Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Olympisches Feuer: Pekings ominöse Fackelwächter

Von Alexander Schwabe

Sie tragen legere Trainingsanzüge, haben gestählte Körper und sollen darauf trainiert sein, im Notfall zu töten. Die Flammenschützer des olympischen Fackellaufs sind chinesische Militärpolizisten - an ihrem Einsatz mitten in westlichen Demokratien entzündet sich jetzt Protest.

Hamburg - Die Empörung ist riesig, viele Fragen ungeklärt. Wer sind die chinesischen Männer in den blau-weißen Trainingsanzügen, mit den weißen Baseballmützen, manche mit Sonnenbrillen, alle mit schwarzem Hüftbeutel?

Die Männer, die während des olympischen Fackellaufs den engsten Kreis um das Feuer bilden. Die wie Bodyguards neben dem Schutzobjekt herjoggen, dieses löschen und entzünden, wenn sie es für geboten halten. Die handgreiflich werden, wenn zum Beispiel Tibet-Protestierer der Flamme zu nahe kommen. Die bei Gefahr dem Fackelläufer die sogenannte Olympische Laterne abnehmen. Die sie in einen Polizeibus bringen, um sie vor Demonstranten zu schützen.

Chinas Fackelschützer: "Solche Leute haben auf unseren Straßen nichts zu suchen"
AP

Chinas Fackelschützer: "Solche Leute haben auf unseren Straßen nichts zu suchen"

Bei dem olympischen Fackellauf durch London und Paris fielen die chinesischen Sicherheitskräfte der Weltöffentlichkeit auf - und provozierten mit ihrem harschen Vorgehen Protest.

Damian Hockney von der Londoner Stadtpolizei wird in der konservativen Zeitung "Daily Mirror" zitiert: "Solche Leute haben auf unseren Straßen nichts zu suchen. Wenn die Sicherheit eines solchen Umzugs nicht von britischen Kräften garantiert werden kann, sollte er besser gar nicht stattfinden. Wer hat diese Leute geprüft?" Sein Kollege Jenny Jones: "Ich würde gerne wissen, welchen Status sie haben und wie weit sie gehen würden. Sie sahen fies aus. Es war merkwürdig."

Die TV-Prominente Konnie Huq, die selbst als Fackelläuferin in den Straßen Londons unterwegs war, beschrieb die chinesischen Fackelwächter auf Nachfrage der BBC so: "Die Männer in blau machten jeden verdutzt. Niemand schien zu wissen, wer sie waren. Sie wirkten wie Roboter, und ich beobachtete, wie es zwischen ihnen, unserer Polizei und Olympia-Funktionären zu Geplänkeln kam."

Laut Huq führten die Fackelwächter das Kommando: "Sie gaben schneidende Befehle wie 'Rennen!', 'Anhalten!', und ich fragte mich nur: Wer sind diese Leute? Ständig drückten sie meinen Arm nach oben, mit dem ich die Fackel hielt."

Der zweimalige Olympiasieger Sebastian Coe, der das Organisationskomitee für die Spiele 2012 in London leitet, bezeichnete die Männer britischen Medienberichten zufolge als "Schläger".

Offenbar gab es eine klare Aufgabenteilung. Der "Mirror" zitiert einen Sprecher von Scotland Yard: "Unsere Verantwortung lag darin, dem Fackelträger eine sichere Passage zu gewährleisten. Ihre Verantwortung war es, dass die Flamme nicht ausging." Die chinesischen Guards seien nicht von der Londoner Polizei angeheuert worden.

Die Feuerschützer sollen laut "Mirror" zu einer Elitetruppe des chinesischen Militärs gehören. Einige sollen aus Einheiten der gefürchteten "Fliegenden Drachen" rekrutiert worden sein, andere vom "Schwert Südchinas", einer Anti-Terror-Einheit, bei der es so brutal zugehen soll, dass einige Rekruten während der Ausbildung umkommen. Die Zeitung zitiert einen "europäischen Militär" zu den Ausbildungsstandards der Spezialeinheit: "Viele Rekruten sterben innerhalb weniger Wochen. Sie ist blutig und brutal."

In chinesischen Zeitungen werden die Fackelbewacher nicht ganz so martialisch beschrieben. Sie seien "Angestellte des Pekinger Organisationskomitees", das im August 2007 eine "Fackel-Schutztruppe" gegründet hat. Die Einheit soll das Feuer 24 Stunden am Tag auf ihrer 137.000 Kilometer langen und 130 Tage dauernden Reise um den Globus bewachen.

Doch auch nach Angaben chinesischer Medien sind die Mitglieder der Truppe Militärpolizisten, die in China für die Bekämpfung von Unruhen und die innere Stabilität zuständig sind. Zehntausende der "Wujing", wie die bewaffnete Volkspolizei auf Chinesisch heißt, sind unlängst in Tibet und in den angrenzenden Regionen gegen Demonstranten vorgegangen.

"Die Männer, die aus dem ganzen Land kommen, sind alle groß, besonders begabt und kräftig", sagt ihr Chef Zhao Si. Der kleinste der Polizisten misst nach einem Medienbericht 1,90 Meter. Zhao: "Ihre herausragenden körperlichen Fähigkeiten unterscheiden sie nicht im Geringsten von Spitzensportlern." Die Truppe besteht aus zwei Staffeln: Eine 30 Mann starke Mannschaft beschützt die Fackel im Ausland, etwa 40 andere tun das in China.

Einige der Polizisten müssten bis zu 50 Kilometer am Tag rennen, heißt es. Zum Training gehörten Bergläufe von mindestens zehn Kilometern Länge. Außerdem würden die Männer in nationalen Gebräuchen unterwiesen und könnten unter anderem Englisch, Französisch, Spanisch, Japanisch und Deutsch sprechen.

Schon vor vier Jahren gab es Auseinandersetzungen wegen der Sicherheitskräfte beim olympischen Fackellauf. Als die Flamme im Vorfeld der Spiele von Athen durch die Olympia-Städte Sydney und Melbourne getragen wurde, stritten sich die australischen Behörden mit den Organisatoren der Olympischen Spiele darüber, dass die Fackel von Griechen gesichert wurde - Australien jedoch Ausländern die Arbeit als Sicherheitskräfte im Land verbietet.

Australiens Premierminister Kevin Rudd kündigte jetzt an, die chinesischen Sicherheitsleute kämen ihm nicht ins Land. Rudd hält seine Beamten für "mehr als in der Lage", die Fackel zu schützen. Es gebe keinen Grund, dass China seine eigene Sicherheitsmannschaft am 24. April in Canberra im Einsatz habe.

Beim Deutschen Olympischen Sportbund weiß man nichts über den Hintergrund der chinesischen Fackelschützer. Eine Zuständigkeit des Internationalen Olympischen Komitees für Sicherheitsfragen während des Fackellaufs sei nicht gegeben: "Den Fackellauf organisiert der Veranstalter", sagt ein Sprecher in der Frankfurter Zentrale. Alles zwischen dem Entzünden der Flamme in Olympia und dem Anzünden der Flamme im Olympiastadion in Peking sei Problem des Ausrichters, des Pekinger Organisationskomitees (BOKOK).

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Olympia-Protest: Aktivisten stören Fackellauf

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: