Operation "Adler" 600 afghanische Soldaten sollen Taliban-Rückkehr verhindern

Die afghanische Armee und die Bundeswehr haben ihre Offensive auf eine Taliban-Hochburg bei Kunduz offiziell beendet - vorerst jedenfalls. Jetzt sollen mehrere hundert afghanische Soldaten die Rückkehr der Taliban verhindern. Die Afghanen wollen zudem weitere Operationen bei Kunduz starten.

Aus Kabul berichtet


Rund zehn Tage nach dem Beginn der Operation "Adler" in der Taliban-Hochburg Chahar Darreh bei Kunduz in Nordafghanistan haben afghanische und deutsche Soldaten in der Nacht zum Dienstag ihre gemeinsame Mission offiziell beendet. Bundeswehr und afghanische Armee bestätigten, dass die Operation vorbei sei - allerdings nur vorerst. Ein Sprecher des Bundeswehrkontingents in Kunduz sagte SPIEGEL ONLINE jedoch, die deutschen Soldaten hielten sich weiter bereit, um die Afghanen im Fall des Falles zu unterstützen.

Deutsche Soldaten nahe Kunduz (Archivbild): Kampf gegen die Taliban
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Deutsche Soldaten nahe Kunduz (Archivbild): Kampf gegen die Taliban

Auch der Chef des 209. Korps der afghanischen Armee, General Murad Ali Murad, erklärte die Operation für beendet. Allerdings betonte Murad gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass 600 seiner Soldaten bis zur Wahl fest in Chahar Darreh stationiert blieben, um den Distrikt weiter zu sichern. "Die Taliban sind in großen Teilen nur vor uns geflohen", sagte Murad, "doch wir werden sie daran hindern, nach Chahar Darreh zurückzukehren". Die Afghanen führen demnach weiter jeden Tag Kontrollfahrten durch und haben mehrere Checkpoints errichtet.

Murad zog eine positive Bilanz der Operation, die in der Nacht zum 19. Juli begonnen hatte. Demnach wurden bei Kämpfen mehr als 20 Taliban-Kämpfer getötet und rund ein halbes Dutzend festgenommen. Zu Beginn der Offensive, an der 800 Soldaten der afghanischen Armee ANA, rund 120 afghanische Polizisten und 300 deutsche Soldaten beteiligt waren, starben vier Afghanen durch einen Sprengsatz, mehrere wurden bei Gefechten verletzt. "Trotz der Verluste haben wir gezeigt, dass wir gegen die Taliban vorgehen können", sagte Murad.

Ziel der Operation war es, in der Unruhegegend Chahar Darreh südwestlich des deutschen Feldlagers in Kunduz vor den Wahlen in Afghanistan am 20. August gegen die Taliban vorzugehen und so einen Urnengang in der Region zu ermöglichen. Die Offensive hatte in Deutschland wegen der großen Zahl an beteiligten deutschen Soldaten große Aufmerksamkeit erzeugt, zudem wurde erstmals einer der gerade erst in Kunduz eingetroffenen "Marder"-Schützenpanzer eingesetzt.

"Dieser Fehler soll nicht noch einmal passieren"

Die Deutschen hielten sich jedoch mit Soldaten und Waffen eher zurück. Die deutschen Einheiten, größtenteils Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe QRF und die Schutzkompanie des deutschen Lagers in Kunduz, sicherten meistens nur einen Ring um die afghanischen Kräfte ab, diese durchsuchten dann Häuser und Gehöfte. Der "Marder" feuerte nach internen Bundeswehr-Papieren nur ein einziges Mal. Zu Beginn der Operation wurde ein "Dingo" der Bundeswehr bei einem Angriff mit drei Panzerfäusten schwer beschädigt, es kam aber niemand zu Schaden.

Gleichwohl waren die Kampfhandlungen bei Kunduz die wohl intensivsten seit Stationierung der Bundeswehr in der Region. In einem Fall wurde sogar eine unbemannte Predator-Drohne der US-Armee angefordert, die mit einer Hellfire-Rakete eine Stellung der Taliban zerstörte. Mehrmals forderten die Soldaten Kampfjets der Isaf an, die den Gegnern jedoch nur durch Tiefflugmanöver und Täuschkörper Angst einjagten. Im Militärjargon nennt die Nato dies "show of force", die Betonung der militärischen Überlegenheit der ausländischen Truppen.

Ob die Mission gegen die in Chahar Darreh marodierenden Taliban, deren Zahl die Bundeswehr auf 300 schätzt, ein Erfolg war, werden die nächsten Wochen zeigen. Nach einer ähnlichen Operation im April hatten sich die afghanischen Kräfte aus Chahar Darreh zurückgezogen, kurze Zeit später übernahmen die Taliban die Region wieder und verübten von dort aus mehrere schwere Anschläge auf die Bundeswehr. "Dieser Fehler", so General Murad am Donnerstag, "soll nicht noch einmal passieren". Seine Männer blieben in Chahar Darreh, auch wenn es eine gefährliche Mission sei.

Am Mittwoch hatte sich auch der Oberkommandierende der Isaf-Truppen, US-General Stanley McChrystal, zum ersten Mal nach seinem Amtsantritt in Kabul ein Bild der Lage in Kunduz gemacht. Neben Gesprächen mit Bundeswehroffizieren kam er auch mit dem Provinzgouverneur von Kunduz und anderen Sicherheitsverantwortlichen zusammen. McChrystal hatte sich kürzlich besorgt über die Zunahme von Anschlägen in Nordafghanistan geäußert.

Vorbei ist die Jagd auf die Taliban in der Region mit dem Ende der Operation "Adler" indes nicht. General Murad kündigte an, dass er vor der Wahl noch weitere Distrikte rund um Kunduz einnehmen will, die von den Taliban infiltriert sind. Konkret nannte er die Region Aqtash, Khanabad und Aliabad, die seit Monaten für afghanische und deutsche Soldaten unzugänglich sind. "Wir arbeiten gerade an Plänen, diese Distrikte ebenfalls von Taliban zu reinigen", so Murad, "damit auch hier die Wahlen stattfinden können".

Erfolg nur mit Hilfe der Bundeswehr

Bei den geplanten Operationen, so Murad, setze er auch auf die Hilfe der Bundeswehr. Vor allem bei der Aufklärung von Stellungen der Taliban und der Unterstützung der afghanischen Soldaten aus der Luft könne die Bundeswehr helfen, sagte der 52-jährige General, der auch schon im Süden des Landes gegen die Taliban gekämpft hat. "Wenn wir Erfolg haben wollen, sind wir auf die Bundeswehr angewiesen", betonte der Offizier.

Wie fragil die Erfolge der Operation sind, mussten die deutschen Soldaten heute am frühen Morgen feststellen. Gegen neun Uhr erschütterten die Detonationen von zwei Raketen das Plateau, auf dem das Bundeswehr-Camp nahe des Flughafens von Kunduz steht. Beide Geschosse verfehlten allerdings das Lager, es wurde niemand verletzt. Gleichwohl zeigte die versuchte Attacke, dass die Feinde der Bundeswehr rund um das Lager noch immer aktiv sind.

Die Taliban heizten unterdessen am Donnerstag ihre Propaganda gegen die Wahlen an. In einem Internet-Statement forderten sie die Afghanen zu einem Boykott der Wahlen auf, da diese durch die USA gelenkt seien. Statt zu wählen, sollten die Afghanen sich dem Kampf der Taliban gegen die Amerikaner anschließen, forderte die Erklärung.

Wie zuvor bezeichneten die Taliban die Regierung von Hamid Karzai als Marionette der USA. Die vergangenen vier Jahre hätten den Afghanen nur eine korrupte Regierung und massive Bombardements mit vielen Toten unter der Zivilbevölkerung gebracht, so die Erklärung, die das Logo des "Islamischen Emirats Afghanistan" trägt.



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