Wettkämpfen mit den Spielstätten vor?

Choi: Auf den Pisten und der Skisprungschanze können unsere Sportler und Teams aus ganz Asien für die nächsten Spiele trainieren. Einen Teil der Gebäude werden wir abreißen, die Instandhaltung würde sonst zu teuer. Ein Stadion wollen wir in eine Schwimmhalle umbauen, in den anderen, kleineren, können Kulturveranstaltungen stattfinden. Wir hatten auch Anfragen von Unternehmen, die gefrorenen Fisch darin lagern wollten. Das haben wir aber abgelehnt.

Mitarbeit: Suhwa Lee

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simonweber1 09.02.2018
1. Einmal
abgesehen von der Farce um die russischen Sportler, zeigt sich hier tatsächlich etwas sehr positives. Wer hätte vor einigen Wochen daran zu denken gewagt, dass Nordkorea und Südkorea gemeinsam an der Eröffnungsfeier teilnehmen. Das ist viel mehr als man jemals erwarten konnte.
ProDe 10.02.2018
2. Der Folterer....“
Die Überschrift ist blanker Hohn. “Einladung vom Folterer“ gemeint war Kim, nicht der Betreiber von Guantanamo... In Deutschland verschwindet die Grenze zwischen Journalismus und Propaganda rasant... traurig.
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