Operation "Achilles" "Es gibt keine Frühjahrsoffensive der Nato"

Tausende Nato-Soldaten sind in die von Taliban beherrschte Provinz Helmand einmarschiert, um einen strategisch wichtigen Staudamm zu sichern. Es ist der Auftakt der viel beschworenen Frühjahrsoffensive - aber Verteidigungsminister Jung spielt die Bedeutung des Einsatzes herunter.

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Berlin - Die Zahlen, die heute Morgen aus Afghanistan zu hören waren, beeindrucken auf den ersten Blick. Die bisher größte gemeinsame Operation von Briten, Holländern, Kanadiern, Amerikaner und Afghanen im krisengeschüttelten Land kündigte die Nato an. Insgesamt 5500 Bewaffnete seien in der Region Helmand im Süden des Landes dabei, Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen, Taliban zu jagen und Drogenhändler zu vertreiben, so die Kampfparolen aus der Isaf-Zentrale. Auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wurde: Es war der Start der viel beschworenen Frühjahrsoffensive.

Ein Soldat der britischen Royal Marines beobachtet den See am Kadschaki-Staudamm (Archiv): Operation "Achilles" oder "Adler"?
AP

Ein Soldat der britischen Royal Marines beobachtet den See am Kadschaki-Staudamm (Archiv): Operation "Achilles" oder "Adler"?

Die Nato versucht, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Offenbar beschäftigen sich die Tausenden Soldaten zu allererst damit, das Gebiet rund um den Staudamm Kadschaki zu sichern. Der Damm gilt für einen möglichen Wiederaufbau als entscheidend, da er die Region und mehr als 300.000 Afghanen mit Strom versorgen könnte - wenn denn die Reparaturarbeiten an einem Kraftwerk abgeschlossen werden könnten. Die Taliban haben mehrfach angekündigt, dass sie das Projekt ablehnen und gegen jeden vorgehen werden, der die Elektrifizierung des Gebiets voranbringen will.

Im Schutz des Staudamms sieht auch Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) die eigentliche Bedeutung der Operation. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE relativierte er die Bedeutung des Nato-Einsatzes: "Es gibt keine Frühjahrsoffensive der Nato. Tatsache ist, dass wir seit geraumer Zeit eine gemeinsame 'Operation Adler' durchführen, und zwar zusammen mit afghanischen Streitkräften und afghanischer Polizei." Die heute angelaufene "Operation Achilles" sei Teil der "Operation Adler" und diene dazu, einen Staudamm in der Provinz Helmand vor den Angriffen der Taliban zu schützen. "Das zeigt, wie Sicherheit und Aufbau unmittelbar ineinander greifen", sagte der Minister im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Es ist richtig: Die Nato hat Truppen aufgestockt. Wir wollen abwehrbereit sein, falls eine Frühjahrsoffensive der Taliban erfolgen sollte." Von einer Offensive wollte er dennoch nicht sprechen: Es gehe um die "Gewährleistung von Sicherheit", sagte Jung.

Gelänge es der Nato, das Kadschaki-Projekt zu ermöglichen, würde sie bei der Bevölkerung in der Region sicherlich an Respekt gewinnen. Allerdings muss sie nach dem Start des Aufmarsches auch damit rechnen, dass die Taliban mit ihren unberechenbaren Selbstmordattacken jeden Fortschritt zu behindern suchen. Blumig wie in der Vergangenheit begrüßten die Sprecher der Talibs dann auch die Operation "Achilles". Es sei gut, so einer der Propagandisten per Satellitentelefon, wenn die Truppen nun wieder aus ihren Basen heraus kämen. Für die Taliban seien sie dann ein "leichteres Ziel".

Über Details der Nato-Operation schwiegen sich die Kommandeure aus. Keine Bilder gab es von der in den letzten Wochen so oft angekündigten Offensive gegen die Männer von Talib-Chef Mullah Omar, auch von lokalen Reportern war nicht viel zu erfahren. Selbst die sonst allgegenwärtigen Militär-Fotos von Hubschraubern, die Truppen irgendwo in den Bergen abluden, fehlten diesmal. Nur den Tod eines Isaf-Soldaten just an diesem Tage teilten die Militärs mit, er sei bei Kämpfen im Süden getötet worden.

Dafür gaben sich die Befehlshaber viel Mühe, die Mission richtig zu verkaufen. Mehrmals betonte der niederländische Generalmajor Ton van Loon, oberster Kommandeur der isaf-Kräfte im Süden des Landes, dass die Operation auf Wunsch der afghanischen Regierung stattfindet, und vermied damit den Eindruck, dass die Nato in Afghanistan mitunter völlig abgekoppelt von Kabul und den Interessen des Volks am Hindukusch agiert. Der Einsatz der Militärs werde "die Lebensqualität für alle Afghanen in der Gegend" fundamental verbessern, so van Loon. Schon bald werde das zu merken sein.

Operation "Achilles" - eine mehrdeutige Metapher

Mit der Operation "Achilles" wollen die Militärs vermitteln, dass sie die Taliban an einer ihrer schwächsten Stelle treffen wollen. In der harschen Wirklichkeit von Afghanistan aber ist es ein offenes Geheimnis, dass die Region Helmand sich in der Vergangenheit vielmehr als Achilles-Verse der Nato erwiesen hat. In keinem Gebiet verlor die Schutztruppe so viele Soldaten und so viel Gelände an die Milizen der Koran-Krieger.

Seit mehr als einem Monat haben die die radikalen Islamisten beispielsweise den Distrikt Musa Kala unter ihrer Kontrolle und senden von dort gerne Video-Botschaften an die Fernsehsender rund um den Globus. Alle Bemühungen, darunter heftige Bombardements aus der Luft, konnten die Rebellen nicht vertreiben oder gar einschüchtern. Die Taliban sagen vielmehr, Helmand sei unter ihrer Kontrolle.

Seit Jahren gehört die Region zu den für die Isaf am schwersten zugänglichen Gebieten Afghanistans. Zuerst waren dort nach der Invasion nur die Terror-Jäger der Amerikaner aktiv. Von kleinen Basen führten sie mehr oder weniger gezielte Angriffe auf Talib-Kommandeure aus, ließen sich aber sonst kaum in dem riesigen Gebiet blicken. Aus sogenannten Fire-Bases versuchten sie, Führer der Taliban zu orten. Neben einigen Erfolgen trafen die Angriffe aus der Luft schließlich sehr oft die Zivilbevölkerung, welche die Schutztruppe mittlerweile mehr denn je als Bedrohung denn als Verbündeten betrachtet.

"Wir dachten, wir können mit dem Wiederaufbau beginnen"

Als im vergangenen Jahr die Briten und Kanadier Helmand für die Nato übernahmen, bekamen sie die Ablehnung fremder Truppen blutig zu spüren. Jeden Tag hagelte es Raketen auf Lager und Konvois, viele Soldaten starben. Am Ende gab man sich faktisch geschlagen und zog sich in die Camps zurück. Spricht man heute mit britischen Offizieren, gestehen sie ein, dass sie die Lage in Helmand völlig falsch eingeschätzt haben. "Wir dachten, wir können dort mit dem Wiederaufbau beginnen", so ein britischer Befehlsführer recht offen, "doch wir wurden als Aggressoren betrachtet und massiv angegriffen."

Als Reaktion auf die Gewalt startete die Nato schon 2006 den Versuch, mit einem Großaufgebot von Soldaten, Helmand von den Taliban zu reinigen. 11.000 Mann waren in das Gebiet einmarschiert, damals firmierte die Operation unter dem Namen "Mountain Thrust". Bei heftigen Kämpfen, die fast jeden Tag für Schlagzeilen sorgten, erreichten die Truppen allerdings nicht sehr viel. Der Taliban-Taktik, sich nach Angriffen sehr schnell zurückzuziehen und am anderen Ort wieder zu sammeln, wird man mit konventionellen militärischen Mitteln nur schwer Herr.

Taliban - ein Gegner auf Augenhöhe

Über Erfolge oder Chancen der Nato in ihren Bemühungen zu reden, ist heute sicherlich noch zu früh. Klar aber ist, dass die Operation "Achilles" allenfalls Anfang einer größeren Strategie sein kann. Folglich ließen auch die Isaf-Kommandeure bei ihren Statements offen, wann die nächsten Missionen bekannt gegeben würden. Für die Nato ging es heute auch darum, den Taliban und ihrer Ankündigung einer Offensive für den Frühling zuvor zu kommen. "Was man nun sehen wird, ist eine Reaktion auf unsere Aktionen", sagte ein Sprecher der Truppen.

Allein schon dieses Kalkül sagt viel über die aktuelle Lage in Afghanistan aus. Die Nato, allen voran noch immer die Amerikaner, kämpft nicht mehr gegen einen Widerstand von wenigen im Land. Die Taliban und die vielen von Luftangriffen und getöteten Zivilisten aufgestachelten Sympathisanten der Krieger von Mullah Omar im Land sind mittlerweile ein Gegner auf Augenhöhe.

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